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Siemens will Züge gegen Windmühlen tauschen

Der Konzern steigt in den Übernahmepoker um Alstom ein. Und will damit Schlimmeres verhindern.

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© picture-alliance / dpa

Von Ansgar Haase

Paris. Erst Rivalen bis aufs Blut, jetzt Freunde im Handeln? Die Industriekonzerne Siemens und Alstom liefern sich bislang auf den Weltmärkten einen erbitterten Kampf um Kunden und Aufträge. Das könnte sich nun ändern. Nach Medienberichten hat Siemens-Vorstand Joe Kaeser dem Chef des Konkurrenten Alstom am Wochenende ein umfangreiches Tauschgeschäft vorgeschlagen. Das könnte die bisherigen Übernahmepläne des US-Konkurrenten General Electric (GE) scheitern lassen.

Nach dem Siemens-Vorschlag würde das Münchner Unternehmen einen Teil seiner Schienenverkehrsaktivitäten an Alstom abgeben, wenn es im Gegenzug das Energietechnik-Geschäft der Franzosen kaufen könnte. Deutsche ICE-Züge könnten dann unter französischer Führung gebaut werden, französische Windkraftwerke unter deutscher.

Zumindest bei der französischen Regierung um Präsident François Hollande dürfte Kaeser mit dem Vorschlag offene Türen einrennen. Sie hatte in der vergangenen Woche erfahren, dass die Alstom-Führung offensichtlich kurz davor steht, die Sparte Energietechnik an das US-Unternehmen GE zu verkaufen. Seitdem wird alles versucht, um die Übernahme politisch zu verhindern. Ein solches Geschäft könnte für den Industriestandort Frankreich negative Folgen haben, warnte Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg mit Blick auf die mögliche Verlagerung von Arbeitsplätzen und Entscheidungszentren.

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Cowboy statt Teutone

Er und die Regierung sollen Siemens schließlich sogar aufgefordert haben, ein Gegenangebot zu machen. „Es geht darum, in den Bereichen Energie und Transport zwei europäische und weltweite Spitzenreiter zu schaffen – den einen rund um Siemens, den anderen rund um Alstom“, kommentierte Montebourg am Sonntagmittag.

Das Handelsblatt berichtet, Kaeser habe in seinem Vorschlag nicht nur die Abgabe von Teilen des Transportgeschäfts, sondern auch eine Arbeitsplatzgarantie angeboten. Siemens könnte demnach für mindestens drei Jahre auf Stellenstreichungen in Frankreich verzichten, auch danach wolle man das Geschäft weiter ausbauen, hieß es.

Neu ist das Thema nicht: Präsident Hollande hatte bereits vor einigen Monaten vorgeschlagen, eine große deutsch-französische Allianz im Energiebereich zu schmieden. Als Vorbild für gelungene Zusammenarbeit nannte er den vor allem von Deutschland und Frankreich geschaffenen Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus (früher EADS).

Auch Peter Altmaier (CDU) hatte sich schon in seiner Zeit als Umweltminister mehrfach für deutsch-französische Konsortien im Energiebereich ausgesprochen. Am Rande von Gesprächen in Paris sagte er beispielsweise im vergangenen Sommer, dass die Politik hilfreich sein wolle, wenn sich Akteure der Energiewirtschaft „wie bei Airbus“ zusammenschließen möchten.

Als großer Gegner eines Deals zwischen Siemens und Alstom gilt allerdings Alstom-Chef Patrick Kron. „Es ist bizarr“, kommentierte die Pariser Tageszeitung Le Monde am Sonntag. Wenn ein französischer Unternehmenschef die Wahl zwischen einem Auto von Ford oder BMW oder einer Waschmaschine von Whirlpool oder Bosch habe, werde er sich immer für die deutsche Zuverlässigkeit entscheiden. Aber wenn es um den Verkauf seines Unternehmens gehe, sei es genau andersherum. Dann wähle er lieber den „schön daherredenden Cowboy als den soliden Teutonen“.

Die französische Regierung erhöhte am Sonntag den Druck auf Kron. Das Siemens-Angebot müsse nun eingehend geprüft werden, forderte Montebourg. Gleichzeitig erinnerte er, dass Alstom vor allem von öffentlichen Aufträgen lebe und auch bei Exporten staatliche Unterstützung erhalte. Ein „nationales Psychodrama“, schrieb die Sonntagszeitung JDD.

Dass Siemens kein uneigennütziger Ritter im Machtkampf um Alstom ist, ist aber auch klar. Denn eine Übernahme Alstoms wäre eine Kampfansage von GE an Siemens. Die Amerikaner liegen in manchen Bereichen vor Siemens und verdienen gemessen am Umsatz deutlich mehr Geld. In Europa, vor allem in Deutschland hat Siemens die Nase vorn – und bietet GE auf dem amerikanischen Markt Paroli, etwa mit milliardenschweren Windkraftaufträgen oder bei Zügen. Siemens hat mit rund 60.000 Mitarbeitern in den USA Schlagkraft. (dpa)