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Semperoper setzt auf die Tradition des Neuen

Die nächste Saison bringt Dresden elf Premieren und Stars wie Anna Netrebko.

Intendant Peter Theiler und Chefdirigent Christian Thielemann (r.) stellen den Spielplan für die nächste Saison  vor.
Intendant Peter Theiler und Chefdirigent Christian Thielemann (r.) stellen den Spielplan für die nächste Saison vor. © Robert Michael

Manchmal klingt Richard Wagner wie Schubert, wie Mendelssohn oder Verdi, sagt Christian Thielemann. Er würde das aber nicht Stehlen nennen, sondern Inspiration. Der Chefdirigent der Staatskapelle gesteht, dass er nicht frei davon ist. „Man lebt ja nicht unter einer Käseglocke alleine.“ Wenn ihm die Interpretation eines Kollegen gefällt, greift er zu, „dann klaue ich auch mal eine Mittelstimme“. Das ist ein hübsches Nebenbeibekenntnis bei der Vorschau auf die nächste Saison der Dresdner Semperoper. Sie ist deutlich von den Vorlieben des Intendanten Peter Theiler geprägt. Er schätzt den Belcanto, die Franzosen – und offenbar auch die Satire.

Selbst ein Klassiker wie „Die Meistersinger von Nürnberg“ hat komische Seiten. Dazu passt, dass Theilers Amtsnachfolger in Nürnberg Jens-Daniel Herzog das Werk in Dresden inszeniert. Der großartige Bassist Georg Zeppenfeld singt zum ersten Mal die Partie des Hans Sachs. Diese Oper brauche weder Hammer noch erhobenen Zeigefinger, „das Wichtigste ist die Poesie“, sagt Christian Thielemann. Für ihn klingt diese Oper gar nicht nach Wagner – im Unterschied zu Verdis „Don Carlo“. Beide Werke dirigiert der Chef der Staatskapelle bei den Salzburger Osterfestspielen, bevor sie nach Dresden auf die halb so große Bühne kommen. „Don Carlo“ ist mit den weltweit gefeierten Sängern Anna Netrebko und Ildar Abdrazakov glänzend besetzt. Die Regie übernimmt Vera Nemirova, die hier schon Verdis „Otello“ herausbrachte.

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Anna Netrebko kehrt als Elisabetta in Verdis  "Don Carlo" an die Semperoper zurück. 
Anna Netrebko kehrt als Elisabetta in Verdis  "Don Carlo" an die Semperoper zurück.  © dpa


Insgesamt plant das Haus elf Premieren in Oper und Ballett, darunter einige bemerkenswerte Uraufführungen und Dresdner Erstaufführungen. Das beginnt mit Rossinis musikalischer Satire „Die Reise nach Reims“. Peter Theiler: „Sie hat einen verrückten Inhalt, nämlich gar keinen.“ Erzählt wird die misslingende Reise europäischer Eliten zur Königskrönung. Die italienische Regisseurin Laura Scozzi verlegt die Handlung ins Europäische Parlament und gibt damit ihr Regiedebüt in Dresden. Als Wiederholungstäter kommt Calixto Bieito, der hier für seine Inszenierung von „Moses und Aron“ gefeiert wurde. In der nächsten Spielzeit bringt er die absurde, groteske Oper „Le Grand Macabre“ von György Ligeti auf die Bühne, ein Mix aus apokalyptischem Totentanz und Jahrmarktspektakel. Der Aberwitz lässt sich noch steigern mit Offenbachs Operette „Die Großherzogin von Gerolstein“. 


