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Schwere Jungs und Knabenkleider

Die Festung Königstein feiert 2019 die Renaissance, arbeitet aber auch ein umstrittenes Kapitel DDR-Geschichte auf.

Kostümdesignerin Simone Hermsen aus Wehlen präsentiert in der Georgenburg auf der Festung Königstein die Nachbildung eines herrschaftlichen Knabenkleides. Das Original trägt Christian I., Sohn von Sachsen-Kurfürstin Magdalena Sibylle, auf einem Gemälde vo © Foto: Norbert Millauer

Angelika Taube, Verwalterin einer der größten Bergfestungen Europas, hätte am Donnerstag gern eine magische Zahl verkündet: 500.000. Es hat nicht ganz geklappt. Im Jahr 2018 zählte die Festung Königstein in der Sächsischen Schweiz genau 497.429 Besucher. Der heiße August brachte nicht ganz so viele Gäste wie erwartet, Sturm und Regen an den Dezember-Wochenenden verhinderten zudem wohl den einen oder anderen geplanten Besuch des Festungs-Weihnachtsmarkts.

Sei’s drum. Die Festungschefin kann trotzdem zufrieden sein. Immerhin kamen rund 20.000 Besucher mehr als im Jahr zuvor, der Anteil der Gäste aus anderen Ländern stieg auf rekordverdächtige 30 Prozent. Es scheint sich herumgesprochen zu haben, dass die neu konzipierte Dauerausstellung zur über 800-jährigen Festungsgeschichte ein Erlebnis ist, sie wird wohl in diesem Frühjahr ihren millionsten Besucher sehen. Sonderausstellungen und Veranstaltungen taten ihr Übriges.

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Auch in diesem Jahr hat die Festungsgesellschaft viel vor. Aus den zahlreichen Angeboten seien an dieser Stelle drei herausgegriffen.

Die Sonderschau: Jugendwerkhof Königstein 1949 bis 1955

Man sagt, es sein ein „düsteres“ Kapitel DDR- und Festungsgeschichte. Museumspädagogin Maria Pretzschner möchte in der von ihr kuratierten Sonderausstellung ein differenzierteres Bild vom Jugendwerkhof Königstein zeichnen.

Im Jahr 1949 wurde auf der Festung ein geschlossener Jugendwerkhof eingerichtet. Statt sie ins Gefängnis zu stecken, wollte man straffällige Jugendliche hier zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ formen. Das Ergebnis ihrer Forschungen zum Jugendwerkhof kann Maria Pretzschner in zwei Worte fassen: Himmel und Hölle. „Die ersten Zöglinge kamen aus dem Gefängnis Waldheim auf den Königstein“, erläutert die Kuratorin. Verglichen mit dem Gefängnisalltag sei vielen das Leben auf dem Königstein tatsächlich wie der Himmel auf Erden vorgekommen. Sie mussten zwar hart arbeiten, konnten sich aber relativ frei bewegen. Wer sich bewährt hatte, durfte eine Ausbildung zum Schlosser, Tischler, Maurer oder Schuhmacher absolvieren.

Im Lauf der 1950er-Jahre, sagt Maria Pretzschner, habe sich die Situation allerdings geändert. Die „Verbrechen“, für die Jugendliche in den Werkhof kamen, waren nun auch politischer Natur. Es reichte zum Beispiel die Forderung nach echten freien Wahlen, und man landete bei Zwangsarbeit und ideologischer Kollektiv-Erziehung. Der militärisch organisierte Alltag ohne Freizeit, fehlende Rückzugsmöglichkeiten sowie die oft mangelhafte Qualifikation der Ausbilder stießen schon damals auf Kritik. Im Frühjahr 1955 wurde der Jugendwerkhof geschlossen, die Festung bereits wenige Wochen später zum Museum.

Die Sonderschau, die am 5. April öffnet, beleuchtet erstmals die Jahre des Jugendwerkhofs, unter anderem anhand bisher unveröffentlichter Fotos und mithilfe von Zeitzeugenberichten.

Das Fest: Zum Jubiläum wird die Renaissance lebendig

Die Georgenburg auf der Festung wird am 27. Juli genau 400 Jahre alt. Weil dieser Tag auf einen Sonnabend fällt, wird das Jubiläum groß gefeiert. Erstmals in der jüngeren Geschichte wird es auf dem Königstein ein Renaissance-Fest geben – mit Musik und Tanz aus dem 17. Jahrhundert, Fechtvorführungen und einem Renaissance-Feuerwerk. Ein Höhepunkt wird das abendliche Konzert der Lautten-Compagney Berlin werden, ein weiterer der Festumzug, an dem schon jetzt kräftig gefeilt wird. Die Festplaner haben nämlich festgestellt, dass es gar nicht so einfach ist, einen ganzen Umzug in der Mode um 1600 auf die Beine zu stellen. Es gibt einfach zu wenige Nachbildungen von Kleidern aus dieser Zeit.

Dieser Schwierigkeit begegnet man mit zwei Ideen. Zum einen hat die Festung in der Reenactment-Szene nachgefragt, also bei Leuten, die geschichtliche Epochen oder Ereignisse nachstellen. Die Resonanz, sagt Festungschefin Angelika Taube, sei sehr erfreulich. Zum anderen lässt die Festung eigens Kleider nach historischen Vorbildern schneidern. Verantwortlich für die Entwürfe ist die Wehlener Kostümdesignerin Simone Hermsen, die aus rotem Brokat gerade ein Knabenkleid aus jener Zeit fertigen lässt. Jetzt beginnt sie die Arbeit an prächtigen Goldbrokat-Kostümen, wie sie Kurfürst Johann Georg I. und seine Frau Magdalena Sibylle auf einem Gemälde tragen. „Den Stoff gibt es leider nicht von der Stange“, sagt Simone Hermsen. „Wir werden ihn weben lassen müssen.“ Besucher dürfen gespannt auf das Ergebnis sein.

Die Führung: Nachts mit Musik durch sonst verschlossene Räume

In Zusammenarbeit mit der Dresdner 1001 Philalethes Veranstaltungsgesellschaft (Yenidze) wagte die Festung ab April ein Experiment. Überschaubar große Besuchergruppen mit maximal 40 Teilnehmern wandern im Laternenlicht durch die abendlich-ruhige Festung. Mit kurzen Darbietungen lassen Schauspieler und Musiker die Gäste Räume ganz anders erleben, als es ein normaler Festungsbesuch gestattet. Dabei werden den Besuchern auch Türen geöffnet, die üblicherweise verschlossen sind. Die Führung lässt sich über den Online-Veranstaltungskalender der Festung buchen.

Das gesamte Programm und alle Veranstaltungen: www.festung-koenigstein.de

Sie wollen noch besser informiert sein? Schauen Sie doch mal auf www.sächsische.de/pirna und www.sächsische.de/sebnitz vorbei.

Für Informationen zwischendurch aufs Handy können Sie sich unter www.szlink.de/whatsapp-regio anmelden.