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„Sie hat einen starken Willen“

Die 16-jährige Sophie hatte Hirnblutungen und lag im Koma. Seit einem Robbie-Williams-Konzert macht sie Fortschritte.

© Andreas Weihs

Von Stephan Klingbeil

Tharandt. Den Nagellack an ihren Fingern hat sich Sophie selbst ausgesucht. Blau und rosa hat die 16-Jährige gewählt. Sie bewegt den Arm, lächelt, gibt ihre Hand zur Begrüßung. Sie nickt oder verzieht den Mund etwas. Sie versteht alles, was man sie fragt. Erstaunlich, wie sich der Zustand der Gymnasiastin während ihrer Reha-Maßnahme in den vergangenen drei Monaten verbessert hat. Damals hatte sie still im Rollstuhl gesessen. Mit Augenzwinkern machte Sophie darauf aufmerksam, was sie gut fand.

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Die Hand zielgerichtet nutzen konnte sie nicht. Nach einer weiteren Operation am Kopf und mehreren Therapien in der Klinik Bavaria im Kreischaer Ortsteil Zscheckwitz begann sie im Juni, besser auf äußere Reize zu reagieren. Dann kam dieser ganz besondere Abend für Sophie.

Die Klinik und die Sächsische Zeitung hatten es ihr ermöglicht, zum Konzert ihres Lieblingssängers Robbie Williams ins Dresdner DDV-Stadion fahren zu können. Einer der Ärzte aus der Klinik hatte von Sophies Leidenschaft für den britischen Weltstar gehört. Nach einer Anfrage beim Veranstalter ging alles ganz schnell. Die SZ stellte zwei Freikarten für die 16-Jährige und ihre Mutter bereit. Klinikmitarbeiter kümmerten sich um Hin- und Rückfahrt und die medizinische Betreuung vor Ort. „Es war ein unvergessliches Erlebnis. Während der dreieinhalb Stunden lief alles gut, auch wenn es ganz schön laut war und so viele Menschen im Stadion waren“, erinnert sich die Mutter, Nicole Kahnt. „Auf der Rückfahrt nach Zscheckwitz hat Sophie richtig gestrahlt.“ Bei dem Konzert habe sie ein anderer Rollstuhlfahrer angesprochen und sie wiedererkannt nach dem SZ-Artikel. Er hat sich mit ihr gefreut und über ihren Weg zurück zu ein bisschen mehr Normalität. Das war nicht selbstverständlich.

Denn das Leben von Sophie und ihrer Familie veränderte sich von heute auf morgen, einfach so. Im vorigen Dezember wollte die Zehntklässlerin eigentlich los zur Kirche, zum Weihnachtskonzert. Sie klagte aber plötzlich über schlimme Kopfschmerzen. „Wir sind gleich ins Krankenhaus, dort wurde die Hirnblutung festgestellt, Sophie wurde notoperiert, lag im Koma.“

Nach ein paar Wochen verließ sie das Krankenhaus in Nürnberg und kam nach Zscheckwitz. Bei den Spezialisten in der dortigen Früh-Reha gibt es insgesamt rund 160 Plätze, derzeit sind nur 15 nicht belegt. Die jüngsten hier sind Frühgeborene, der momentan älteste Patient ist 52 Jahre.

Im Rehabilitationszentrum für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene auf der Station acht soll Sophie Schritt für Schritt auf das Leben mit ihrer Behinderung vorbereitet werden. Sie soll so selbstständig sein wie möglich. Um die Ziele erreichen zu können, arbeiten Ärzte, Pfleger und Therapeuten Hand in Hand. Wenn Sophie auf etwas reagiert, werde das unterstützt.

„Wir achten auf Signale“, sagt Sophies Musiktherapeutin Sabine Krabler. „Auf Mimik, Gesten, Schwitzen, erhöhten Puls wird zum Beispiel reagiert, so kann man in einen Dialog mit den Patienten treten.“

Das ist auch bei der Musik von Robbie Williams so. „Als er bei dem Konzert das Lied ,Feel‘ sang, liefen Sophie Tränen über das Gesicht“, so Nicole Kahnt. Das sei sehr emotional für ihre Tochter gewesen. Und in der Musiktherapie, die die 16-Jährige zweimal wöchentlich besucht, können sie diese Ballade auch wieder anhören. Zuvor habe sie eher negativ darauf reagiert, sagt Sabine Krabler. Überhaupt mache die Schülerin vergleichsweise große Fortschritte.

Zu Beginn der Reha stand fest: Der Bereich in ihrem Kleinhirn, der für die Koordination wichtig ist, wurde bei den Blutungen beschädigt. Doch die kognitiven Fähigkeiten hatte Sophie nicht verloren. Sie verstand vieles. Anfangs hatte sie Motivationsprobleme. Das änderte sich mit der Zeit. Und das Konzert gab einen weiteren Schub.

„Sie weiß, dass es sich lohnt zu kämpfen, sie hat einen starken Willen“, erklärt ihre Mutter, die ihr seit sieben Monaten zur Seite steht. Zusammen mit ihrer zweiten Tochter wohnt sie seither mit in der Klinik, die Zweijährige geht dort auch zur Kita. An Wochenenden kommen der Vater und andere aus der Familie aus Bayern zu Besuch.

Das gibt Halt. Jetzt möchte die 16-Jährige peu à peu neue Ziele erreichen. Sie nickt auf die Frage danach – und lächelt. Dann spielt Sophie, die früher oft am Klavier saß, bei der Musiktherapie auf dem Keyboard. Sabine Kabler spielt etwas vor, nennt Zahlen, die auf den Keyboard-Tasten befestigt sind. Sophie drückt eine Taste nach der anderen. Man merkt, wie sie sich anstrengt. Einfach ist es nicht. Doch sie schafft es.

„Ihre Fortschritte sind so groß, dass wir nicht sagen können, wie lange ihre Reha hier dauern wird“, sagt Chefarzt Dr. Dirk Faas. „Es ist sicher noch viel möglich.“ Wie Sophies Mutter und die Therapeuten hofft er, dass ihre Krankenkasse, die AOK Bayern, endlich den Sprachcomputer genehmigt. Bisher war das nicht der Fall. Das Gerät koste rund 12 000 Euro. Die AOK Bayern wollte sich am Freitag noch nicht zu dem Thema äußern, verwies auf Datenschutzgründe. „Wir“, sagt Faas, „sind aber überzeugt, dass es das Richtige für Sophie ist.“