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Selig!

Brauerei und SZ holen Dirk Zöllner zu „Bier & Kultur“ nach Radeberg. Und der hat einiges zu sagen.

© Thorsten Eckert

Von Jens Fritzsche

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Radeberg. Nein, er hat keine Scheu, sein Alter zu verraten. 55 ist er – und damit gehe der Trend nun so langsam zur Zweitbrille, verrät er noch. Und ein bisschen hat er Angst vor der Rente, gibt er zu. Ungefähr 550 Almosen, sagt er, werde er dann wohl von der Künstlersozialkasse bekommen. Und dann drohe Wasser und Brot. „Aber ich will natürlich lieber Radeberger und Brot“, stellt er gleich mal klar.

Dirk Zöllner, Rockmusiker, seit Mitte der 1980er Jahre auf den Bühnen des damals noch halben Landes unterwegs, sitzt mit breitem Grinsen, Lesebrille und Gitarre auf der kleinen Bühne im Conrad-Brüne-Haus der Radeberger Exportbierbrauerei. Die Brauerei und die Rödertal-SZ haben ihn in die gemeinsame Veranstaltungsreihe „Bier & Kultur“ eingeladen. Und seit Wochen ist der Abend ausverkauft. Zu Recht, wie sich schnell zeigt.

Ein Leseabend soll es werden, „aber keine Angst, ihr könnt Euch ruhig zwischendurch ein Bier holen gehen“, verspricht Dirk Zöllner. Und natürlich wird nicht nur gelesen, sondern auch gesungen. Und weil das zu zweit bessergeht, hat er sich gleich noch seinen Nachbarn mitgebracht. Und auch der ist auf den Rockbühnen des nun schon eine Weile wiedervereinten Landes kein Unbekannter: André Drechsler, einst Gitarrist bei Tino Eisbrenner und Jessica, jetzt Bassist bei Pankow. Wohnhaft allerdings in Köpenick. Und dass beide immer noch als Ost-Rocker durchgehen, wundert Dirk Zöllner dann doch ein wenig, schreibt er in seinem im vergangenen September veröffentlichten Buch „Affenzahn“, aus dem er ein paar wunderbar pointierte Geschichten vorliest. Denn in der DDR hat Zöllner keine Platte veröffentlichen dürfen, sondern seine CDs sind allesamt Nachwende-Produkte. Aber so ist das eben; und sein größter Hit ist ja mit „Käfer auf’m Blatt“ dann tatsächlich ein „Ost-Lied“. Aber das spielen die beiden an diesem Abend nicht; „weil es ja eher ein Lied fürs Klavier ist“, sagt Dirk Zöllner hinterher. Und der Abend in Radeberg ist einer für Gitarren. Und auf denen gibt’s dann eine Menge wunderbare Lieder. Mit Texten, für die das Wort Lyrik erfunden worden sein muss: „Das Meer springt wie ein Tier an Land …“ Herrliche Sprachbilder, mit feinem Wortpinsel gezeichnet! Und Radeberg liegt dann auch tatsächlich ein paar Minuten lang am Meer – denn das Publikum lässt sich gern bitten, Meeres-Rauschen zu imitieren und Möwen kreischen zu lassen.

Von der Familie erzählt

Die Geschichten, die Dirk Zöllner liest, drehen sich dabei um den einen oder anderen Musiker; vor allem aber um Dirk Zöllners Kinder. Und André Drechsler muss dabei in immer neue Rollen schlüpfen, um die Menschen zu spielen, denen Dirk Zöllner samt Familie da begegnet. Und so wird André Drechsler zwischendurch sogar zur „Feldwebel-Hebamme“, wie Zöllner die Frau umschreibt, die im Kreißsaal mit diesem bekannt freundlichen Berliner Dialekt dabei half, im Juni des vergangenen Jahres seinen jüngsten Sohn Ludwig auf die Welt zu bringen. Sein fünftes Kind.

Es sind überhaupt sehr private Einblicke, die er da zulässt. Einblicke auch in sein Seelenleben. Auch die Sache mit dem Älterwerden beschäftigt ihn; er nimmt sie gelassen augenzwinkernd. „Ab 35 bekommt man das Gesicht, das man verdient“, zitiert er die Schauspielerin Sharon Stone. Er beschäftigt sich lieber mit der Welt – und schreibt gegen Engstirnigkeit an. Er wundert sich, dass ausgerechnet viele Ostdeutsche, die unter der Mauer gelitten haben, heute gern wieder Mauern um ihr Land bauen würden. „Luxuriöser Wohlfühlbunker“, umschreibt es Textdichter Zöllner.

Apropos Textdichter. Das letzte Lied des Abends ist ein vertonter Text von Werner Karma. Der war ja bekanntlich einst der Stammtexter der Band Silly. Bis die neue Silly-Sängerin Anna Loos meinte, sie könne auch Texte schreiben. Als sich Zöllner und Karma zufällig am Bahnhof in Köpenick trafen, erzählte ihm Karma, dass er ein Jahr lang Texte für ein neues Silly-Album geschrieben hatte, die nun niemand mehr wolle. „Dann gib‘s sie mir“, sagte Dirk Zöllner kurzentschlossen. „Dirk und das Glück“, heißt die daraus gewordene CD. Und das ist wirklich ein Glücksfall.

Wie auch dieser Abend in Radeberg!