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Sind die Feuerwehren für die Zukunft gerüstet?

Sachsen will in den Brandschutz investieren. Wo Geld am dringendsten gebraucht wird, erklärt der Kreisbrandmeister.

© Marko Förster

Von Annett Heyse

Pirna. Das angekündigte Regierungsprogramm „Zukunftspaket Sachsen“ schließt auch die Freiwilligen Feuerwehren mit ein. In den kommenden fünf Jahren sollen unter anderem 215 Millionen Euro in den Brandschutz fließen. Was davon bei den Feuerwehren im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge ankommt und wie die Lage ist, erklärt Kreisbrandmeister Karsten Neumann im SZ-Interview.

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Als Kreisbrandmeister ist Karsten Neumann seit Januar 2001 hauptamtlich für den Landkreis zuständig.
Als Kreisbrandmeister ist Karsten Neumann seit Januar 2001 hauptamtlich für den Landkreis zuständig. © SZ-Archiv/Marko Förster

Herr Neumann, wie sind die Feuerwehren im Landkreis aufgestellt?

Die 36 Städte und Gemeinden unterhalten in 188 Ortsteilen eine Feuerwehr. Damit stehen 3 856 aktive Mitglieder bereit, wenn die Alarmglocke schrillt. Knapp die Hälfte ist dazu ausgebildet, im Einsatz auch Atemschutzgeräte zu tragen. Pirna und Freital unterstützen die Feuerwehr außerdem mit 50 hauptamtlichen Kräften. Welche und wie viele technische und personelle Kräfte jede Gemeinde vorhält, bestimmt sie selbst. Dabei ist der Brandschutzbedarfsplan eine wichtige Arbeitsgrundlage. Dort schreibt die Gemeinde fest, in welcher Zeit, mit wie viel Mannschaft und Gerät und in wie viel Prozent der Fälle die Feuerwehr am Schadensort eintreffen soll.

Das Land will mehr in Brandschutz und Feuerwehren investieren. Wie viel zusätzliches Geld steht den Feuerwehren im Kreis damit zur Verfügung?

Vom Freistaat bekam unser Landkreis zusätzlich 1,462 Millionen Euro für das Haushaltsjahr 2018. Damit können wir insgesamt etwa 3,1 Millionen Euro an die Städte und Gemeinden weitergeben.

Wo wird das Geld am dringendsten gebraucht?

Mit dem zusätzlichen Geld werden Einsatzfahrzeuge, Gerätehaus-Baumaßnahmen und Löschwasserzisternen bezuschusst. Durch die Mittel wird es außerdem möglich, auf neue Atemschutzgerätetechnik umzustellen und technische Anschaffungen zu fördern, die für den Trinkwasserschutz nötig sind. Dabei handelt es sich beispielsweise um Systemtrenner, die erforderlich sind, um das Trinkwassernetz gegen das Eindringen von „Nichttrinkwasser“ zu schützen. Zusätzlich erhalten die Städte und Gemeinden auch noch eine Förderung zur Jugendarbeit.

Das Investitionspaket sieht vor, den Kommunen jährlich 50 Euro Pauschale pro aktives Feuerwehrmitglied zu zahlen. Wie bewerten Sie das?

Es ist eine Möglichkeit der materiellen Würdigung der ehrenamtlichen Tätigkeit durch den Freistaat. Die Städte und Gemeinden entscheiden darüber, wie die Mittel an Feuerwehrangehörige weitergegeben werden.

Wie ist die Aufwandsentschädigung für Feuerwehrleute im Kreis geregelt?

Das regelt jede Stadt oder Gemeinde eigenständig. Es gibt also 36 verschiedene Aufwandsentschädigungssatzungen.

Wie sieht es mit der Tageseinsatzbereitschaft aus?

Genügend Einsatzkräfte zusammenzubekommen, die tagsüber im Ernstfall reagieren können, ist ein Problem, das seit längerer Zeit offen diskutiert wird. Und ich glaube, keine der Feuerwehren im Kreis ist davon ausgenommen, auch wenn es Standortunterschiede gibt. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Hauptgrund dürfte aber sein, dass viele Feuerwehrleute nicht in ihrem Wohnort arbeiten.

Welche Ansatzpunkte haben sich vielleicht sogar schon in der Praxis bewährt, um dem Problem zu begegnen?

