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Schwierige Entscheidungen

Mustafa Dogan war noch eine zufällige Entdeckung, später hat der DFB gezielt um die türkischstämmigen Talente geworben.

© imago

Von Sven Geisler

Ausgerechnet Erich Ribbeck. Das klingt absurd, aber er hat in seiner kurzen Amtszeit als Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft etwas Historisches geleistet. Dabei stand er weder für einen modernen Spielstil noch für zukunftsweisende Ideen, sondern für das Scheitern in der Vorrunde bei der EM 2000. Es verwundert also weniger, dass dieser Entschluss nicht etwa von Weitsicht geprägt, sondern aus der Not heraus geboren war.

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Vor dem Confed-Cup 1999 in Mexiko hatten ihm die Nominierten scharenweise abgesagt, Ribbeck suchte verzweifelt nach Spielern, die er mitnehmen konnte auf die Reise nach Mittelamerika. Mustafa Dogan sagte zu. Der Verteidiger von Fenerbahce Istanbul war damals 23 Jahre, und vorher schon zweimal als Ersatzspieler dabei gewesen. Als erster Fußballer mit türkischen Wurzeln gab er am 30. Juni 1999 beim 0:2 gegen die USA sein Debüt in der deutschen Auswahl. Nach einem eher symbolisch gemeinten Einsatz in der Schlussminute beim 0:0 gegen die Türkei vier Monate später war seine Karriere im DFB-Team auch schon wieder vorbei. „Eines steht fest: Für die Türkei hätte ich mehr Länderspiele gemacht“, sagte Dogan rückblickend. Das gilt auch für Serdar Tasci. Er war neun Jahre nach Dogan der zweite türkischstämmige Spieler, seinen letzten von 14 Einsätzen im DFB-Team hatte er bei der WM 2010 für zwei Minuten im Spiel um Platz drei.

Anders als den Verein lässt sich die Nation nicht mehr wechseln, sobald man ein Pflichtspiel für die A-Nationalmannschaft bestritten hat. Viele Jahre hatte man beim DFB die Kinder türkischer Einwanderer überhaupt nicht im Blick. Stattdessen wurden ein Südafrikaner wie Sean Dundee (kein Einsatz), ein Brasilianer wie Paolo Rink (13 Spiele) und ein Ghanaer wie Gerald Asamoah (43) eingebürgert.

Dabei waren in den 1990er- und 2000er-Jahren Talente in deutschen Klubs groß geworden, die sowohl für die Türkei als auch für Deutschland hätten spielen können. Bei Mehmet Scholl war es insofern klar, dass er nach der Scheidung seiner Eltern keinen Kontakt zu seinem türkischen Vater hatte, den er mal als seinen „Erzeuger“ bezeichnete. Seine Mutter heiratete ein zweites Mal, er hatte keine Beziehung zur Türkei. Folgerichtig trug er das Trikot mit dem Adler auf der Brust.

Für andere war es deutlich kniffliger, weil sie sich zwischen ihrem Geburtsland und der Heimat ihrer Eltern entscheiden mussten. Auch Mesut Özil verweist auf diesen Zwiespalt, wenn er von seinen zwei Herzen spricht. Das empfinden andere Deutsche mit türkischen Wurzeln ähnlich. „Vielleicht“, sagte Hamit Altintop vor dem Aufeinandertreffen im Halbfinale der EM 2008 nachdenklich, „bin ich beides: Türke und Deutscher.“ Der frühere Profi von Bayern München wurde wie Özil in Gelsenkirchen geboren und hat sich für die Türkei entschieden.

Löw zeigt Verständnis

Genau wie der Dortmunder Nuri Sahin, der zudem sein erstes Tor im ersten Länderspiel 2005 gegen Deutschland erzielte. „Bei mir war es wirklich eine reine Entscheidung des Bauches“, erklärte er. „Es hätte sicherlich auch anders ausgehen können. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, habe hier viele Freunde. Das ist auch mein Heimatland.“ Joachim Löw hat Verständnis für diesen inneren Interessenkonflikt. „Die Türken ziehen eine besondere Moral aus ihrem Nationalstolz“, sagte der Bundestrainer, der dabei auf seine Erfahrungen als Trainer bei Fenerbahce Istanbul verwies.

Er sprach offen von einem „Kampf um die deutsch-türkischen Spieler“, aber es werde niemand unter Druck gesetzt. „Wir reden mit ihnen, zeigen ihnen Perspektiven auf, machen aber keine Versprechungen.“ Die sportlichen Aspekte wie die Konkurrenzsituation auf ihrer Position sollten nicht ausschlaggebend sein. „Wer sich entscheiden muss und will, sollte sich Gedanken machen: Wo möchte ich spielen, an welcher Nation hängt mein Herz?“, meinte Löw bereits 2011: „Wir wissen, dass der Familienrat dabei eine große Rolle spielt.“

Es gehört zu dieser paradoxen Geschichte des Fußballers Mesut Özil, dass er von türkischen Fans ausgepfiffen worden ist, als er für Deutschland auflief. „Das belastet mich nicht. Ich kann mich in solchen Situationen professionell verhalten und es ausblenden“, sagte er nach dem Pfeifkonzert in Berlin 2010, jener Partie gegen die Türkei, nach der er Erdogan das erste Mal begegnet ist. Jetzt, nach seinem Rücktritt, wird er von den türkischen Fußballfans wie ein Volksheld gefeiert. Sein Fall dürfte junge Spieler nachdenklich stimmen, wenn sie sich entscheiden sollen. Für Ilkay Gündogan, den anderen Erdogan-Besucher, stand das nie infrage. „Für mich war immer klar, dass ich für Deutschland spielen möchte, auch wenn der türkische Verband alles gegeben hat, um mich zu bekommen“, sagte er zu seinem Debüt 2011.

Anders als Özil hat sich Gündogan vor der WM zu den Fotos mit dem umstrittenen türkischen Staatspräsidenten geäußert. „Wir sind in Gelsenkirchen geboren und aufgewachsen“, betonte der 27-Jährige. „Die Stadt hat einen sehr hohen Migrationsanteil. Es war daher für mich ein tiefer Schlag, dass es so dargestellt wird, dass wir nicht integriert seien und nicht nach deutschen Werten leben würden.“ Ein Statement gerade noch zum richtigen Zeitpunkt, wie es im Nachhinein erscheint.

Ein anderer deutscher Nationalspieler hatte sich der Veranstaltung in London, zu der alle türkischstämmigen Profis aus der englischen Premier League eingeladen waren, jedoch verweigert. Emre Can fehlte bei der WM wegen einer Verletzung, ist aber sicher ein Kandidat für den Neustart.