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Die Frau, die Filme zum Klingen bringt

Freya Arde hat als Filmkomponistin schon Preise abgeräumt. Aufgewachsen ist sie in Polenz bei Neustadt. Jetzt erscheint ihr erstes Solowerk.

Das machen, was einen fasziniert: Nach der Vertonung mehrerer Kinofilme veröffentlicht Freya Arde ihr erste EP.
Das machen, was einen fasziniert: Nach der Vertonung mehrerer Kinofilme veröffentlicht Freya Arde ihr erste EP. © Juliana Socher

Von Dirk Schulze

Wer "Das geheime Leben der Bäume" gesehen hat, den Kinofilm nach dem gleichnamigen Bestseller von Peter Wohlleben, der hat ihre Musik gehört. Als Filmkomponistin setzt Freya Arde die Bilder der Kamera klanglich in Szene. Im Jahr 2016 wurde die Komponistin, Musikerin und Produzentin, damals noch unter ihrem bürgerlichen Namen Franziska Henke, dafür mit dem Deutschen Filmmusikpreis ausgezeichnet.

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Jetzt veröffentlicht Freya Arde ihr erstes Solowerk. Die EP „Spirit Awake“ erscheint am 27. November auf allen gängigen Streaming-Plattformen. Parallel dazu feiert die von ihr vertonte Webserie „2 Minuten – der Test“ in der ARD-Mediathek Premiere. Aufgewachsen ist Freya Arde in Polenz bei Neustadt. Sie hat an der Dresdner Musikhochschule und an der Filmuniversität Babelsberg studiert. Sie lebt und arbeitet in Dresden.

Bisher haben Sie fast ausschließlich Filmmusik komponiert, jetzt veröffentlichen Sie ihre erste Solo-EP. Wie kommt‘s?

Das stand schon sehr lange an. Ich hatte durch die Filme immer relativ viel zu tun. Nach „Das geheime Leben der Bäume“ hatte ich ein bisschen Zeit. Da habe ich mir gesagt, ich muss das jetzt einfach machen. Ich hatte schon zwischendurch immer Ideen gesammelt, die neben der Filmmusik entstanden sind. Für die EP habe ich jetzt fünf Tracks zusammengestellt.

Sie schreiben also auch abseits konkreter Filmprojekte immer Musik?

Das ist einfach ein Zufluchtsort für mich. Bei den Filmmusiken muss ich variabel sein und sehr auf die Wünsche des Regisseurs oder der Regisseurin eingehen. Bei meiner eigenen Musik bin ich vollkommen frei und kann meiner inneren Stimme folgen. Das war mir wichtig.

Wie läuft die Arbeit als Filmkomponistin ab, kommen die Regisseure mit klaren Vorstellungen zu Ihnen oder bekommen Sie die fertigen Bilder und dann heißt es: Mach mal?

Das ist unterschiedlich. Ich mag es, wenn ich früh mit einbezogen werde. Gerade habe ich ein Drehbuch gelesen, zu dem noch kein Dreh stattgefunden hat. Ich weiß zwar, welche Schauspieler dabei sein werden, aber noch nicht, wie es wirklich aussieht. An dem Punkt denke ich mir ein Musikkonzept aus und entwickle Klangbilder aus dem, was ich lese. Wenn man später das Bild vor sich hat, kann das noch mal eine große Auswirkung auf die Musik haben. Bei Fernsehprojekten hingegen arbeitet man oft sofort aufs Bild, da muss es relativ schnell gehen. Beim Kino hat man eine längere Entwicklungszeit.

Sind bei der Arbeit an der Solo-EP auch Bilder vor Ihrem inneren Auge abgelaufen?

Ja, schon, aber ich möchte es gern den Hörern überlassen, ihre eigenen Bilder entstehen zu lassen.

Für die Musik zu „Nellys Abenteuer“ wurden Sie 2016 mit dem Deutschen Filmmusikpreis in der Kategorie Nachwuchs ausgezeichnet. Hat sich dadurch viel verändert?

