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Shoppen mit den Ohren

Ein Unternehmertrio aus dem Erzgebirge will das Einkaufen revolutionieren. Produkte sollen künftig nicht mehr nur gefühlt und gesehen, sondern auch gehört werden – und zwar virtuell.

© Matthias Rietschel

Von Ines Mallek-Klein

Die schmale Straße schlängelt sich vorbei an grünen Wiesen, auf denen mannshohe Heuballen auf ihre Abholung warten. Die Baumreihen werden immer dichter und irgendwann verabschiedet sich der Asphalt unter den Reifen, die über blanken Schotter rollen. Hier, mitten im erzgebirgischen Wald, sitzt also die Firma, die angetreten ist, das Erlebnis Einkaufen zu revolutionieren.

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Friedrich E. Blutner an einer Klanginstallation. Sie steht auf dem Firmengelände in Geyer.
Friedrich E. Blutner an einer Klanginstallation. Sie steht auf dem Firmengelände in Geyer. © Matthias Rietschel
Ideengeber der 3-D-Audiokabine: Uwe Müller, Hilmar Steinert und Friedrich Blutner (v. l.).
Ideengeber der 3-D-Audiokabine: Uwe Müller, Hilmar Steinert und Friedrich Blutner (v. l.). © Matthias Rietschel

Der Standort mit dem schönen Blick auf Geyer ist nicht zufällig gewählt, aber das wird Friedrich E. Blutner später noch erklären. Er ist der Geschäftsführer der Synotec GmbH, und er gilt als der Experte des Sounddesigns.

Produkte, die gut klingen, verkaufen sich besser. Diese Erkenntnis ist nicht grundlegend neu, aber wirklich durchgesetzt hat sie sich erst nach 1990. Und schuld daran ist die Wende. Westautos rumpelten damals über die Schlaglochpisten zwischen Rostock und Suhl. Selbst die Mercedes und BMWs gaben kein wirklich klangvolles Bild ab. Das rief die Designer auf den Plan und bescherte Friedrich Blutner die ersten Aufträge aus der Autobranche. Zu DDR-Zeiten hatte er sich vor allem mit dem Klang von Geigen beschäftigt. Die wurden im Musikwinkel zwischen Mark-neukirchen und Klingenthal hergestellt. Während den Betriebsdirektoren die saubere Lackierung der Exportware wichtig war, suchte Blutner nach dem perfekten Klang. Schon damals lernte er damit zu leben, dass sein Sinn für Perfektionismus nicht von allen geteilt wird.

Uwe Müller schätzt aber genau diese Eigenschaft. Der Geschäftsführer des Frankenberger Verbundstoffherstellers Swap arbeitet seit 2012 mit Friedrich Blutner zusammen. Es ging darum, die akustischen Eigenschaften der stabilen Wabenplatte aus Papier – die der Firma übrigens auch ihren Namen gab – zu untersuchen. Die Ergebnisse überraschten selbst den Experten. Denn die sehr leichten, aber auch stabilen Wände haben ein hervorragendes Verhalten gegenüber Tönen. Sie reflektieren sie kaum. Es entsteht kein Nachhall, was zu einem klaren, unverfälschten Hörerlebnis führt.

Müller, der seine Wabenplatten längst an die Autoindustrie verkauft, wo sie in den Kofferraumböden oder Wagenhimmeln verbaut werden, experimentierte weiter, und am Ende entstand die 3-D-Audiokabine. Ein innovativer Showroom, in dem Produkte erlebbar gemacht werden – für die Augen und für die Ohren. Uwe Müller liefert gleich den Videobeweis mit. Ein Mann geht auf seinen schneeweisen Audi Q7 zu, die Zentralverriegelung klackt, die Tür wird geöffnet, er steigt ein, das Leder schnauft kurz durch, und Sekunden später setzt der bullige Achtzylinder unter der Motorhaube zum Sprung an. Würde der Betrachter die Augen schließen, er wähnte sich mindestens auf dem Beifahrersitz. Es geht weiter, vorbei an gelben Kornfeldern, der Wind bricht sich an der Karosse und rauscht sanft aus den Lautsprechern. 16 Stück sind in der 3-D-Audiokabine verbaut. Es können aber auch gern ein paar mehr sein, sagt Friedrich Blutner.

Die virtuelle Autofahrt endet vor dem Leipziger Gewandhaus. Ein Klassikkonzert ist das Ziel. Doch alle Karten sind ausverkauft. Der Fahrer geht zurück zu seinem Auto. Für Millisekunden herrscht Totenstille, dann beginnen die Geiger vorne rechts ihr Spiel, bevor etwas später die Posaunen hinten links einsetzen. Das Auto wird zum Konzertsaal, und der Zuhörer wähnt sich mittendrin im Orchestergraben. Er zuckt kurz zusammen, als hinter ihm die Becken schallen.

Das Hörerlebnis ist perfekt, befanden auch die Manager von Audi. Dass sie die Kabine bereits kennengelernt haben, ist das Verdienst von Hilmar Steinert – dem dritten Unternehmer im Bunde. Der Malermeister aus Limbach-Oberfrohna ist bestens vernetzt. Er soll nun die Vermarktung vorantreiben und die Autobranche scheint mehr als interessiert.

