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Schwierige Wahrheitsfindung nach der Mafa-Schießerei

Nach einem ungewöhnlichen Prozess verurteilt das Gericht den Angeklagten Martin T. zu mehr als fünf Jahren Haft.

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© Daniel Förster

Von Maren Soehring

Gerichtsbericht. Es war ein ebenso spektakuläres wie kompliziertes Verfahren: kaum belastbare Beweise, nur wenige Indizien, und zwei Tatzeugen, die sich in fast allen Punkten komplett widersprachen. Über fünf Verhandlungstage hinweg versuchte die Schwurgerichtskammer des Dresdner Landgerichts vor allem die Vorgeschichte der Schießerei zu ergründen, die im Sommer 2015 in Heidenau für Aufsehen sorgte. In der Nacht zum 27. Juli fielen auf dem Gelände der ehemaligen Maschinenfabrik (Mafa) Schüsse. Zwei 9-Millimeter-Patronen trafen den damals 52-jährigen Andreas M. aus kürzester Distanz, verletzten ihn schwer. Dennoch gelang ihm die Flucht, er wurde noch am selben Tag in der Uniklinik Dresden notoperiert. Bis Mitte September lag M. im Krankenhaus, davon mehr als einen Monat im künstlichen Koma. Noch heute leidet der ehemalige Kraftsportler, der im Prozess als Nebenkläger auftrat, unter Taubheitsgefühlen in den Armen, hat Probleme mit Schilddrüse und Lunge.

Auch der Schütze flüchtete zunächst, entsorgte die Tatwaffe nach eigenen Angaben bei Pieschen in der Elbe. Einen Tag später stellte sich Martin T. der Polizei. Von Beginn an räumte er die Schüsse ein: Die Pistole sei seinem Opfer bei einer Rangelei in seiner KFZ-Werkstatt heruntergefallen, er habe sie aus Angst gegriffen und abgefeuert, so T. Bereits im Sommer 2011 habe er sich von seinem späteren Opfer M. Geld geliehen. 15 500 Euro in zwei Tranchen, per Handschlag seien zehn Prozent vereinbart worden. Doch diese habe M. nicht jährlich, sondern monatlich kassiert. Bei Säumnissen folgten Strafzuschläge, am Ende sei es um 90 000 Euro gegangen. T. berichtete von Beschimpfungen und immer heftigeren Drohungen gegen sich und seine Familie. Er sei von M. überwacht und heftig zusammengeschlagen worden. „Ich hatte Angst um mein Leben und meine Angehörigen“, so T. In der Nacht habe er gemeinsam mit M. nach Konstanz fahren und bei einer Bekannten eine größere Summe abholden wollen, um ihn ruhig zu stellen.

Von all dem wollte wollte der 53-jährige M. in seiner Zeugenaussage jedoch nichts wissen. Er besitze keine Waffe, habe T. weder geschlagen noch bedroht. In der fraglichen Nacht habe T. ihn quasi aus dem Hinterhalt niedergestreckt, so M. Allerdings ist der gelernte Maurer in der Szene kein Unbekannter, war in den 1990er-Jahren im Rotlichtmilieu aktiv. Mehrere Vorstrafen stehen zu Buche – Waffenbesitz und diverse Erpressungs- und Gewaltdelikte. Auch aufgrund dieser Tatsachen hielt die Kammer M.’s Zeugenaussage für nicht verwertbar. Seine Angaben seien entweder widerlegbar oder völlig unglaubhaft, so der Vorsitzende Richter Birger Magnussen. Zwar hätte die Kammer auch mit T.’s Angaben teilweise große Probleme gehabt, das Gegenteil aber nicht beweisen können. „Im Zweifel für den Angeklagten“, so Magnussen. So sei es nicht nachvollziehbar, warum T. die Waffe – die bis heute nicht gefunden werden konnte – entsorgt habe. Auch sei es unverständlich, warum T. sich über Jahre von M. habe erpressen und drangsalieren lassen, so der Richter.

Am Ende verurteilte die Kammer den gelernten Steinmetz T. wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu fünf Jahren und drei Monaten Haft und blieb damit etwas unter der Forderung der Staatsanwaltschaft von sechs Jahren. Sein Verteidiger hatte auf drei Jahre plädiert, der Vertreter des Nebenklägers sogar auf zwölf Jahre Gefängnis.