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Sieben Rettungsschirme für die BRN

Die Kritik am Neustädter Stadtteilfest nimmt seit Jahren zu, 2017 kam der Knall. Ein Konzept soll es nun richten.

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© Sven Ellger

Von Sarah Grundmann

Dresden. Bier- oder Bürgersteig-Republik – die Bunte Republik Neustadt (BRN) hat in ihren nunmehr 27 Jahren zuletzt einige bissige Spitznamen bekommen. Die Kritik am einst anarchischen Stadtteilfest wurde immer größer. Zu viel Kommerz, zu wenig Kreativität, so der Vorwurf. 2017 kam schließlich, was bereits mehrfach angedeutet wurde: Diejenigen, die das Fest Jahre geprägt haben, geben auf.

Die Schwafelrunde – ein loser Verband, der sich um die Vermittlung zwischen Händlern, Anwohnern und Stadtverwaltung bemüht hat, gibt es nicht mehr. „Das Organisationschaos in diesem Jahr war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“, sagt Mitbegründer Magnus Hecht. Die Zuständigkeit für das Fest war vom Ordnungs- an das Straßenbauamt übergegangen. Das war mit der kurzfristig gewonnenen Aufgabe personell überfordert. Das Ergebnis: Die Anträge der Händler wurden erst sehr spät bearbeitet, es hagelte viele Ablehnungen.

Doch das Ende der Schwafelrunde ist nicht gleichbedeutend mit dem Ende der BRN. „Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe, das Fest zu ändern“, sagt Hecht. Er wurde in diesem Jahr vom Stadtteilhaus beauftragt, ein Konzept für die BRN zu schreiben. Entstanden sind über 50 Seiten, die der „Koordinator“ am Dienstagabend auf der Prießnitzstraße Anwohnern, Gewerbetreibenden und Politikern vorstellte. Gemeinsam wurden Probleme besprochen und Ideen für ein besseres Stadtteilfest entwickelt – sieben Rettungsschirme für die Bunte Republik:

Neues Anmeldeverfahren

Das Aus der Schwafelrunde habe nicht allein am diesjährigen Chaos gelegen. Vielmehr sei der Verband mit seinem größten Ziel nicht vorangekommen: die Bildung von sogenannten Inseln. Dabei entwickeln Anwohner und Gewerbetreibende gemeinsam ein unkommerzielles, aber kulturelles Festprogramm für einen Straßenzug, Hof oder Platz. Ein Verantwortlicher meldet die Stände stellvertretend für andere an. Doch eine solche Verantwortung wollte kaum jemand übernehmen. Hechts Idee: ein zweistufiges Anmeldeverfahren. So sollen erst Inselverantwortliche ihre Anträge bei der Stadt einreichen können. Wo Lücken bleiben, könne mit anderen Händlern aufgefüllt werden.

Eine Brücke in die Verwaltung

Kleingartenbeirat, Seniorenbeirat – für viele Themen gibt es in Dresden politische Gremien. Hecht will ein solches nun auch für die Organisation der Bunten Republik. „Die Schwafelrunde hat daran gekrankt, dass sie nicht verbindlich war.“ Ein BRN-Beirat müsste von Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) geleitet werden und sich mindestens zweimal jährlich treffen, um organisatorische Fragen zu klären.

Wissenschaftler sammeln Wünsche

Die BRN wurde in diesem Jahr sogar Thema der Wissenschaft. Professor Matthias Munkwitz vom Institut für kulturelle Infrastruktur war mit zehn Studenten auf dem Fest unterwegs und sammelte Wünsche und Anregungen der Anwohner und Gewerbetreibenden. Nun soll ein Gutachten erstellt werden.

Ein BRN-Büro für achte Monate

Aus den Augen, aus dem Sinn. Dieses Sprichwort trifft erfahrungsgemäß auch auf die Probleme der BRN zu. Am dritten Juniwochenende findet das Fest traditionell statt. Danach sind Müll, Lärm und das Toilettendesaster schnell vergessen. Ein BRN-Büro könnte dauerhaft daran erinnern. Acht Monate sollen dort Ansprechpartner für Probleme und Fragen bereitstehen.

Neuer Veranstalter gesucht

Bei den meisten Festen gibt es einen Veranstalter. Alle, die es bei der BRN versucht haben, gaben auf. Niemand ist in Sicht, der diese Verantwortung übernehmen will. Zunächst brauche das Fest Struktur, so Hecht. Vielleicht nach der Umsetzung des Konzepts?

Eine Festsatzung gegen das Chaos

Das Stadtfest hat sie, der Striezelmarkt sowieso: eine Satzung. Die wird vom Stadtrat verabschiedet und schreibt Regeln fest. Die BRN wird hingegen durch die sogenannte Straßensondernutzungs- und die Polizeiverordnung geregelt. Mit einer Satzung könne man dem Fest einen Charakter verleihen, meint Hecht. So könnten beispielsweise unterschiedliche Standgebühren vereinbart werden: „Wer nichts verkauft, muss nichts bezahlen. Wer nur Bier verkauft besonders viel, weil er den Toilettenwagen mit finanzieren muss“, lautet ein Vorschlag Hechts. Grünen-Stadtrat Johannes Lichdi schätzt die Chancen für eine politische Mehrheit als gut ein: „Dann müssen die Neustädter aber wissen, was sie wollen.“

Neustädter wollen BRN-Verein gründen

Elbhangfest und Hechtfest werden von einem Verein organisiert. Auch im Stadtteilhaus kam am Dienstagabend der Wunsch auf, dass Anwohner gemeinsam aktiv werden. Demnächst wollen sich einige der Anwesenden treffen und über die Gründung eines Vereins sprechen. Ob dieser dann die Organisation des Fests komplett übernimmt oder als Förderverein bei bestimmten Dingen weiterhilft, ist noch unklar.

›› Rückblick: Die BRN 2017