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Seitenweise Görlitz

In den 1970er Jahren wurde in der Altstadt saniert. Das war viel und doch zu wenig, schätzte eine DDR-Illustrierte ein.

Von Ralph Schermann

Görlitz wird in der Neuen Zürcher Zeitung gelobt. Görlitz taucht im Stern auf. Görlitz gilt als Reisetipp in der Frankfurter Allgemeinen. Mit Stolz registriert man nicht nur im Rathaus solche überregionale Werbung für die Neißestadt. Neu ist das freilich nicht. Immer wieder war Görlitz auch früher großen Blättern einen Besuch wert. 1978 zum Beispiel kamen für eine Woche Reporter der Neuen Berliner Illustrierten (NBI), der größten unterhaltenden Wochenzeitschrift der DDR.

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Junges Paar hilft bei der Reko seines Hauses mit: Ehepaar Jentzsch
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Ein Mann voller Pläne für die Zukunft der Stadt: Horst Kranich
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Die Reportage, die dann in Nummer 48 des 34. NBI-Jahrganges erschien, wird heute mancher kaum glauben wollen. Denn es ging um Denkmalpflege und den Erhalt der Altstadt. Zwar wurden Material-Engpässe ausgeblendet und politische Neubaubefindlichkeiten „zur Lösung der Wohnungsfrage als gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ als zunächst vordergründig benannt, doch der Schwerpunkt der von Lothar Heinke (Texte) und Peter Meißner (Fotos) sehr detailliert zusammengestellten vier Seiten stand klar im Vordergrund: Es ging den Autoren „um die vielen fleißigen, geschichtsbewussten Bürger, die den Kampf mit dem Zahn der Zeit aufgenommen haben“.

Die Görlitzer Altstadt sei unbedingt eine Reise wert, ist zu lesen. Ein „eigenartiger Zauber uralter Mauern, Säulen und Gewölbe ist in weiträumigen Hallen gefangen, ein steinerner Reichtum“, schwelgt der Report, um sogleich mit hartem Schnitt zu kontern: „Doch die Fassaden ehrwürdiger Bürgerhäuser der Renaissance und des Barock bröckeln.“ Immer wieder stellen die Reporter dann sanierte Gebäude vor, besuchen in diesen wohnende stolze Mieter, lassen Bauleute und Stadtplaner zu Wort kommen, und doch fehlen am Ende jeder Geschichte nicht auch ehrliche Sätze wie dieser: „In der Nachbarschaft stehen noch viele zerfallene Hütten.“ Ja, in Görlitz werde noch so manche rettende Hand gebraucht, und sicher noch auf lange Zeit.

Diese Ehrlichkeit verblüfft, weil man sie aus heutiger Lesart gar nicht erwartet. Dabei war es auch 1978 mehr als legitim, auch auf Erfolge zu verweisen, etwa auf den nagelneu restaurierten Gasthof „Goldener Baum“, den ausgebauten „Jugendklub Altstadt“, die „Görlitzinformation“ auf dem Leninplatz (Obermarkt), den prächtig sanierten Schwibbogen oder überhaupt die komplette Fassadenumgestaltung auf Ober- und Untermarkt. Heidrun und Lothar Jentzsch werden porträtiert, die für ihre Altstadtwohnung 800 Stunden Eigenleistung erbrachten. Das betreffende Haus wurde aus dem Dornröschenschlaf erweckt, fragen die Reporter. Ach was, das Bauwerk war total verrottet, erfahren sie. Und sie schreiben es auch so.

Begeistert stellen sie Horst Kranich vor, den damaligen Leiter der Görlitzer Außenstelle des VEB Denkmalpflege Dresden. „Der in der Görlitzer Altstadt geborene 50-Jährige reißt mit eigenem Beispiel viele mit, die Zukunft der alten Stadt mitzugestalten“, ist in der NBI zu lesen. „Er möchte jahrelang Versäumtes nachholen“, wird Kranich zitiert, zugleich aber auch vermerkt, wie schwer das ist: „Von 540 Gebäuden wurden bisher 40 rekonstruiert.“ Dass viele Gebäude schon vor 1945 zu bröckeln begannen und es nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erst einmal andere Dinge zu erledigen galt, ist aber ebenso wahr wie daran erinnert wird. Dass es überhaupt immer weitergeht – aus heutiger Sicht auch die damaligen unzureichenden technischen Möglichkeiten mit beachtend –, daran haben noch viele einen Anteil, von denen in diesem NBI-Beitrag die Rede ist. Eberhard Wünsche zum Beispiel, Leiter des VEB Hochbausanierung: „Vieles ginge langsamer, säße dieser Mann nicht mitunter bis in die Nacht über Plänen und Projekten.“ Auch gilt die Vision Günter Richters als Leiter der Stadtplanung: „Wir möchten den unter Denkmalschutz stehenden Stadtteil stärker als Zentrumsbereich ausprägen.“

Die Reporter besuchen auch den Zirkel Görlitzer Heimatforscher. Diese ehrenamtliche Gemeinschaft hat bereits 23 000 Stunden in die Erforschung der mittelalterlichen Kelleranlagen gesteckt. „Wir machen das für die Nachwelt“, sagt Zirkelleiter Herbert Köppert. 1977 erhielten die Forscher den Kunstpreis der Stadt Görlitz. Das zu lesen wirkt heute erschreckend aktuell, weiß man um die derzeitige Auflösung des Zirkels, dessen Rückgabe des über Jahrzehnte gepflegten Nikolaiturmes und die Tatsache, dass ihnen das zumindest die offizielle Nachwelt eben doch nicht dankt. So wie Versuche einzelner Görlitzer längst vergessen sind, unter einst schwierigen Bedingungen bauliche Werte zu erhalten.