Vor allem im Oberklassesegment geht es nicht nur um den Verkauf, sondern auch um das Verkaufserlebnis. Das fällt bei vielen Automarken ernüchternd aus. Der Besprechungskaffee wird in einem schlichten Büro gereicht, in dem die Leder- und Lackmuster an den Wänden hängen. Bilder des Traumwagens flimmern laut- wie emotionslos über den Flatscreen, und im besten Fall gibt es zum gekühlten Wasser noch einen Keks. „Und wenn Sie aber Pech haben, bekommen Sie eine 3-D-Brille übergestülpt, mit der sich die Frauen regelmäßig die Frisur ruinieren“, sagt Hilmar Steinert.

Echtes Fahrfeeling geht anders. Wer 50 000 Euro und mehr investiert, der will sein Auto nicht nur sehen, der will es fühlen. Und dazu muss man es nicht anfassen, es reicht, es zu hören, erklärt Friedrich Blutner.

Das Ohr ist direkt mit dem limbischen System, also unserer Gefühlszentrale im Gehirn, verbunden. Ursprünglich aus einer Hauteinstülpung entstanden, gilt das Ohr als Manager unserer Sinne. Und es wurde von den Designern viele Jahre vernachlässigt. Man setzte auf das Auge, überfütterte die Kunden mit visuellen Reizen. Nach der ersten Blütezeit des Sounddesigns von 2000 bis 2010 begann die Epoche der Stille. Doch auch die scheint nun vorbei, sagt Friedrich Blutner. Geräusche sind gewollt und in Zeiten der Digitalisierung auch immer realitätsnäher zu erzeugen.

Früher hätte eine ähnliche 3-D-Audiokabine Millionen gekostet. Das Unternehmertrio aus dem Erzgebirge möchte seine Leichtbauvariante, die aus wandelbaren Modulen besteht, für unter 100 000 Euro anbieten.

Autobauer im Premiumsegment werden die ersten, aber nicht die einzigen sein, die sich für diese neue Form der Produktpräsentation interessieren. Da ist sich Friedrich Blutner sicher. Küchenstudios könnten den blubbernden Wasserkocher und das Mahlen der Kaffeebohnen inszenieren.

Das 3-D-immersive Audio-System, wie es das Unternehmertrio getauft hat, könnte das Einkaufserlebnis revolutionieren. Denn Produkte müssten künftig nicht mehr live vor Ort gezeigt und präsentiert werden. Es reicht ein Video mit entsprechenden Tonaufnahmen. Und das Sinneserlebnis geht dann sogar noch weit über unsere heutigen Dimensionen hinaus. „Oder haben Sie vor dem Kauf Ihrer Waschmaschine schon einmal den Schleudergang im Elektromarkt gehört?“, fragt Hilmar Steinert.

Vorteile hätte aber nicht nur der Kunde, der mit einem zusätzlichen Sinn einkauft. Vorteile haben auch die Händler, die sich riesige Lager- und Ausstellungsflächen sparen können. Sie präsentieren die Geräte virtuell und ordern erst, wenn sich der Kunde entschieden hat. „In den großen Einkaufszentren auf der grünen Wiese können dann Rosen gezüchtet werden“, sagt Friedrich Blutner lachend.

Die Kabine eignet sich zudem, um komplette Konzertsäle zu imitieren. „Wir könnten die Elbphilharmonie nach Geyer holen“, so der Sounddesigner. Dazu wären Audioaufnahmen in Hamburg nötig. Ein Computerprogramm errechnet dann die optimale Anzahl und Platzierung der Lautsprecher in dem kleinen Raum.

Vom Gewandhaus in Leipzig gibt es bereits Tonaufnahmen. Wie ein Orchester in 3-D-Audio klingt, könnten die Besucher im September im Mendelssohnsaal des Gewandhauses erleben. Dort findet das Innovationsforum der 3-D-Audiowelten statt – natürlich mit der Hörkabine. Und Friedrich Blutner plant, tatsächlich große Konzertsäle in Geyer zu imitieren. Die Fläche für den Container ist schon reserviert. Fehlt nur noch die Baugenehmigung. Die ist nötig, aber in einem Naturschutzgebiet gar nicht so leicht zu bekommen. Das ist der Nachteil des Firmensitzes am Waldesrand, wo keine Autos lärmen, sondern nur Grillen zirpen. Dabei hat der Hörexperte den Standort ganz bewusst gewählt. Mit einer simplen Begründung, wie Friedrich Blutner erklärt: „Andere Firmen bauen sich für Hunderte Millionen Euro Schallmessräume. Wir machen hier einfach die Fenster zu.“

Anmeldungen zu dem Innovationsforum 3-D-Audiowelten, das am 20. und 21. September im Gewandhaus zu Leipzig stattfidet, sind unter www.3d-audiowelten.de möglich. Die Teilnahme ist kostenfrei, die Plätze sind allerdings limitiert.