Jacques Offenbach komponierte die aberwitzige Militärsatire "Die Großherzogin von Gerolstein".
Jacques Offenbach komponierte die aberwitzige Militärsatire "Die Großherzogin von Gerolstein". © dpa


Hier wird eine engstirnige Kleinstaaterei in ihrem Größenwahn vorgeführt. Die Titelpartie übernimmt die Sopranistin Anne Schwanewilms, die alles singt, was bei Wagner und Strauss gut und teuer ist, und sich nun von einer ganz anderen Seite zeigt. Als Regisseur wurde Josef E. Köpplinger verpflichtet, Intendant des Theaters am Gärtnerplatz in München und ein Spezialist für unterhaltsames Musiktheater. Wie Ligetis Oper erscheint auch dieser Offenbach zum ersten Mal im Dresdner Spielplan. Das gilt ebenso für die Oper „Die andere Frau“, ein Auftragswerk für den Ex-Kruzianer Torsten Rasch. Der Komponist schrieb auch schon Musik für die Gruppe Rammstein, für die Pet Shop Boys und für Filmprojekte. Jetzt entwickelte er gemeinsam mit dem Schriftsteller Helmut Krausser ein Werk fürs Musiktheater. Als Anregung dient eine Geschichte aus dem 1. Buch Mose über den Ursprung der drei Weltreligionen. Die musikalische Leitung hat Roland Kluttig, Generalmusikdirektor in Graz, ausgebildet an der Dresdner Musikhochschule, geboren in Radeberg.

Die Uraufführung verhandelt vor den Konflikten einer Kleinfamilie grundsätzliche Fragen von Hass, Heimatverlust, Liebe und Toleranz. Regisseur Immo Karaman will das Publikum auf die Bühne setzen und den Zuschauerraum mit Videos in die Handlung einbeziehen. So brauchen nicht 1 309 Plätze gefüllt zu werden. Ohnehin sind nur drei Vorstellung eingeplant. Ein neues Werk gilt vielen mehr als Zumutung denn als Verheißung. Da ist Puccinis „Madame Butterfly“ eine sichere Bank. Immerhin entwirft der japanische Stardesigner Kenzo Takada die Kostüme.

Lehrstück für die Krise

Die Auslastung des Hauses mit bemerkenswerten 91,1 Prozent und eine Kostendeckung von fast vierzig Prozent setzt kein Intendant aufs Spiel. Insofern ist es bemerkenswert, dass auch die Nebenbühne zwei Dresdner Erstaufführungen herausbringt. Petr Popelka, Kontrabassist der Staatskapelle und ein leidenschaftlicher Streiter für neue Töne, leitet in Semper Zwei die musikalische Einstudierung der Kammeroper „Der goldene Drache“ von Peter Eötvös. Der Ungar ist derzeit Capell-Compositeur und erzählt vom Leben illegaler Einwanderer, von Ausbeutung und Rechtlosigkeit. Mischa Spolianskys Kabarett-Revue scheint die Antwort darauf zu geben. Unter dem Titel „Wie werde ich reich und glücklich?“ lehrt das Stück den Aufstieg in der Weltwirtschaftskrise.

Das großartige "Carmen"-Ballett bleibt im Spielplan der Semperoper.
Das großartige "Carmen"-Ballett bleibt im Spielplan der Semperoper. © Ian Whalen


In jedem Fall kommt es auf die richtige Balance an. Dazu gehören im Ballett Kassenfüller wie „Nussknacker“ und „Giselle“, aber auch der moderne Tanz. Dafür steht die Choreografin Pina Bausch mit jenen großartigen Kreationen, die sie für ihr Tanztheater in Wuppertal erfand. Nur selten wird ein Werk von dort anderswo neu einstudiert. In Dresden wird die Tanzoper „Iphigenie auf Tauris“ zur Musik von Willibald Gluck gezeigt. „Wir sind uns des Vertrauens und der Verantwortung wohl bewusst“, sagt Ballettdirektor Aaron S. Watkin. Er soll in dieser Funktion am Haus bleiben, sagt Intendant Peter Theiler, solange sein eigener Vertrag läuft, bis 2023.

Ein neuer vierteiliger Ballettabend mischt Neoklassik und Moderne und bringt als Uraufführung ein Werk nach den „Vier letzten Liedern“ von Richard Strauss.

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Mit einem besonderen Programm erinnert die Semperoper an den Mauerfall vor 30 Jahren. Aus diesem Anlass wird die legendäre Inszenierung von Beethovens „Fidelio“ gezeigt, die Christine Mielitz am 7. Oktober 1989 herausbrachte.

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