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Sekt und Selters zum Hundertdreißigsten

Der Konsum Dresden feiert. Sein erster Name ist noch Programm: Vorwärts. Doch zum Jubiläum wird nicht nur gejubelt.

© Jörn Haufe

Von Michael Rothe

Beim Konsum Dresden gibt’s ab Montag zwei Flaschen Cuvée-Bio-Wein für 7,99 Euro, dem Preis von einer. Auch andere Angebote zum Anstoßen sind laut jüngstem Werbeflyer eine Woche lang günstiger. Die Genossenschaft ist in Feierlaune, denn sie wird am Montag 130 Jahre alt.

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Konsum-Idylle zu DDR-Zeiten und auch auf dem Land – hier 1984 im Dorfladen von Goßwitz/Reichenbach in der Oberlausitz.
Konsum-Idylle zu DDR-Zeiten und auch auf dem Land – hier 1984 im Dorfladen von Goßwitz/Reichenbach in der Oberlausitz. © Waltraut Kossack
Sortieren, befeuchten, einkleben – so kannten es DDR-Bürger über die Wende hinaus. 2001 schaffte der Konsum seine Wertmarken ab.
Sortieren, befeuchten, einkleben – so kannten es DDR-Bürger über die Wende hinaus. 2001 schaffte der Konsum seine Wertmarken ab. © Thomas Lehmann

„Wie der Konsum in den Osten kam“ hatte das Handelsblatt 2009 getitelt und die Geschichte seines Vorstands Roger Ulke erzählt. Dabei gibt es den „Gonnsumm“ schon viel länger als den Konsum, der erst nach der DDR-Mangelwirtschaft einzog.

Das Unternehmen hat Kaiserreich, Naziterror, Weltkriege, Sozialismus, Krisen und den Aderlass beim kapitalistischen Neustart überlebt. Die als Genossenschaft organisierte Handelskette betreibt 34 Konsum- und Frida-Märkte in Dresden und Umgebung sowie in Plauen und Nürnberg. 850 Mitarbeiter, davon rund 50 Lehrlinge, erwirtschafteten im vergangenen Jahr mit 110,3 Millionen Euro den höchsten Umsatz seit 16 Jahren. Chef Ulke spricht von einer „Leistungs- und Markenhistorie, ... die kein anderer Wettbewerber vorweisen kann“. Was 1888 mit dem Konsumverein Vorwärts seinen Anfang nahm, „hat auch national Pionierarbeit geleistet“, heißt es im Werbeprospekt. 1903 gründeten Gesandte von 302 Genossenschaften in Dresden den Zentralverband deutscher Konsumvereine. Ihr Credo: Gemeinsam sind wir stark.

Heute gibt es in Deutschland rund 8 000 Genossenschaften mit 23 Millionen Mitgliedern, darunter Wohnungsbau-, Energie- und Sozialgenossenschaften, Volksbanken und Raiffeisenbanken. Der Genossenschaftsgedanke der Gründerväter Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich-Wilhelm Raiffeisen gehört seit 2016 zum immateriellen Weltkulturerbe.

„Konsumgenossenschaftlicher Aufbau im Bundesland Sachsen“, war am 16. Februar 1946 ein SZ-Bericht über die Konferenz des Landesbüros in Riesa überschrieben. Die Zeitung begleitet das Wohl und Wehe des Konsums bis heute: Ob 1954 die Einführung des Bestellsystems, nach dem man morgens seine Wünsche am Laden abgeben und abends die Ware abholen konnte. Oder 1958 der Appell, leere Flaschen schnell zurückzugeben, um Milch- und Joghurtproduktion nicht zu gefährden. Oder nach der Wende der Kauf und die Sanierung der Neustädter Markthalle, die beim Expansionsversuch in Franken versenkten Millionen oder jüngst der Start der umgebauten Filiale in der Schillergalerie. Nur der 100. Geburtstag ging medial unter.

Broiler, Trabi, Konsumheft

Der Konsum indes vergisst in seiner Internetchronik gleich 40 Jahre: Aus DDR-Zeiten ist nur ein Ereignis dokumentiert: „1956/59 die Zwangsabgabe vieler Konsum-Grundstücke“. Dabei gehörte das Sammelheft mit den grünen, roten, blauen Rabattmarken zum Alltag wie Trabi und Broiler. Dafür gab’s 1,5 bis 1,7 Prozent Rückvergütung auf den Jahresumsatz. Der Konsum hatte 4,4 Millionen Genossen und war nach der staatlichen HO die größte Handelskette. Von rund 200 Genossenschaften haben wenige überlebt, auch die fast gleich großen sächsischen in Dresden und Leipzig.

