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Warnstreik bei Bosch in Sebnitz

Die Bosch-Werker in Sebnitz fordern Zukunftssicherheit und die Übernahme ihrer Azubis. Sie fürchten, dass Teile der Produktion ins Ausland gehen könnten.

Warnstreik bei Bosch in Sebnitz: In dem Werk werden Bohrhämmer und Winkelschleifer gefertigt.
Warnstreik bei Bosch in Sebnitz: In dem Werk werden Bohrhämmer und Winkelschleifer gefertigt. © Daniel Schäfer

Um kurz vor 10 Uhr am Mittwochvormittag traten die Kollegen von Bosch in Sebnitz aus den Produktionshallen in die Sonne vor dem Werksgelände. Es gab Kaffee aus Thermoskannen und Kuchen auf Papptellern, die Gewerkschafter der IG Metall verteilten rote Streikwesten, Fahnen und Ratschen. Ein ankommender Lkw wurde noch hineingelassen, dann war das Tor erst mal dicht.

Nach einer Aktion bei Alstom in Bautzen am Vortag hatte die IG Metall am Mittwoch auch bei Bosch in Sebnitz zum Warnstreik aufgerufen. Rund 100 Mitarbeiter waren dem gefolgt. Es geht um Lohnerhöhungen in der aktuellen Tarifrunde - die IG Metall fordert vier Prozent -, aber vor allem um eine langfristige Sicherung des Standorts in Sebnitz, erklärte Uwe Garbe von der IG Metall Ostsachsen.

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"Die Kollege stehen unter einem ständigen Druck, welche Produkte in Zukunft noch hier gefertigt werden und welche vielleicht woandershin verlagert werden", sagte der Gewerkschafter. Die IG Metall will derartige Szenarien mit einem Zukunftstarifvertrag verhindern. Bosch fertigt mit seiner Sparte Bosch Power Tools vor allem Bohrhämmer und Winkelschleifer für den Profi-Einsatz in Sebnitz.

Angst vor Verlagerung in Billiglohn-Länder

Jens Ehrlichmann, seit Anfang Februar neuer Betriebsratsvorsitzender im Sebnitzer Werk, erklärte, dass Bosch Power Tools im Jahr 2020 ein Rekordjahr hingelegt habe - trotz Corona-Pandemie und Kurzarbeit. Dennoch solle es für die Mitarbeiter in der aktuellen Tarifrunde keine Lohnerhöhung geben. "Wenn wir heute hier draußen stehen, dann ist das ein Zeichen dafür, dass der Arbeitgeber kein akzeptables Angebot vorgelegt hat", sagte Ehrlichmann.

Obwohl Bosch erst vor wenigen Jahren viel Geld in den Umbau eines historischen Gutshauses auf dem Werksgelände zum modernen Schulungszentrum investiert hat und aktuell die Errichtung einer Photovoltaikanlage zur eigenen Stromerzeugung plant, fürchten die Mitarbeiter um die Zukunft des Standorts. "Die Verlagerungspläne sind nicht vom Tisch", sagte Betriebsrat Ehrlichmann. Immer wieder seien Billiglohnländer in Asien oder Mittelamerika für Teile der Produktion im Gespräch.

Ausstand mit Abstand: Rund 100 Mitarbeiter beteiligten sich an dem Warnstreik in Sebnitz. Kommende Woche ist die nächste Aktion geplant.
Ausstand mit Abstand: Rund 100 Mitarbeiter beteiligten sich an dem Warnstreik in Sebnitz. Kommende Woche ist die nächste Aktion geplant. © Daniel Schäfer

Bosch beschäftigt in Sebnitz rund 450 Mitarbeiter. Mehr als 100 von ihnen haben jedoch nur befristete Verträge. Diese Arbeitsplätze stünden bei einer etwaigen Produktionsverlagerung als Erstes auf der Kippe.

Besonders haben die Sebnitzer Bosch-Werker auch die Situation ihres Nachwuchses im Blick. Die Zahl von einstmals zehn Auszubildenden pro Jahr sei in den vergangenen Jahren auf fünf Azubis runtergeschraubt worden. Auch eine Übernahme nach der Lehrzeit sei nicht mehr gewährleistet. Der Betriebsrat hält das für kontraproduktiv: Wer wisse, dass er nicht übernommen wird, habe eine geringeren Anreiz, sich zu bewerben. "Wer soll denn das Werk weiterführen, wenn wir mal in Rente gehen?", fragte Jens Ehrlichmann.

Bosch als Orientierungspunkt in der Region Sebnitz

Uwe Garbe von der IG Metall erklärte: "Bosch ist ein wichtiger Faktor hier in der Region." Das Werk sei ein Orientierungspunkt besonders für Beschäftigte in den Unternehmen, die bislang über keinen Tarifvertrag verfügen, wie beispielsweise der Wohnmobilbauer Capron in Neustadt, der zur europaweit aktiven Hymer-Gruppe gehört.

Auch die Angleichung der Verhältnisse in Ost und West ist 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer Thema. Die Bosch-Power-Tools-Mitarbeiter im Osten arbeiten 38 Stunden pro Woche und damit drei Stunden mehr als ihre Kollegen in den Altbundesländern. Aufs Jahr gerechnet mache das fast einen ganzen Monat aus.

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Als er selbst noch Werkzeugmacher war, erzählte Garbe, habe er sich oft gefragt, ob die ganze Streikfolklore mit Westen und Fahnen überhaupt noch zeitgemäß wäre. Jetzt, als hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär, kenne er die andere Perspektive. "Ja, die Arbeitgeber brauchen diese Botschaft, dass die IG Metall noch Kampfkraft auf die Straße bringen kann", sagte Garbe. Nach einer Stunde Warnstreik ging die Schicht für die Mitarbeiter weiter. Am kommenden Donnerstag ist die nächste Aktion geplant.

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