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„Sieben Kilometer Elend“

Bei einer Diskussionsrunde zur Meißner Straße erklärten Architekten, was an Radebeuls Hauptverkehrsader möglich ist – und was nicht.

© Arvid Müller

Von Nina Schirmer

Radebeul. Die Meißner Straße wird nie der Broadway oder eine Prachtallee wie Unter den Linden werden. Das stellte Architekt Jörg Rudloff gleich zu Beginn klar. Die Radebeuler müssen sich nichts vormachen. Die Hauptverkehrsader, die sich durch ihre Stadt zieht, ist kein Schmuckstück. Eher ein „sieben Kilometer langes Elend“, sagte Thomas Scharrer. Auch er ist Architekt. Gemeinsam mit seinem Berufskollegen sprach er am Montag zur Meißner Straße und ihren Sanierungsmöglichkeiten .

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Die öffentliche Diskussionsrunde wurde vom Bürgerforum Radebeul organisiert. Ein Verein, der den Grünen nahesteht und sich nach eigener Beschreibung sachorientiert und kreativ für eine nachhaltige Entwicklung in der Stadt einsetzen will. „Wir sind alle Laien und deshalb haben wir uns Leute eingeladen, die Ahnung haben“, sagte Vereinsvorsitzender Christian Mendt, ehemals Pfarrer an der Lutherkirche.

Architekt Thomas Scharrer war an den Planungen zur Sanierung der Meißner Straße vor den Landesbühnen beteiligt. Er kennt die Hürden und Probleme, die solch ein großer Umbau mit sich bringt. Es sei ein unentwegter Streit mit den Dresdner Verkehrsbetrieben (DVB) gewesen, sagte Scharrer.

Denn ohne die DVB laufe auf der Meißner Straße gar nichts. Die Straßenbahn sei auch der Grund, warum die Straße, etwa in Radebeul-Mitte, breiter werden soll. Das Vorhaben ist umstritten, erst recht unter Anwohnern, die deshalb Teile ihrer Grundstücke abtreten müssen. Die DVB legten die Gleisachsen auseinander, falls sie irgendwann einmal breitere Wagen einsetzen möchten, erklärte Scharrer. Allerdings werde darüber schon seit Jahrzehnten gesprochen, ohne das je größere Straßenbahnen zum Einsatz gekommen wären. Fördergelder für die Straßensanierung gebe es nur vom Freistaat, wenn durch den Ausbau des Schienenverkehrs im Verhältnis zum restlichen Verkehr beschleunigt wird, so der Architekt. Und dafür brauche es in aller Regel einen breiteren Straßenraum.

Gleiches gelte für die Haltestellen. Die müssten, wenn sie neu gebaut werden, behindertengerecht sein. Hohe Borde wie an der Haltestelle Borstraße, von denen aus man ebenerdig einsteigen kann, sind also Pflicht. „Das hat aber den Nachteil, dass der Verkehr hinter der Bahn herzuckelt“, sagte Scharrer. Eine andere Möglichkeit wäre, die Haltestellen in die Mitte zwischen die Fahrbahnen auf eine Insel zu legen, wie an den Landesbühnen. Das brauche aber noch deutlich mehr Platz.

Umstritten ist auch die Entscheidung, die Meißner Straße in Mitte zweispurig je Richtung auszubauen. Architekt Scharrer sieht das ebenfalls kritisch. Seine Befürchtung: Um die Straßenbahn auf dem breiten Abschnitt zu überholen, treten die Autofahrer aufs Gas und sind dann deutlich schneller als mit 50 km/h unterwegs.

Von den anwesenden Bürgern gab es auch Kritik an der Stadtverwaltung. Sie fühlen sich über die Ausbaupläne zu schlecht informiert. Freilich gebe es die Möglichkeit, Pläne einzusehen, sagte ein Anwohner. Aber als Laie könne man schon froh sein, wenn man darauf sein Grundstück finde. Der Tenor unter den Leuten: Sie wünschen sich von der Stadt mehr verständliche Informationen und nicht nur die Einsichtnahmen in Unterlagen, zu der die Verwaltung rechtlich verpflichtet ist.

Verärgert zeigt sich auch eine Mutter, deren Kind in die Kita Thomas Müntzer geht. Dort sollen wegen des geplanten Straßenausbaus angeblich Bäume und Parkplätze wegfallen. Aber genauere Informationen hätte niemand, sagte sie.

Und noch ein Thema: Der Radverkehr auf der Meißner. Es sei kein Wunder, dass die meisten Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren, sagte eine Anwesende. Mit dem Fahrrad sei die Strecke für Schüler unzumutbar. Auch Architekt Scharrer spricht von einem „Radwegelabor“, für das es keinen einheitlichen Plan gebe. Aus seiner Sicht fehle insgesamt ein Gremium, dass langfristig Ziele für die Straße definiert. Stattdessen werde oft immer wieder neu geplant und Ideen, die es bereits gab, würden vergessen.

Das Bürgerforum Radebeul will sich künftig für einen bestandsnahen Ausbau der Meißner Straße ohne Verbreiterung der Querschnitte einsetzen.