Ich hatte das große Glück, dass ich noch als Studentin meinen ersten Kinofilm vertonen durfte. Das war eine riesige Ehre. Dass ich dafür gleich den Deutschen Filmmusikpreis bekommen habe, war unheimlich toll. Dadurch habe ich einen Fuß in die Tür bekommen. Der Regisseur Dominik Wessely, mit dem ich „Nellys Abenteuer“ gemacht habe, hat mir auch den ersten Job nach dem Studium verschafft, ein Dokumentarfilm fürs Fernsehen über Charlotte Knobloch. Danach ging es Schritt für Schritt immer weiter.

Wie unterscheidet sich die Solo-EP musikalisch von den Filmmusiken? Auch die EP klingt eher sphärisch, klassische Songstrukturen sind kaum auszumachen.

Es ist moderne Instrumentalmusik, die man wahrscheinlich auch als Neoklassik bezeichnen könnte. Nur dass ich auf das Klavier bewusst verzichtet habe, um meine Wurzeln als Gitarristin zu zeigen. In der Filmmusik kann ich sehr wandelbar sein, aber auch dort arbeite ich gern atmosphärisch. Das habe ich jetzt in der EP besonders forciert. Das ist einfach etwas, das in mir steckt und zu mir passt. Ich versuche mehr meine innere Stimme zu finden, wenn ich eigene Kompositionen schreibe.

Bleiben Sie in Zukunft bei der Filmmusik oder wollen Sie verstärkt als Solokünstlerin arbeiten?

Ich kann ohne Film gar nicht leben. Ich brauche die Filmmusik, es ist ein wundervoller Beruf, diese Musik zu kreieren. Genauso sehr brauche ich es, Musik für mich selbst zu schreiben. Das ist für mich wie Atmen. Ich brauche das einfach, damit es mir gut geht, für die Seele. Die Filmmusik ist das, womit ich das Geld verdienen werde. Von Streaming allein kann man nicht leben, auch nicht von CD- oder Plattenverkäufen. Das einzige, was funktioniert, sind Live-Konzerte und die sind gerade nicht möglich. Sobald es geht, will ich meine Musik aber auch auf die Bühne bringen.

Für Musiker, die von Konzerten leben, sieht es aufgrund der Corona-Pandemie gerade sehr düster aus. Wie ist es bei Ihnen als Filmkomponistin?

Ich hatte riesengroßes Glück. Es gab viele Drehstopps. Im März und April war ich davon betroffen, als ein für mich wichtiger Film um zwei Jahre verschoben wurde. Dann steht man auf einmal ohne Arbeit da, ein großer Teil des Jahreseinkommens bricht weg. Zum Glück gab es dann noch andere Anfragen. Aktuell darf die Filmbranche unter strengen Auflagen arbeiten. An meiner Arbeit an sich hat sich nicht viel geändert. Ich bin im Studio und schreibe Musik.

Sie haben mal erwähnt, dass es ein entscheidender Moment für Sie war, als Sie im Abspann eines Films zum ersten Mal den Namen einer Frau als Filmkomponistin bewusst wahrgenommen haben - Annette Focks. Was würden Sie jungen Frauen empfehlen, die einen künstlerischen Weg anstreben?

Einfach machen, was einem gefällt. Das gilt natürlich unabhängig vom Geschlecht. Das, was einen anzieht, was einen wirklich fasziniert, das sollte man versuchen. Auch wenn vielleicht nicht alles dafürspricht und man niemanden kennt, der so einem Beruf nachgeht. In meiner Familie hat niemand einen Bezug zur Kunstszene. Eigentlich ist es unvorstellbar, wenn man aus Polenz kommt, dass man Filmkomponistin wird. Aber man entdeckt die Orte, an denen man anderen Menschen begegnet, die das Gleiche wollen; die Film, Musik oder Kunst machen wollen. Und dann wird das irgendwie klappen. Und falls nicht, kann man immer noch etwas anderes machen. Einfach seinem Herzen vertrauen.

Die EP „Spirit Awake“ erscheint am 27. November auf allen gängigen Streamingplattformen. Mehr unter freyaarde.com

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