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„Sie hat sich nie aus der Ruhe bringen lassen“

Hildegard Straube wohnt seit 100 Jahren in der Haasestraße in Meißen-Spaar.

© Claudia Hübschmann

Von Udo Lemke

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Meißen. Hans, der kleine Bruder, ist gekommen. Er hat einen Blumenstrauß und Pralinen mitgebracht. Hans ist 88. Und dann sagt er zu seiner großen Schwester Hildegard: „100 Jahre – du bis wohl ein bisschen verrückt.“ Und als Hildegard den gelben Briefumschlag öffnet und sich ein grüner 100-Euro-Schein zeigt, meint Hans: „Du bist doch hundert!“ Hildegard antwortet: „Aber, ich habe doch genug.“

Bescheidenheit und Zufriedenheit – das seien Eigenschaften, die seine Mutter auszeichnen, sagt Hildegard Straubes Sohn Dieter (76). Und darin sieht er auch eine wesentliche Ursache dafür, dass sie dieses selten hohe Alter erreicht hat. „Sie hat nicht besonders gesund gelebt, nie eine Diät gemacht, sondern gegessen, was ihr geschmeckt hat.“ Noch bis vor drei Jahren, als sie 97 war, hat sie alle Arbeiten im Alltag und im Haushalt selbst verrichtet. Nun wechseln sich die Familien von Dieter und seiner Schwester Ursula (74) im Vier-Wochen-Rhythmus ab, um die Mutter zu betreuen.

Der Lieblingsplatz von Hildegard Straube ist der am Fenster mit Blick auf die Straße ihres Lebens, auf die Haasestraße. Manchmal winkt jemand hinauf, ansonsten reicht es ihr, das Geschehen zu betrachten. Jeden Tag liest sie noch die Sächsische Zeitung und jeden Tag – das ist ihr Hobby – löst sie die Kreuzworträtsel.

Hildegard Straube hat während des Krieges 1940 geheiratet, dann kamen der Sohn und die Tochter, aber der Mann kam nicht zurück. Er fiel 1943 in Russland. Nun musste sie sich allein mit den beiden Kindern durchschlagen. Ab 1949, nachdem die Kinder eingeschult waren, ging sie wieder arbeiten. Als gelernte Stenotypistin arbeitete sie beim VEB Entwicklungsbüro Grobkeram. „Im Triebischtal saßen die Feinkeramiker, aber in der Brauhausstraße die Grobkeramiker“, erzählt ihr Sohn Dieter. Ihrem Betrieb ist sie treu geblieben, bis sie 1978 in die Rente ging. Und auch jetzt noch, 40 Jahre später, kommen ehemalige Kollegen zum Geburtstag auf der Haasestraße vorbei.

Den Hauptgrund für die Lebenskraft seiner Mutter sieht er jedoch darin, dass sie sich nie hat aus der Ruhe bringen, nie ärgern lassen hat, „sie hat angenommen, was ihr das Schicksal bestimmt hat, war mit ihrem Los zufrieden“.

Hildegard Straube ist nur ein einziges Mal in ihrem Leben umgezogen: Von der Haasestraße 4, in der sie am 2. Februar 1918 geboren worden ist, gegenüber in die Haasestraße 3. Sie ist zwar sehr gern in den Urlaub gefahren, erzählt Sohn Dieter, aber ansonsten ist sie in ihrem geliebten Meißen geblieben.

Neben Hildegard Straube sitzt ihre Urenkelin Amelie auf dem Sofa. Sie ist 14 – 86 Jahre jünger als ihre Uroma. Diese hat insgesamt zwei Enkel und zwei Urenkel, die alle am Freitag in die Haasestraße zum 100. Geburtstag gekommen sind. Glückwünsche gab es auch von der Stadt, und dann kam noch ein Schreiben an, über das sie sich besonders gefreut hat. Ein Geburtstagsgruß von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. „Das war immer ihr liebster Politiker, berührt hat sie, dass er seiner Frau eine Niere gespendet hat“, sagt Sohn Dieter. Und dann fällt ihm doch noch das Rezept für das lange Leben seiner Mutter ein: „Sie trinkt jeden Morgen und jeden Nachmittag eine Tasse Kaffee – das ist ihr Lebenselixier.“