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Sie verleiht ihr Ohr

Als Schriftdolmetscherin fasst Romy Pötschke in Worte, was andere nicht hören können.

© Sven Ellger

Von Nadja Laske

Der Garten ruft

Die Gartenzeit läuft aber nichts geht voran? Tipps, Tricks und Wissenswertes haben wir hier zusammengetragen. Vorbei schauen lohnt sich!

Hier sein und Sekunden später dort – der große Traum vom Beamen. Science Fiction-Filme haben ihn in die Realität geholt. Oder tut’s auch einfach nur Telekommunikation? Romy Pötschke kommt mit ihr aus. Auch ohne ein Fantasiewesen zu sein, kann sie sogar an zwei Orten gleichzeitig die Welt ein bisschen verändern, am Schreibtisch in ihrer Prohliser Wohnung und im Klassenzimmer einer Abiturientin.

Romy Pötschke ist Schriftdolmetscherin. So wie Wörter, Silben, Sätze von einer Fremdsprache in die andere übertragen oder Gesprochenes in Gebärden verwandelt wird, übersetzt sie Gehörtes in Schrift. „Menschen, die nicht oder sehr schwer hören, brauchen diese Hilfe“, sagt die 37-Jährige. Besonders jene, die erst spät ihr Gehör verloren und deshalb nie die Gebärdensprache gelernt haben, sind auf Dolmetscher wie sie angewiesen. Die Zeichensprache verlangt Routine und ein Umfeld, in dem es zur Tagesordnung gehört. Spät Ertaubte leben, lernen, arbeiten jedoch meist unter Hörenden.

Vor Romy Pötschke steht der aufgeklappte Laptop. Mit ein paar Klicks öffnet sie ihr spezielles Arbeitsprogramm und setzt sich Kopfhörer auf. In diesem Moment beginnt sie zu hören, was viele Kilometer entfernt von ihr passiert. Zum Beispiel in Marcels Klasse. Oder im Hörsaal einer Hochschule. Es kann ein Gerichtssaal sein, zu dem sie auditiv Zugang erhält oder ein Seminarraum. Mal lauscht sie in eine Elternabendrunde, mal in ein Arztzimmer.

Um zu zeigen, wie sie und ihre Kollegen arbeiten, loggt sich Romy Pötschke in ein Lehrer-Schüler-Gespräch ein. Für ein paar Minuten spielt sie Mäuschen, während eine andere Dolmetscherin verschriftlicht, was Marcels Englischlehrerin mit ihm diskutiert. Wie ist er zu der Übersetzung gekommen, die sie bewerten will? Wie war seine Arbeitsweise? Darüber tauschen sich die beiden aus. Auf dem Bildschirm erscheint die Rede der Pädagogin, nicht aber Marcels. Er weiß ja selbst, was er sagt und muss nur lesen, was ihm sein Gegenüber vermitteln will. Also auch er sitzt am Rechner, Technik, die ihm den Dialog ermöglicht. Irgendwo in diesem Land arbeitet die Schriftdolmetscherin. Vielleicht in Chemnitz oder Zwickau, vielleicht in Hamburg oder Düsseldorf. Internetverbindungen überbrücken räumliche Distanzen und gesundheitliche Defizite. Ohne diese Verkettung und zahlende Kassen wären Gehörlose gerade in der Bildung abgehängt.

Als Romy Pötschke ihren Realschulabschluss geschafft und die Schule verlassen hatte, lag ein schwerer Weg hinter ihr und ein nicht minder komplizierter begann. Schließlich steht jungen Leuten mit Behinderung nicht die ganze große Berufewelt offen. Bestimmte Einschränkungen schließen gewisse Tätigkeiten von vornherein aus. „Ich konnte noch nie laufen“, sagt Romy Pötschke. Sie leidet an einer Muskelerkrankung, die nicht klar diagnostiziert ist. Kein Arzt hat je herausgefunden, wie das heißt, was sie auf den Rollstuhl und auf Assistenten angewiesen sein lässt. Inzwischen wolle sie es auch gar nicht mehr wissen. Jedenfalls nicht um den Preis gefährlicher Untersuchungen. „Im Moment beschäftigt mich das einfach nicht.“

Lieber steckt sie ihre Energie in eine Arbeit, die erfüllt und anderen nützt. Zunächst absolvierte sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau, doch danach fand sich keine Arbeitsstelle. Als Romy Pötschke den Tipp bekam, sich um eine Weiterbildung zur Schriftdolmetscherin zu bewerben, war das der Beginn ihrer heutigen Selbstständigkeit. Ein Jahr lang dauerte der Kurs, der sie zur sogenannten Real-Time-Reporterin machen sollte. Ähnlich wie in der Stenografie schreiben sie eine extrem verkürzte Schriftsprache. Doch statt Zeichen nutzen sie auf einer speziellen Tastatur Tastenkombinationen, die, gekoppelt an einen Rechner und verarbeitet über ein bestimmtes Computerprogramm bis zu ganze Sätze abbilden. „Die Kombinationen musste ich lernen wie Vokabeln“, sagt Romy Pötschke. Und üben, üben, üben. Das schnelle Schreiben verlangt höchste Konzentration und Fingerfertigkeit. „Ich habe trotz allem nicht mehr als 200 Zeichen in der Minute geschafft“, sagt sie. Rund 400 Zeichen wären nötig, um beruflich zu punkten.

Heute arbeitet Romy Pötschke mit einem Worterkennungsprogramm. Die Sätze des Vortragenden spricht sie nach, diese erscheinen verschriftlicht sowohl auf ihrem als auch auf dem Bildschirm des gehörlosen Kunden. „Es ist nötig, alles was ein Professor im Hörsaal erzählt, klar, kurz und gut strukturiert wiederzugeben.“ Dabei halte sie sich so weit wie möglich am gesprochenen Wort, müsse aber Schachtelsätze entwirren, unvollständige Sätze beenden und das eine oder andere Ähm beseitigen. Direkt neben dem Kunden im Hörsaal zu sitzen, wäre persönlicher und angenehmer für beide. Doch dafür müsste sie oft zu weit reisen. Häufig scheitert die Rollstuhlfahrerin auch schlichtweg an Treppen, zu engen Türen oder fehlenden Behinderten-WC.

Romy Pötschke liebt nicht nur ihren Beruf, sie will ihn auch entwickeln und engagiert sich dafür. „In diesem Jahr wird es die erste staatliche Prüfung für Schriftdolmetscher geben“, sagt sie. Das sei schon mehr wert als ein Zertifikat. Was in den USA ein dreijähriger Ausbildungsberuf ist, steckt hier noch in den Kinderschuhen. So ist Romy Pötschke auch ohne Science Fiction eine Art Heldin der Zukunft.