So vielfältig unsere kommunale Landschaft ist, so individuell sind auch hier die Lösungsansätze. Tatsächlich muss das, was an einem Ort funktioniert, woanders nicht zwingend der richtige Weg sein. Unter anderem wurden mancherorts bereits tageszeitbezogene Alarmreaktionen eingeführt. Das heißt, die Anzahl der zu alarmierenden Kräfte und Mittel wird während der tagesalarmkritischen Zeit erhöht, oder es werden zu Einsatzarten, bei denen unmittelbar keine Personen- oder Sachwerte gefährdet sind, nur bestimmte Standorte alarmiert. Bestimmte Einsätze können so mit Mitarbeitern der Verwaltungen oder Bauhöfe abgedeckt werden.

Wie steht es um den Nachwuchs?

Seit mehr als 25 Jahren ist die Kreisjugendfeuerwehr aktiv und kann auf rund 1 400 Mitglieder in fast 100 Jugendfeuerwehren verweisen. Damit hat jede zweite Ortswehr eine Jugendabteilung. Trotz dieser erfreulichen Zahl ist die Nachwuchsgewinnung aber nach wie vor aktuelles Thema. Obwohl 2017 immerhin 72 Mitglieder der Jugendfeuerwehr zu den Aktiven wechselten, konnten damit nur 38 Prozent der Ortswehren ein neues aktives Mitglied gewinnen. Umso wichtiger ist es also, in den Bemühungen nicht nachzulassen und möglichst viele für die Mitgliedschaft in Jugendfeuerwehren zu begeistern.

Wie hat sich das Einsatzspektrum auf Kreisebene verändert?

Die Zahlen sind seit mehreren Jahren recht konstant und bewegen sich etwa zwischen 2 300 und 2 500 Einsätzen pro Jahr. Extreme Wetterereignisse wie Herbststurm „Herwart“ tragen natürlich dazu bei, dass es Schwankungen gibt. In Summe wurden unsere Feuerwehren 2017 mehr als 2 700- mal alarmiert. In über zwei Dritteln der Fälle waren technische Hilfen der Grund, etwa bei Verkehrsunfällen oder Wetterereignissen. Außerdem rückten die Feuerwehren 355-mal aus, um Brände unterschiedlichster Ausmaße zu bekämpfen. Achtmal waren sie gefordert, um bei sogenannten ABC-Einsätzen zu verhindern, dass sich umweltgefährdende Stoffe ausbreiten. Damit hält auch 2017 die generelle Tendenz an, dass die Zahl der Brandeinsätze im Vergleich zum Gesamteinsatzaufkommen etwas unter 20 Prozent liegt.

Anfang 2018 folgte der nächste schwere Sturm. Wie ist die Feuerwehr darauf vorbereitet, dass sich Naturereignisse häufen?

Die Feuerwehren haben bereits darauf reagiert, indem sie spezielle Technik vorhalten. Nach den vergangenen Hochwassern wurde neben leistungsfähigen Pumpen auch entsprechende Technik zum Errichten von Hochwasserabwehrmaßnahmen beschafft. Im Landkreis wurde gemeinsam mit Städten und Gemeinden das System der ortsfesten Befehlsstellen geschaffen. Diese werden bei größeren Katastrophen besetzt. So soll erreicht werden, dass auch bei Großschadenslagen alle Einsatzaufgaben korrekt abgearbeitet und die Rettungs- und Hilfskräfte dorthin geführt werden können, wo sie gebraucht werden. Gerade die Stürme haben gezeigt, wie wichtig dieses funktionierende System ist.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Ich denke, die Visionen und Kritiken der Fachleute, die sich um die Zukunftsfähigkeit des aktuellen Feuerwehrsystems sorgen, müssen gehört und auch umgesetzt werden. Eine gute und zeitgemäße Ausbildung unserer Feuerwehrleute ist die unabdingbare Grundlage für deren erfolgreichen und sicheren Einsatz. Dabei muss besprochen werden, ob die wachsenden Anforderungen künftig noch im reinen Prinzip der Ehrenamtlichkeit bewältigt werden können. Das mehr als 150 Jahre alte System der Freiwilligen Feuerwehren ist unverzichtbar, aber das schließt nicht aus, dass neue Gedanken und Wege beschritten werden müssen, um unsere Feuerwehren zukunftsfähig zu gestalten.

Das Gespräch führte Anja Ehrhartsmann.