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Sekt für den König

Friedrich August III. besuchte gern die vor 180 Jahren gegründete Radebeuler Sektfabrik Bussard. Auch der Kronprinz war begeistert.

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© Schloss Wackerbarth

Von Peter Ufer

Radebeul. Die Mitarbeiter der Bussard-Sektfabrik in Radebeul warteten ungeduldig. Gleich müsste er kommen, dachten sie. Gleich. An die Fensterrahmen hatten sie schon gestern grüne Festgirlanden gehängt, auch den Zaun vor dem Weinberg schmückten sie. Gleich müsste er kommen. Der König hatte sich angekündigt für diesen 4. Mai 1908.

Die Fensterrahmen und den Zaun vor dem Weinberg der Sektkellerei zierten grüne Festgirlanden.
Die Fensterrahmen und den Zaun vor dem Weinberg der Sektkellerei zierten grüne Festgirlanden. © Schloss Wackerbarth
Der sächsische König Friedrich August III. mit Uniformmantel und Pickelhaube auf der Fahrt zur Sektkellerei.
Der sächsische König Friedrich August III. mit Uniformmantel und Pickelhaube auf der Fahrt zur Sektkellerei. © Schloss Wackerbarth
Die beiden Königsbecher.
Die beiden Königsbecher. © Schloss Wackerbarth
Warum steht der Name „Bussard“ noch heute für feinsten Sekt-Genuss? Anlässlich des 180-jährigen Jubiläums der Sektkellerei Bussard hat sich der Dresdner Autor Peter Ufer umfassend mit der Geschichte des moussierenden Weines in Sachsen beschäftigt. Gemeins
Warum steht der Name „Bussard“ noch heute für feinsten Sekt-Genuss? Anlässlich des 180-jährigen Jubiläums der Sektkellerei Bussard hat sich der Dresdner Autor Peter Ufer umfassend mit der Geschichte des moussierenden Weines in Sachsen beschäftigt. Gemeins © Friebel Werbeagentur und Verlag GmbH

Vier Jahre lang regierte Friedrich August III. schon Sachsen, ein neuer Monarch mit alter Regierung. Einer, um den sich viele Geschichten rankten. Schon damals. Noch war an diesem 4. Mai der Monarch aus Dresden nicht um die Ecke gebogen. Und so konnte es durchaus sein, dass einer der Wartenden eine Anekdote über den ersten August des Landes erzählte. Zum Beispiel die: Der König ist im Manöver. In einem Dorf lässt er sich rasieren. Der alte Barbier ist furchtbar aufgeregt und schneidet dem König ins Kinn. Der sagt darauf: „Das gommd vom Saufn, mei Gudsdor!“ Der Barbier: „Jawohl, Majestät, dor Alkohol macht die Haut schbröde.“

Friedrich August III. kam an diesem 4. Mai im Zweispänner, Uniformmantel an, Pickelhaube auf dem Kopf. Von Dresden rollte er in dem offenen Wagen durch das Elbtal Richtung Weinberge. Schon lange wollte er die Sektkellerei besuchen, schließlich gehörte sie zu den Hoflieferanten und die Flaschen standen oft auf den Tafeln des Hofes. „Bussard Cuvée Royal“ gehörte zu den edelsten Marken. Auch in der Oper hatte er in einer der Pausen schon an einem Glas genippt oder mit einer der Kammersängerinnen angestoßen. Natürlich existierte dazu eine legendäre Geschichte: Der König sitzt in der Oper, am Ende des Stückes trinkt er mit der Sopranistin ein Glas Sekt und fragt sie: „Und, wie findn Se dä Agusdig hier?“ Die Sängerin: „Sehr gut, Eure Majestät, sehr gut.“ König: „Und warum ham Se dann so rumgeblägd?“

Die Geschichten über den ersten Mann im Königreich erzählen sich die Sachsen nach wie vor gern, weil der Monarch so quatschte wie sie und eine naive Dämlichkeit vor sich hertrug, mit der er sich klug durch den Dschungel der Macht navigierte. Der Leipziger Schriftsteller Hans Reimann schrieb die königlichen Begebenheiten auf und behauptet in seinen Büchern gern, dass das Lebenselixier des Königs der Rotspon, französischer Fasswein, gewesen sei. Allerdings nur bis zum Mittag, danach gab es bis Ladenschluss Nordhäuser. Oft, so schreibt Reimann, hätte der König einen in der Krone gehabt, genau genommen stamme die Redensart von dem Sachsen ab. Einmal soll er schon zum Mittag leicht bekront gewesen sein, als am Tisch eines der Familienmitglieder eine Büchse Salz umkippte. August III. soll seine Rotweinflasche genommen und den Inhalt über das Salz gegossen haben. Er nahm in diesem Augenblick an, dass Salzflecke am besten mit Rotwein zu entfernen seien.

