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Schweinekopf vor der Ladentür

Jemand legt einen abgetrennten Kopf vor das arabische Geschäft in der Goethestraße. Nicht der erste Fall in Sachsen.

© Sebastian Schultz

Von Britta Veltzke und Stefan Lehmann

Riesa. Jamal Ibrahim macht am Montagmorgen eine unangenehme Entdeckung. Gegen vier Uhr findet er einen kleinen Schweinekopf vor der Tür seines Ladens Al Rayan in der Goethestraße. Ibrahim ist so früh unterwegs, weil er nach Berlin fahren will, um neue Waren zu besorgen. In seinem Geschäft verkauft der aus Syrien stammende Unternehmer seit Herbst 2016 arabische Lebensmittel.

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Einen Schweinekopf entdeckte der Inhaber am Montag vor seinem Laden in der Riesaer Goethestraße.
Einen Schweinekopf entdeckte der Inhaber am Montag vor seinem Laden in der Riesaer Goethestraße. © privat

Statt sofort in die Hauptstadt zu fahren, macht er ein Foto von dem Tierkopf und verschickt es per Handy. „Ein Freund von mir hat damit dann Anzeige erstattet.“ Er selbst sei wie geplant nach Berlin gefahren. Die Polizei habe gesagt, der Schweinekopf könne vor Ort entsorgt werden, erklärt er der SZ am Telefon. Ein Kollege, der den Ladeninhaber am Dienstag vertreten hat, weist in den hinteren Teil des Ladens, öffnet eine Tür und den darin stehenden Mülleimer. Heraus zieht er eine weiße Plastiktüte. Darin: der etwa 25 Zentimeter große Tierkopf.

Die Polizei teilt mit, bei dem Schweinekopf handle es sich offenbar um ein eher kleines Exemplar, das zudem gegart sei. Er könne „in Richtung eines Spanferkels“ gehen, erklärt Polizeisprecher Thomas Geithner auf SZ-Anfrage. Er weist außerdem darauf hin, dass Fleischstücke an dem Kopf fehlten. Mittlerweile ermittelt das Dezernat für Staatsschutz in Dresden – aktuell wegen Beleidigung. Den Tatbestand sehe man gegenwärtig auf jeden Fall als erfüllt an, sagt Geithner. „Ob am Ende noch andere Straftatbestände infrage kommen, werden die Ermittlungen zeigen.“ Ein politisch motivierter Hintergrund liegt zumindest nahe. Muslime essen nach den Vorschriften des Islams kein Schweinefleisch. Die Tiere gelten als unrein. In anderen Religionen gibt es gleichfalls kulinarische Tabus.

Der Vorfall weckt Erinnerungen an ähnliche Ereignisse aus Leipzig. Dort war 2013 der Streit um einen Moschee-Bau hochgekocht. Im November spießten Unbekannte mehrere Schweineköpfe auf der Baustelle auf. „Das war in jedem Fall eine ziemlich blutige Angelegenheit“, erinnert sich Oberstaatsanwalt Ricardo Schulz. Knapp drei Jahre später kam es zu einem ähnlichen Vorfall; damals war ein totes Ferkel auf dem Gelände abgelegt und mit den Worten „Mutti Merkel“ bemalt worden. Die Verfahren seien mittlerweile eingestellt worden, so Schulz. Es habe schlichtweg keine heiße Spur auf die Täter gegeben, anders als bei dem Vorfall vor einigen Monaten, als ein Dresdner Fußballfan beim Spiel gegen Leipzig einen Bullenkopf ins Stadion warf. „Da hatte man unter den Augen der Öffentlichkeit natürlich ganz andere Möglichkeiten“, betont der Staatsanwalt.

Auch die Herkunft der Schweine sei nicht zu ermitteln gewesen. Ob das diesmal anders ist, muss sich noch zeigen. In Riesa jedenfalls gibt es nicht allzu viele Geschäfte, die Spanferkel anbieten. Als Party-Essen seien die schon gefragt, sagt Holger Selle, Geschäftsführer des gleichnamigen Catering-Unternehmens. Trotzdem bleibt die Zahl der monatlich bestellten Ferkel überschaubar bei höchstens einer Handvoll. „Schweineköpfe kann man allerdings auch einzeln beim Fleischer kaufen.“ Für bestimmte Gerichte wie Sülze sei der Kopf interessant. Allerdings gebe es nicht allzu viele Geschäfte, in denen ein Schweinekopf zu haben sei. „Und selbst beim Spanferkel verkaufen wir häufig nur Keulen.“ Beim ganzen Tier fielen nämlich mehr Abfälle an.

In Riesa hat es bisher noch keine vergleichbaren Vorfälle gegeben. Auch für Ladeninhaber Jamal Ibrahim ist es der erste Fall von Einschüchterung. Allerdings waren Ende August Zettel in der Stadt verteilt worden, auf denen Allah mit Satan gleichgesetzt wurde. In einem anderen Gebäude in der Goethestraße befand sich bis Sommer auch ein muslimischer Gebetsraum. Die Stadt hat ihn mittlerweile aus baurechtlichen Gründen geschlossen.