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Seehofer vor letztem Karrieresprung

Jetzt also doch: Im Herbst seiner politischen Karriere wechselt Horst Seehofer doch nochmal nach Berlin - in ein „Superinnenministerium“.

© Gregor Fischer/dpa

Von Christoph Trost und Marco Hadem

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München. Hinter Horst Seehofer liegt ein turbulentes Jahr: Im Frühjahr 2017 dachte er noch ans Aufhören. Dann wurde er zum Weitermachen überredet - auch wenn es dazu vielleicht gar keines allzu großen Aufwands bedurfte. Nach dem Bundestagswahl-Fiasko aber wuchs quasi täglich der Druck auf ihn, eines seiner Spitzenämter - Ministerpräsident oder CSU-Chef - zu räumen. Das Ende ist bekannt: Seehofer stimmte einer Ämtertrennung mit seinem ärgsten Rivalen Markus Söder zu, der in Kürze bayerischer Regierungschef werden soll - und holte sich so die Zustimmung für zwei weitere Jahre CSU-Vorsitz.

Und jetzt, jetzt geht Seehofer den nächsten Schritt, von dem er zuletzt immer gesagt hatte, der sei nicht Teil seiner Lebensplanung: Er wechselt noch einmal an den Berliner Kabinettstisch von Kanzlerin Angela Merkel (CDU): als Minister für Innen, Bau und Heimat. Ein „Superinnenministerium“, schwärmt CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer.

Tatsächlich hat sich Seehofer damit ein Ministerium der besonderen Art zurechtgezimmert: zuständig für alles von der Inneren Sicherheit bis hin zum ländlichen Raum. Und vor allem kann Seehofer jetzt in der Flüchtlingspolitik quasi die personifizierte Obergrenze sein: Als zuständiger Ressortchef kann er so gut es geht darüber wachen, dass die Flüchtlingszahlen nicht mehr so rasant und hoch steigen wie im Herbst/Winter 2015 - auch wenn der schwarz-rote Koalitionsvertrag das CSU-Lieblingswort „Obergrenze“ an keiner einzigen Stelle enthält.

Seehofers Komplett-Wechsel nach Berlin ist, wenn die SPD-Basis dem Koalitionsvertrag zustimmt und es dann tatsächlich so kommt, auch die Vollendung der neuen CSU-Doppelspitze: Söder in München, Seehofer in Berlin - flankiert von Landesgruppenchef Alexander Dobrindt. Damit hätte Seehofer sich den Platz in den CSU-Geschichtsbüchern definitiv gesichert; die Erinnerung ans Wahl-Fiasko 2017 könnte verblassen.

Das Bundesinnenministerium ist nach dem Posten des bayerischen Ministerpräsidenten schon noch einmal eine Art Krönung für Seehofer. Dabei kann der auch so schon auf eine beeindruckende Karriere verweisen: In seinen mehr als 45 Jahren in der Politik hat er viele Schlachten geschlagen. Oft war er es, der seine Gegner in die Ecke trieb und Positionen durchboxte. 28 Jahre im Bundestag, zwölf Jahre als Staatssekretär und Bundesminister, seit 2008 als Partei- und Regierungschef. Auch für die CSU eine ungewöhnliche Ämterfülle.

Dafür zahlte Seehofer einen hohen Preis: „Ich gehe ständig an die Grenze dessen, was man sich körperlich zumuten kann“, sagte er einmal. 2002 erlitt er eine Herzmuskelentzündung, die ihn fast das Leben kostete. Privat habe er kaum Zeit für Freunde, Familie oder Hobbys.

Parteifreunde werfen Seehofer einen bisweilen autokratischen Regierungsstil vor. Für die CSU scheint er aber auch genau deshalb derzeit nicht verzichtbar: Seine bundespolitische Wirkungskraft wird gerne mit der von Franz Josef Strauß verglichen. Diesen Trumpf soll er nun am Kabinettstisch Merkels möglichst oft ausspielen - zumal er ja noch in Personalunion CSU-Vorsitzender bleibt. Ein Jurist ist er übrigens nicht - er nennt sich lieber „Erfahrungsjurist“.

Für viele, die Seehofer seit langem begleiten, kommt sein Wechsel nach Berlin nicht überraschend. Ein so politischer Mensch könne nicht einfach von heute auf morgen aufhören, hieß es. Dabei hatte Seehofer, kaum war er vor zehn Jahren Ministerpräsident und CSU-Chef geworden, selber gesagt, nämlich zu seinem 60. Geburtstag: „Ein neues Treppchen gibt’s nicht mehr, das weiß ich ganz sicher.“ Jetzt also doch. (dpa)