Jetzt hörten die Bussard-Mitarbeiter das Pferdegetrappel. „Der König fuhr unter einen in rotem Plüsch mit Gold gehaltenen Baldachin vor“, so berichtete der „Dresdner Anzeiger“ zwei Tage später über den Besuch. Der König stieg aus seiner Kutsche, hörte sich die Begrüßungsreden an, und dann freute er sich auf den ersten Schluck. Es folgte die Besichtigung des Sektkellers.

Hier passt eine weitere Anekdote, die dem König passiert sein soll: Beim Besuch eines Stadtfestes geht der König an einigen Sachsen vorbei, die dicht gedrängt an der Straße stehen. Da sagt einer: „Gucke ma, der had ganz violette Backn.“ August wendet sich um und sagt: „Aber hörn duhd dor gudd.“

Als die Geschäftsleitung mit dem König die Treppe zum Gewölbe hinunter steigen wollte, hielten den Monarchen drei Gnome auf. Eine Überraschung. Der erste Gnom zeigte ein Bild des Winzerzuges von 1840. Schon damals weilte die Familie der Wettiner in der Lößnitz, betrachtete sich das Spektakel.

Der zweite Gnom reichte dem Herrscher einen Becher. Aus dem soll schon König Johann getrunken haben, als er die Sektkellerei am 2. April 1856 besuchte.

Auch den Dichterkönig verband etwas mit den Gründern der Sektkellerei: Jean Paul besuchte ihn, als Johann 21 Jahre alt und Prinz war und nicht im Traum daran dachte, dass er eines Tages den Thron besteigen würde.

Die romantische Dichtung beeinflusste den jungen Wettiner seitdem stark und beförderte in ihm die Leidenschaft, ebenfalls schriftstellerisch tätig zu werden. Doch nach dem Unfalltod seines Bruders Friedrich August II. musste Johann dessen Amt 1854 übernehmen. Sein liebstes Hobby blieb das Dichten. Er verfasste Possen, Oden, Andachten, Gebete, Gedichte und so manche heitere Lebensregel. Auch der Sekt und der Wein spielten dabei eine Rolle. So wie hier zum Beispiel:

Hast Du mehr als einen Wein

wähle stets den rechten,

aber kann’s nicht anders sein,

trinke auch den Schlechten.

Der dritte Gnom übergab Friedrich August III. einen schäumenden Wein aus dem Gewölbe der Sektkellerei. Der König strahlte und dankte. Anschließend besichtigte er die Fabrik, setzte sich später an die große Tafel unter der Linde. Dann bat er um eine Postkarte mit dem Motiv der Sektkellerei und schrieb an seinen ältesten Sohn, den Kronprinzen: „Bin endlich auf der berühmten Sektkellerei. Wir müssen einmal in der Spargel- und Erdbeerzeit herkommen. Papa.“

Zuvor stand die „Fabrik moussierender Weine“ mehrmals vor dem Aus, aber es fand sich immer ein Retter. Zum Glück. Schon als Ludwig Pilgrim, Georg Schwarz und Freunde das Unternehmen 1836 gründeten, brauchten sie viel Geld. Die Kaufleute richteten eine Aktiengesellschaft ein und sammelten mit dem Versprechen auf feine Rendite immerhin 100 000 Taler ein. Ein prickelnder Wechsel auf die Zukunft.

Seit 1836 verwendeten die Kellermeister für die Sektherstellung ausschließlich Trauben aus der Lößnitz und der näheren Umgebung. Insbesondere die Trauben der damaligen Burgunderrebe sollen sich vorzüglich für den Schaumwein geeignet haben. So steht es in den Archivalien der Winzer. Dort steht ebenso, dass die Lese allerdings längst nicht mehr ausreichte und ab 1880 Grundweine aus der Champagne, dem Rhein- und Moselgebiet zugekauft werden mussten. Dem Geschmack der Kunden kam das entgegen, der Absatz stieg.

Seit dem 4. Mai 1908 kehrte Friedrich August III. bis zu seiner Abdankung im Jahr 1918 gemeinsam mit seinen Söhnen jedes Jahr bei Bussard ein. Der Jüngste erzählte später, was der Vater einmal von sich gab: Bei einem Ausflug mit den Kindern fehlte aus gesundheitlichen Gründen die strenge Erzieherin Frau Fritzsch. Es gab Kaffee und der König sagte zu seinem Nachwuchs: „Heude fehld dä Fridschn, heide därf mor didschn.“