Merken

Schwere Vorwürfe gegen einen Polizisten

Der Angeklagte beleidigt die Beamten. Einer soll ihn daraufhin im Streifenwagen misshandelt haben.

Teilen
Folgen

Von Jürgen Müller

Die Anklage klingt eher harmlos, einer von vielen ähnlichen Fällen. Beleidigung und Körperverletzung wird dem 20-jährigen Coswiger vorgeworfen. Er will gar nichts sagen. Dieses Recht hat er als Angeklagter. Später redet er doch. Und wenn es tatsächlich stimmt, was er da behauptet, ist das ziemlich brisant und kann für einen Polizisten sehr unangenehme Folgen haben. Doch der Reihe nach. Die Coswiger Polizei wird am 1. Oktober vorigen Jahres kurz vor Mitternacht wegen Ruhestörung gerufen. Aus einer Gartenanlage dringt laute Musik. Als die Beamten eintreffen, ist plötzlich Ruhe. Dennoch gehen sie zu einem Garten, aus dem der Lärm kam. Der Angeklagte verweigert ihnen den Zutritt zum Garten und gibt auch seine Personalien nicht an. Sie nehmen den jungen Mann mit zum Funkwagen. Da reißt er sich plötzlich los und rennt weg. „Ihr scheiß fetten Bullenschweine, ihr kriegt mich nicht“, ruft er ihnen zu. Während das erste eine Beleidigung ist, stellt der zweite Teil eine Tatsachenbehauptung dar, oder – wie es die Richterin bezeichnet – eine „lebensnahe Äußerung“. Die Möglichkeit, dass die beleibten Beamten den jungen Mann im Laufduell besiegen, geht gegen Null. Doch ihre Kollegen kriegen ihn. Er wird gefesselt und auf die Rückbank des Streifenwagens gebracht. Von dort aus gelingt es ihm irgendwie, auf den Fahrersitz zu gelangen. „Ich hatte Angst, wollte auf keinen Fall mit den Polizisten fahren“, sagt der Angeklagte. Denn zuvor habe der eine Beamte auf ihn massiv eingeprügelt. „Ob mit dem Schlagstock, den Fäusten oder dem Knie, weiß ich nicht mehr“, sagt er. Dann habe er einen Leberhaken gekriegt und sei zu Boden gegangen. Danach habe er Schläge ins Gesicht bekommen und sei ins Auto geworfen worden. „Ich wollte nur raus aus dem Polizeiauto“, sagt er. Um das zu erreichen, täuscht er einen Asthmaanfall vor, als der Rettungswagen eintrifft.

Er bleibt bei der Aussage

Die Richterin unterbricht ihn, belehrt ihn, dass er sich strafbar macht, wenn er jemanden zu Unrecht einer Straftat beschuldigt. Doch der junge Mann bleibt bei seiner Darstellung. Dass er sich das ausdenkt, scheint sehr unwahrscheinlich. Der junge Mann ist intelligent, hat einen Realschulabschluss, weiß, was er sagt und tut. Viele Jahre war er Leistungssportler, schaffte bei einer Weltmeisterschaft sogar den Vizemeistertitel. Dem Leistungssport ordnet er alles unter, bricht sogar die begonnene Fachoberschulausbildung ab, weil er beides nicht vereinbaren kann. Die hohen Erwartungen vor der nächsten WM machen ihn krank. Dann verletzt er sich, muss seine Laufbahn früh beenden. Abtrainiert hat er nie, weder körperlich noch geistig. Er fällt in eine tiefes Loch, nimmt zur Ablenkung sogar Drogen. Und begeht eine weitere Straftat. In Coswig an der Börse verprügelt er einen jungen Mann. Der hatte ihn nur höflich um Feuer gebeten. Der Angeklagte, ohnehin nicht gut drauf, fühlt sich provoziert, ist auch alkoholisiert. Er schlägt den jungen Mann ins Gesicht, der fällt um und ist bewusstlos. Der Geschädigte hat erst wieder Erinnerungen, als er im Krankenhaus aufwacht. Er zieht sich unter anderem zwei Hirnblutungen zu. Acht Tage bleibt er in der Klinik, drei Wochen ist er krank. Zurück bleibt eine Narbe im Kopf, die ihn aber nicht beeinträchtigt. Eine Entschuldigung des Angeklagten hat der Geschädigte strikt abgelehnt.

„Urteil ist viel zu milde“

Inzwischen hat sich der Angeklagte gefangen. Er hat einen Drogenentzug gemacht und eine medizinisch-psychologische Untersuchung bestanden, nachdem ihm die Fahrerlaubnis entzogen wurde. Er kommt aus geordneten Verhältnissen, die Sache belastet ihn sehr. Der Angeklagte habe sich sehr um einen Täter-Opfer-Ausgleich bemüht, dies habe der Geschädigte jedoch abgelehnt, sagt Uta Kofahl von der Jugendgerichtshilfe.

Wegen gefährlicher Körperverletzung und Beleidigung wird der Angeklagte zwar verurteilt, jedoch sehr milde. Er erhält die Weisung, an einem Anti-Gewalt-Seminar teilzunehmen. Die milde Strafe kommt zustande, weil der 20-Jährige nach Jugendstrafrecht verurteilt wird. Das ist bei Heranwachsenden möglich, wenn der Täter „zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung noch einem Jugendlichen gleichstand oder es sich nach der Art, den Umständen oder den Beweggründen der Tat um eine Jugendverfehlung handelt“, heißt es im Jugendgerichtsgesetz. Die Tatbegehung, die Umstände der Taten und seine Person ließen es zu, dass Jugendstrafrecht noch angewendet werde, sagt Jugendrichterin Ute Wehner.

Für den Geschädigten ist das Urteil wie eine Ohrfeige. „Ich empfinde es als viel zu milde“, sagte er nach der Verhandlung. Er wird jetzt Schmerzensgeld einklagen. Da kommt noch was zu auf den Angeklagten. Ob das auch auf den Polizisten zutrifft, bleibt abzuwarten.