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Skispringen damals: Weitenjagd unter Flutlicht

Auch in der Sächsischen Schweiz wurde Ski gesprungen. Doch die Grenzwinkelschanze in Sebnitz existiert nicht mehr.

Die Tage der Grenzwinkelschanze sind zum Zeitpunkt dieses Schnappschusses längst schon gezählt.
Die Tage der Grenzwinkelschanze sind zum Zeitpunkt dieses Schnappschusses längst schon gezählt. © privat

Am Rand der Sächsischen Schweiz gab es einst eine Skispringer-Hochburg. Die Grenzwinkelschanze im Sebnitzer Ortsteil Hertigswalde gehörte bis zur Wendezeit zu den attraktivsten Schanzenanlagen unserer Region. 1993 fand mit einer Regionalmeisterschaft die fast 60-jährige Tradition des Skispringens in der Kunstblumenstadt ihr Ende. Sportler aus Sebnitz heimsten bei nationalen, aber auch internationalen Titelkämpfen jede Menge Podestplätze ein. Namen wie Gerd Siegmund, Heiko Hunger, Jürgen Thomas oder die Brüder Thomas und Uwe Prenzel wurden weit über die ehemalige Bezirksgrenze hinaus bekannt.

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg wurde die erste Sprungschanze in Hertigswalde erbaut. Vor rund 5.000 Zuschauern fand 1935 die Weihe der Helmsbergschanze statt. Die Bestweite lag bei 27 Metern. Im Volksmund setzte sich der Name Grenzwinkelschanze durch. In dieser Vorkriegszeit gründete sich auch die Sebnitzer Skizunft. Die damaligen Springer Günther und Gunter Seifert berichten, dass sie auch auf einer kleinen Sprungschanze am Saupsdorfer Wachberg Wettkämpfe bestritten haben. Nach dem Ende des Krieges wurde die Grenzwinkelschanze wieder aufgebaut. Am 8. Februar 1953 gab es die Neueröffnung, Kurt Stemme aus Geising sprang mit 31,5 Metern am weitesten. In den folgenden Jahren fanden viele Kreis-, Orts- und Schulmeisterschaften statt. Nicht nur im Sprunglauf, auch Lang-, Tor- und Abfahrtslauf wurde in Sebnitz betrieben. Sportler wie Rainer Loth oder Hanspeter Zirnstein gehörten zu den erfolgreichsten Wettkämpfern. Im Springen war oft Jürgen Loth siegreich.

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Die Sebnitzer Schanzen waren Jahrzehnte lang ein Treffpunkt für junge Skispringer aus der Region.
Die Sebnitzer Schanzen waren Jahrzehnte lang ein Treffpunkt für junge Skispringer aus der Region. © privat

Am 12. Januar 1964 wird unweit von Sebnitz, in Polenz, die Polenztalschanze eingeweiht. Die Anlage mit einem kritischen Punkt von 28 sowie 12 Metern wird später mit Matten belegt. Den ersten Wettbewerb gewinnt Jürgen Loth. Springer wie Dieter und Horst Hille oder Erhard Hunger sind auf dieser Sprungschanze zu Hause. „Es war schon ein schwieriger Bock“, erinnert sich Steffen Schneider, selbst Springer und später viele Jahre lang Trainer in Polenz und Sebnitz. Der heutzutage in Titisee-Neustadt im Schwarzwald lebende Schneider sammelte Meriten bei Nachwuchsmeisterschaften, DDR-Spartakiaden und Dynamo-Spartakiaden. Über soziale Netzwerke hält er noch immer Kontakt zu ehemaligen Mitstreitern wie Raik Kullmann, Torsten Rapke, Rene Schiller oder Alexander Fuchs. „Es war damals eine tolle Zeit, da denkt man gern zurück. In guten Zeiten hatten wir 30, 40 Springer hier in Sebnitz im Verein“, erklärt Schneider. Auch im benachbarten Ottendorf wurde eine kleine Übungsschanze für Weiten bis zehn Metern errichtet.

Im Jahr 1966 wird eine Flutlichtanlage an der Grenzwinkelschanze installiert. Zwei Jahre später werden Matten verlegt und es entstehen neben der 42-Meter-Schanze noch drei kleinere Anlagen mit den K-Punkten 32, 18 und 12. 1975 holt Heiko Hunger als zehnjähriger Schüler den DDR-Meistertitel in seiner Altersklasse und gewinnt den namhaften Trommelpokal. Der heute in Stuttgart lebende 56-Jährige startet später in der Nordischen Kombination und wird 1983 Junioren-Weltmeister im finnischen Kuopio im Einzel sowie ein Jahr später Goldmedaillist im Team bei der Junioren-WM in Trondheim (Norwegen). 1984 gewinnt er in Oberwiesenthal seinen einzigen Weltcup. Hunger sattelt später um und wird Spezialspringer, wo er 1991 im italienischen Fleimstal mit der Mannschaft WM-Bronze ergattert. Zuvor erreichte Jürgen Thomas bei der Vierschanzentournee 1976/77 beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen einen starken neunten Platz. 1980 stürzt Thomas auf der Mühlleithener Vogtlandschanze schwer – ein Oberschenkelhalsbruch sorgt für das frühzeitige Karriereende.

Dynamo als „Stasiclub“ verschrien

Mit den Prenzel-Brüdern starten zwei weitere Sebnitzer Sportler durch. Gemeinsam nehmen sie 1988 an den Olympischen Spielen in Calgary (Kanada) in der Nordischen Kombination teil. Ein Jahr zuvor war der zwei Jahre jüngere Thomas Junioren-Weltmeister im italienischen Asiago geworden, sein Bruder Uwe landet 1988 bei einem Weltcup am berühmten Holmenkollen auf Rang drei. Der in Neustadt wohnende Gerd Siegmund ist schließlich der letzte Athlet, der von Sebnitz aus in die Welt delegiert. Er bestreitet 133 Weltcupspringen, siegt 1994 im kanadischen Thunder Bay und holt ein Jahr später an gleicher Stelle WM-Silber im Team.

Zu diesem Zeitpunkt war in Sebnitz der letzte Wettkampf längst schon über die Bühne gegangen. Als sogenannter „Stasiclub“ verschrien, werden nach der Wende Sprunglatten und Ausrüstungen zerstört und die Schanzen später durch eine ABM-Maßnahme abgebaut. „Das war ein schmerzhafter Moment. Klar, wir waren als Dynamo Sebnitz ein Polizeiverein, aber mehr als das uns mal ein Bus mit Fahrer gestellt wurde, hatten wir mit der Polizei nicht zu tun“, sagt Schneider, der mit 43 Metern der letzte Schanzenrekordhalter auf der Grenzwinkelschanze war.

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