Teilen:

Sehnsucht nach Dresden

© Sven Ellger

Die Großeltern von Monica Blumenkranz flohen 1938 vor den Nazis nach Argentinien. Ihre Heimat vergaßen sie nie.

Von Kay Haufe

Tief vornübergebeugt kniet Gunter Demnig auf der Wallstraße 9. Neben ihm sieben Steine mit bronzener Oberfläche. Ein kalter Wind weht an diesem Donnerstagmorgen. Vorsichtig nimmt der Kölner Künstler, der europaweit schon über 60 000 Stolpersteine verlegt hat, einen Stein und setzt ihn in das vorbereitete Kiesbett. Der Name von Gabriel Blumenkranz ist darauf eingraviert. Mit der Wasserwaage prüft Demnig, ob der Stein gerade liegt. Nacheinander setzt er weitere für Gabriels Frau Hanna und seine Kinder Michael, Hans, Fritz, Berta und Max ein, die vor 80 Jahren ihr Zuhause auf der früheren Webergasse 28 verlassen mussten.

Monicas Lieblingsonkel Hans Blumenkranz: Ihn verband eine lebenslange Liebe mit der Dresdner Jugendfreundin Ilse. © Familie Blumenkranz
Max Blumenkranz ist der Vater von Monica. Er verletzte sich bei einem Motorradunfall schwer. © Familie Blumenkranz
Monicas Großeltern Hanna und Gabriel Blumenkranz, hier schon in Argentinien. © Familie Blumenkranz

Ein Stück abseits der Zeremonie wischt sich Monica Blumenkranz die Tränen von den Wangen. Sie hatte sich vorgenommen, stark zu sein. „Aber es bewegt mich sehr, dass hier an meine Großeltern, meinen Vater und seine Geschwister erinnert wird“, sagt die 66-jährige Argentinierin und blickt um sich. Menschen haben einen Kranz aus Rosen um die Stolpersteine gelegt, die letzten Klänge von Akkordeon und Oboe sind zu hören. Gunter Demnig ist inzwischen längst auf dem Weg zu seinem nächsten Einsatz, insgesamt 25 Stolpersteine verlegt er am Donnerstag in Dresden. Sie alle erinnern an Menschen, die Opfer des Nationalsozialismus wurden.

Nie in Argentinien angekommen

Monica stammt aus einer jüdischen Familie. Ihre Großeltern konnten noch rechtzeitig vor den Nazis fliehen. „Sie gingen 1938 mit ihren Kindern Hans, Berta und Max über Hamburg mit dem Schiff Cap Norte nach Argentinien“, sagt Monica. Das südamerikanische Land bot damals neben Palästina und den USA den meisten Juden Zuflucht. Ein Jahr zuvor waren bereits die ältesten Söhne Michael und Fritz dorthin emigriert. Durch die Hilfe der Baron Hirsch Foundation siedelte sich Familie Blumenkranz in Lucienville an, einem kleinen Dorf im Gebiet Entre Rios. „Aber das Dorfleben war nichts für meine Großeltern, sie stammten aus der Stadt. Schließlich zogen sie nach Buenos Aires“, sagt Monica. Wenige Monate bevor sie dort als Tochter von Max Blumenkranz zur Welt kam, starb ihr Großvater 1951. Doch ihre Verbindung zur Großmutter Hanna war außergewöhnlich, erinnert sich Monica. Als ihr Vater einen schweren Motorradunfall hatte, lebte sie über zwei Jahre bei ihr. „Wir haben nur Deutsch miteinander gesprochen. Meine Oma schwärmte immer von Dresden und konnte sich mit Argentinien nie anfreunden, hat auch nie Spanisch gelernt“, sagt Monica. „Stets hat sie sich wie mein Opa nach Dresden zurückgesehnt, hat uns die Kultur der Stadt nahegebracht. Aber leider sahen die beiden Dresden nie wieder.“ Hanna Blumenkranz blieb weitgehend innerhalb der deutschen jüdischen Gemeinde in Buenos Aires.

Eine ganz besondere Verbindung zu seiner Heimatstadt Dresden hatte auch Monicas Onkel Hans, der in Argentinien bei seiner Mutter wohnte. Er hatte eine große Jugendliebe: Ilse. „Die zwei waren sehr verliebt, auch noch, als es verboten war, dass Arier mit Juden verkehrten. Als meine Familie fliehen musste, war das für die beiden ein großes Unglück“, sagt Monica. Hans sprach in Argentinien ständig von seiner Ilse, und auch die hat ihn nie vergessen, obwohl sie während des Krieges geheiratet hatte und eine Tochter bekam. Doch ihr Mann fiel an der Front. Ilse machte sich schließlich auf die Suche nach Hans Blumenkranz und fand seine Adresse in Argentinien heraus. 1951 begann ein zärtlicher Briefwechsel, wöchentlich wechselten seitenlange Briefe die Länder und Kontinente. Bis zum Tod von Hans 1986 schrieben sich beide, schickten Fotos und Bücher hin und her. „Mein Onkel Hans hat nie eine Frau wie Ilse gefunden und war nicht verheiratet. Dafür war ich sein Liebling“, sagt Monica und lacht. „Onkel Hans war etwas ganz Besonderes.“

Deshalb hat sie es auch übernommen, sich nach Hans‘ Tod um Ilse zu kümmern. Wöchentlich telefonierten beide, bis Monica 1998 zum ersten Mal nach Dresden kam. Als sie Ilse besuchte, sah sie die Fotos, die Hans geschickt hatte, über Ilses Bett hängen. „Diese Liebesgeschichte war sehr berührend für mich“, sagt Monica. Dass sie heute in anderer Form weitergeht, dafür haben Monicas Sohn Lucas und Ilses Enkel Kai gesorgt. Die beiden haben sich vor 15 Jahren bei einer Wanderung in der Sächsischen Schweiz angefreundet und stehen seitdem in engem Kontakt.

Wenn Monica an den Tod ihrer Großmutter Hanna 1964 zurückdenkt, wird sie nachdenklich. „Diese liebevolle Frau hat mich sehr geprägt.“ Wie gern hätte Hanna noch einmal Dresden gesehen. Doch das war nicht möglich. Dafür hat die Psychologin viele Fotos von der Verlegung der Stolpersteine gemacht und sie gleich an ihre Familie geschickt. „Viele Verwandte und meine Kinder haben mich am Donnerstagmorgen angerufen und mir gute Nerven gewünscht. Sie sind sehr stolz auf mich, dass ich nach Deutschland gefahren bin.“

Stolpersteine kennt Monica auch aus Buenos Aires. Wie die deutschen erinnern sie an ermordete Juden, allerdings ist das Verbrechen viel jüngeren Datums: Am 18. Juli 1994 wurde die Zentrale der Jüdischen Gemeinde Argentiniens (AMIA) in die Luft gejagt, 85 Menschen starben.

Der Donnerstag war aufregend für Monica, heute geht ihr Flug zurück nach Hause. „Jetzt ist ein Stück meiner Familie in Dresden.“