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Sein schönstes Geschenk

Seit 23 Jahren lebt Karsten Dürr mit einer Spenderniere. Ihm sind am Uniklinikum Dresden 1000 weitere gefolgt.

© Sven Ellger.

Von Nadja Laske

Mädchen, Musik, zelten mit Freunden. Das typische Teenagerleben war für Karsten Dürr von einem Tag zum anderen vorbei. „Ganz plötzlich bekam ich heftige Schmerzen und wurde in die Kinderklinik gebracht“, erzählt er. Gerade 16 Jahre alt, hatte er die Schule beendet und die Ausbildung zum Hilfskoch begonnen, da stoppte ihn die Diagnose: Nephrozirrhose. Karsten Dürr benutzt den verständlicheren Begriff Schrumpfniere. Beispielsweise Entzündungen oder Gefäßerkrankungen führen dazu, dass Nieren ihren Dienst quittieren. Das Gewebe verändert sich und kann seine Aufgaben, Giftstoffe aus dem Körper abzuleiten und den Wasserhaushalt auszubalancieren, nicht mehr erfüllen.

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Für den heute 53-Jährigen bedeutete das den Abschied von seinem gewohnten Leben, das gerade erst richtig aufregend werden sollte. „Ich war neun Monate lang im Krankenhaus und durfte ein halbes Jahr davon nicht raus“, erinnert er sich. Nur auf dem Balkon durfte er gelegentlich frische Luft schnappen. Anfangs, sagt er, seien seine Freunde noch zu Besuch gekommen. Doch irgendwann blieben sie fort. „Es hat ihnen wahrscheinlich zu lange gedauert.“

Dass er wohl nicht alt werden würde, das habe ihm ein Arzt schon mal mit auf den Weg gegeben, erzählt Karsten Dürr. Wirklich fassen konnte er das als so junger Patient nicht. Zunächst kehrte er auch erst einmal in ein halbwegs normales Leben zurück, begann eine neue Ausbildung zum Anlagenführer, arbeitete in einer Druckerei, lernte seine Frau kennen, heiratete, wurde Vater dreier Söhne. Doch die Krankheit gab keine Ruhe, wurde tödlich und ließ ihn schließlich nur noch mit medizinischen Apparaten leben. Denn als seine Nieren vollends versagten, blieb ihm nur die regelmäßige Blutwäsche, Dialyse genannt. Drei Mal pro Woche übernahmen Maschinen die Arbeit der zerstörten Organe. „Die Prozedur schlauchte wirklich“, sagt er.

Als es schließlich nachts an der Tür klingelte und er mit der Nachricht, ein Spenderorgan sei gefunden, ins Uniklinikum gebracht wurde, blieb wieder kaum Zeit zu fassen, wohin die Reise des Lebens künftig gehen werde. Es war 1995, 15 Jahre nach Karsten Dürrs ärztlicher Hiobsbotschaft, rund fünf Jahre, nachdem sein Körper selbstständig keine Chance mehr hatte. Gemessen daran empfand er die Operation als keine allzu große Aufregung. Für das Ärzteteam, das sich damals am Uniklinikum Dresden an die heikle, hoch spezialisierte Aufgabe machte, war es jedoch ein großes Ereignis – eins, an das Professor Manfred Wirth gern erinnerte. Er implantierte Karsten Dürr eine Spenderniere. Inzwischen haben er und sein interdisziplinäres Team 1 000 schwerstkranke Menschen mit neuen Nieren versorgt. Zumindest war das der Stand, als die Mediziner sich entschlossen, mit diesem Erfolg an die Öffentlichkeit zu gehen. Dass nun schon der 1 001. Patient auf dem Weg der Genesung ist, freut umso mehr. Anders als Karsten Dürr, erhielt er von seiner Schwester eine sogenannte Lebendspende. Das ist die letzte Rettung für Kranke, die auch nach jahrelangem Warten keine passende Organspende bekommen, sagt Professor Wirth und nennt die Situation dramatisch. Viel zu wenig Menschen erklären sich bereit, ihre Organe zur Verfügung zu stellen, wenn sie plötzlich versterben sollten.

Zu wenig Organspender

„Das liegt am Unbehagen gegenüber diesem Thema und an seinem schlechten Ruf, an dem Mediziner auch mitverantwortlich sind.“ Dabei werde nichts so streng überwacht wie die Abläufe einer Organspende. „Der Hirntod wird von zwei unabhängigen Spezialisten festgestellt, da gibt es keine Zweifel.“ Außerdem kontrolliert eine Prüfungs- und Überwachungskommission jeden einzelnen Fall. Dennoch ist die Spendenbereitschaft so schlecht, dass Todkranke inzwischen im Schnitt sieben Jahre auf ein Organ warten müssen. Sollte sich schließlich doch ein Spender finden, hat sich der Zustand der Betroffenen gravierend zugespitzt. Für eine Gesundung ist es dann oft schon zu spät. Karsten Dürr ist das erspart geblieben. „Ich habe mich nach der Operation ganz schnell besser gefühlt“, sagt er. Fit für eine regelmäßige Arbeit wurde er zwar nicht wieder, Medikamente gehören zum Alltag. Doch seine Spenderniere arbeitet unermüdlich. So ist ihm das Leben sicher – auch 23 Jahre nach seiner Rettung.