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Sein größter Moment

© dpa/E. Laurent

John Degenkolb kehrt am Sonntag mit der Tour de France nach Roubaix zurück, wo der Radprofi 2015 gewonnen hat.

Von Christoph Leuchtenberg

Die Hölle des Nordens war für John Degenkolb einst der Himmel auf Erden. „Das ist das Rennen, von dem ich immer geträumt habe, es mal zu gewinnen. Jahrelang hatte ich für diesen Moment gearbeitet“, sagte er nach seinem Sieg 2015 bei Paris-Roubaix. Was der Radprofi damals nicht ahnte: Seine Verweildauer im Velo-Paradies war nur kurz. Am Freitag belegte er auf der längsten Etappe der 105. Tour de France beim Erfolg von Dylan Groenewegen als bester Deutscher den sechsten Platz.

Wenn der Geraer am Sonntag auf die Kopfsteinpflaster Nordost-Frankreichs zurückkehrt, fährt die Erinnerung an den größten Moment seiner Karriere mit. „Die Pflasteretappe ist etwas Besonderes“, sagt er über den neunten Tagesabschnitt mit Ziel in Roubaix. „Wir können mit unserem Kader wirklich etwas bewegen. Zuerst gilt es aber, auf Bauke zu schauen.“

Bauke heißt mit Nachnamen Mollema, ist Niederländer, Rundfahrer mit durchschnittlichen Chancen auf einen Spitzenplatz im Gesamtklassement und Degenkolbs Kapitän bei Trek-Segafredo. Dass er sich ihm unterordnen muss anstatt zumindest auf den berüchtigten Paves seine Chance suchen zu dürfen, sagt viel über die Zeit seit seinem Triumph von 2015 aus.

Als der Thüringer damals im Radstadion von Roubaix die Pflasterstein-Trophäe in die Höhe reckte, war er oben angekommen, hatte als erster Fahrer seit dem Iren Sean Kelly 1986 die so unterschiedlichen Monumente Mailand-Sanremo und Paris-Roubaix in einer Saison gewonnen. Dass dieser Erfolg sein bisher letzter großer sein sollte, war nicht vorauszusehen. Als hätte der Deutsche den Zorn der Nordhöllen-Götter heraufbeschworen, war er seitdem vom Pech verfolgt. Im Januar 2016 verletzte er sich schwer, als eine Britin mit ihrem Auto seine Trainingsgruppe über den Haufen fuhr. Auch anschließend kassierte der 29-Jährige viele Rückschläge. Zuletzt kostete ihn ein Sturz ausgerechnet bei Paris-Roubaix einige Wochen Training.

„Ich konnte erst im Mai wieder strukturiert radfahren. Es war lange ein brutaler Kampf mit mir und meinem Körper“, sagte er. „Von einem Tag auf den anderen habe ich aber im Körper und im Kopf gespürt, dass es wieder geht.“ Was wirklich geht für ihn, könnte der Roubaix-Abschnitt zeigen.

Freilich gibt es bei der großen Schleife nicht das volle Klassiker-Programm: statt 257 Gesamtkilometern beim Original bloß 156,5, statt 29 Kopfsteinpflaster-Sektoren mit 55 Kilometern lediglich 15 mit 22 Kilometern. Degenkolbs Tour-de-France-Ziel bleibt nach sechs zweiten Plätzen der erste Etappensieg. Zu den Favoriten gehören andere: Olympiasieger Greg Van Avermaet, der seit der 4. Etappe im Gelben Trikot fährt, und Weltmeister Peter Sagan, der Paris-Roubaix im Frühjahr gewann. (sid)