1995 hatte der Konsum Dresden noch 120 000 Markenkleber und bilanzierte bei 251 Millionen D-Mark (128,3 Millionen Euro) fast 4,8 Millionen D-Mark Verlust, vor allem im Nicht-Lebensmittelgeschäft. Derzeit sind es noch 22 500 Mitglieder. Sie erhalten noch immer eine prozentuale Rückvergütung auf ihre Einkäufe, verschiedene Rabatte und seit 2005 ab fünf Geschäftsanteilen von je 75 Euro auch eine Dividende. Den Anspruch hätten auch zahlreiche Beschäftigte durch „Gratifikation in Form eines Geschäftsanteils“ erreicht, heißt es vom Konsum, und: „Unsere Mitarbeiter partizipieren seit mehreren Jahren am wirtschaftlichen Erfolg“ – etwa durch Prämien.

Im Grunde ist Alter kein Verdienst. Beim Konsum Dresden schon, sind sich Beobachter einig. Als kleine Kette in einer Branche mit engen Gewinnmargen großen Discountern die Stirn zu bieten und dabei die regionale Fahne hochzuhalten, verdient Respekt. Immer wieder heimsen der Konsum als Ganzes oder einzelne Filialen Preise ein: in Sachen Umwelt, Bio, Ausbildung, fairer Handel und anderes mehr.

Konkurrenten zahlen mehr

Doch Genossenschaftsprinzip und Marktführerschaft bei Frische, Qualität und Regionalität haben ihren Preis. Und den zahlen nach Auffassung der Gewerkschaft Verdi die Mitarbeiter. Demnach werde das Gros der Belegschaft – fast drei Viertel Verkäuferinnen in Teilzeit oder Minijob – mit Stundenlöhnen von neun Euro abgespeist, also knapp über Mindestlohn. Billiganbieter Lidl, Aldi, Netto & Co zahlen nach Tarif 15 Euro und mehr. Selbst ungelernte Hilfskräfte bekommen dort gut zwölf Euro.

Eine Erklärung: Der Umsatz pro Mitarbeiter ist beispielsweise in den 55 Aldi-Filialen in und um Dresden rund zweieinhalb Mal so hoch wie beim Konsum. Auch der Wettbewerber Simmel mit 15 Märkten in Sachsen, darunter einem in Dresden, steht bei dieser Kennziffer deutlich besser da.

„Nach Jahren des Stillstandes in den Gesprächen zwischen den Tarifpartnern“ habe der Konsum die Tarifbindung gelöst und 2016 „eine eigene Entgelt- und Arbeitsordnung auf den Weg gebracht“, schreibt die Konsumspitze. 2018 gebe es weitere Verbesserungen: „neben der Vergütungsentwicklung wählbare steuerfreie Leistungen, aber auch eine deutliche Verbesserung der betrieblichen Altersvorsorge“. Über 95 Prozent hätten die Verträge unterschrieben.

Die Mitarbeiter und ihre Familien werden am Wochenende im Dresdner Kultur-Kraftwerk Mitte mit Hüpfburg, Bowle und Gulaschkanone beglückt – „kostenlos“, wie der Konsum betont, und „bewusst am Sonntag“, damit alle kommen können. Schließlich sitzt oder steht manche Mitarbeiterin noch am Vortag bis 22 Uhr an Kasse oder Regal. So genau unterscheidet der Konsum nicht und gruppiert die meisten Beschäftigten laut Verdi in der niedrigeren Lohngruppe G2 ein. Eine seit 33 Jahren Angestellte klagte und bekam in zwei Instanzen recht. Das Unternehmen wehrte sich, zog die Revision beim Bundesarbeitsgericht aber kurzfristig zurück – und wird nun wohl zahlen. Laut Verdi sind 10 000 Euro aufgelaufen plus Zinsen plus Gerichtskosten. Die Konsum-Führung rechnet nicht mit einer Klagewelle. Es sei ein „Einzelfall“.

Nach einer Untersuchung der Hamburger Unternehmensberatung Faktenkontor hat der Konsum Dresden im deutschen Lebensmittelhandel den besten Ruf im Internet – vor Aldi. Es wird weitere „Likes“ bei Facebook hageln, denn in der Festwoche wird Kunden jeder 130. Einkauf geschenkt. Bei dieser Gewinnchance wünschte mancher, der Konsum wäre noch nicht so alt.