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Schweigt die Glocke weiter?

Seit ein paar Monaten gilt für die Glocke der Kamenzer Hauptkirche Nachtruhe. Dann erfolgten Schallpegelmessung. Nun gab es eine Entscheidung.

© René Plaul

Von Ina Förster

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Kamenz. Anfang September 2017 ging ein Aufschrei durch Kamenz: Die Seiger-Schelle am Turm von St. Marien schwieg plötzlich in der Nacht. Und das rief Kritiker, Nachfrager und komischerweise viele Anwohner auf den Plan. Statt die doch beachtlich ruhigeren Nächte zu genießen, schwelgten viele in wehmütigen Erinnerungen an den halbstündigen Glockenschlag. Halbstunden- und Stundenschlag der Schelle wurden nämlich abgestellt. Zumindest zwischen 22 Uhr abends und sechs Uhr morgens. Die einen merkten es schnell. Andere überhaupt nicht. Oder erst, als das Thema über das soziale Netzwerk Facebook hochkochte.

Hintergrund für die Entscheidung, die Turmschelle eingeschränkt schlagen zu lassen, war eine Anwohneranfrage. Eigentlich schon die zweite. Bereits im März 2015 gab es einen offiziellen Antrag eines der Kirchennachbarn, den Stundenschlag in der Nacht ganz abzuschaffen. Man wog damals dieses ernstzunehmende Ansinnen gründlich ab. Und schlug es letztendlich aus. 2017 reichte der gleiche Anwohner eine amtliche Lärmmessung nach. Das Ergebnis zeigte, dass die Schelle wirklich zu laut ist. Deshalb reagierte der Kirchenvorstand damals schnell.

Die technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm aus dem Bundes-Immissionsschutzgesetz besagt nämlich, dass auch einzelne kurzzeitige Geräuschspitzen die Immissionsrichtwerte am Tag um nicht mehr als 30 und in der Nacht um nicht mehr als 20 Dezibel überschreiten dürfen. Selbiges ist in Kamenz der Fall. Eine Testphase begann. Und nach einiger Aufregung gewöhnten sich die Kamenzer doch recht schnell in den letzten sechs Monaten an das nächtliche Schweigen der Hämmer.

Und nun hat der Kirchenvorstand in seiner letzten Sitzung über den Stundenschlag der Hauptkirche St. Marien beraten und einen endgültigen Beschluss gefasst. „Wir hatten eine zweite Schallpegelmessung in Auftrag gegeben. Diese ergab ebenfalls, dass die zulässigen Werte in der Nacht überschritten werden“, so Pfarrer Michael Gärtner. „ Deshalb hat der Kirchenvorstand beschlossen, den Stundenschlag zwischen 22 und 6 Uhr langfristig abzustellen, so wie es in den vergangenen Monaten schon zu Testzwecken praktiziert wurde. Wir hoffen, dass dieser Kompromiss von allen Bürgern der Stadt Kamenz mitgetragen wird. Und dass der Ärger, den manche deswegen verspürten, vergeht und Streit beigelegt wird“, so der Pfarrer. Die Kamenzer mögen sich dafür das Mittagsgeläut zu Herzen nehmen, welches zum Frieden ruft – zum Frieden mit Gott, mit sich selbst und mit dem Nächsten, heißt es abschließend.

Wer mehr über die Hintergründe von Glocken, Turmuhren und Schellen erfahren möchte, der ist übrigens jetzt schon zum Kaminabend Ende Juni eingeladen. Der Arbeitstitel lautet „Glockengeläut und Stundenschlag – die Bedeutung der Glocken für Stadt und Kirche“. Um an ihre religiöse und kulturelle Bedeutung zu erinnern, haben auch die Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland für das „Europäische Jahr des Kulturerbes“ 2018 die Kampagne „Hörst du nicht die Glocken?“ gestartet.