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Sind die Villen noch zu retten?

Ebersbach-Neugersdorf hat 1 000 Denkmale. Viele verfallen. Es gibt einen Vorschlag, wie man das ändern könnte.

© Matthias Weber

Von Gabriela Lachnit

Ebersbach-Neugersdorf. Ein Österreicher klagt an, dass in Ebersbach-Neugersdorf unwiederbringliches, wertvolles Kulturgut zugrunde gehe. Das teilt Gerhard Ruscher in einer E-Mail der Sächsischen Zeitung mit. Der Mann aus Wien schreibt, er sei ein Nachfahre des Neugersdorfer Fabrikanten C. A. Roscher. Er könne nicht verstehen, dass die beiden Villen des Fabrikbesitzers in der Hauptstraße in Neugersdorf, nahe dem Bahnhof, und in der Käthe-Kollwitz-Straße verfallen und die Stadt dabei offenbar hilflos zusehe, teilt er mit.

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In der Eichendorffstraße in Neugersdorf hat die Palm-Stiftung saniert.
In der Eichendorffstraße in Neugersdorf hat die Palm-Stiftung saniert. © Matthias Weber
Marita Linke hat die Villa in der Hauptstraße 57 in Neugersdorf saniert und hat dort einen Laden.
Marita Linke hat die Villa in der Hauptstraße 57 in Neugersdorf saniert und hat dort einen Laden. © Matthias Weber
Gehegt und gepflegt: ein Umgebindehaus in der Liebknecht-Straße in Neugersdorf.
Gehegt und gepflegt: ein Umgebindehaus in der Liebknecht-Straße in Neugersdorf. © Matthias Weber

Keinesfalls sehe die Stadt Ebersbach-Neugersdorf dem hilflos zu, betont der Beigeordnete Bernd Noack. Und schon gar nicht interessenlos, ergänzt er und holt ein ganzes Stück aus. Bernd Noack erinnert daran, dass die Oberlandstadt seit der Wende einem Strukturwandel ohne Beispiel unterworfen sei. Rund 45 Prozent der Einwohner haben die Städte Ebersbach und Neugersdorf seither verloren. Das sei noch nicht einmal in Zeiten des 30-jährigen Krieges so schlimm gewesen, erläutert der Beigeordnete. Dennoch haben die Menschen, die jetzt da sind, den Strukturwandel bewundernswert bewältigt. Wegen des Weggangs vieler Menschen stehen zahlreiche Wohnungen und Häuser leer. Wegen ihrer Industriegeschichte – Neugersdorf hatte vor dem Ersten Weltkrieg das zweithöchste Pro-Kopf-Einkommen in Sachsen – hat die Spreequellstadt eine hohe Dichte an Villen und Umgebindehäusern. Insgesamt hat die Doppelstadt rund 1 000 Denkmale, von denen viele derzeit leer stehen. Bernd Noack ist klar, dass dieser kulturhistorische Schatz nicht vollständig erhalten werden kann. Dennoch hat die Stadt ein hohes Interesse daran, die Gebäude zu bewahren und möglichst ihrem Bestimmungszweck wieder zuzuführen – dem Wohnen. Mehrere Millionen Euro hat die Stadt bereits ausgegeben, damit Denkmale erhalten werden können. Der Beigeordnete benennt als Beispiel vier Programme zu Städtebau-Fördermitteln, deren Verlängerung bereits beantragt ist. Aus diesen haben Privatleute die Möglichkeit, finanzielle Unterstützung zur Erhaltung von Denkmalen zu bekommen. Ein Beispiel dafür sei ein Haus in der Georgswalder Straße in Ebersbach. In Neugersdorf hat die Palm-Stiftung in der Eichendorffstraße ein Haus zum altersgerechten Wohnen ausgebaut und dafür Städtebaufördermittel genutzt. Insgesamt hat die Stiftung für die Sanierung 1,3 Millionen Euro aufgewendet.

Andererseits sieht der Beigeordnete aber auch, dass mittlerweile eine ganze Reihe von Grundstückseigentümern ihre Häuser aufgegeben haben. Das sieht er nicht nur am Verfall der Gebäude und an der Verwahrlosung der Grundstücke, sondern auch daran, dass keine Grundsteuer mehr gezahlt werde. Einen mindestens sechsstelligen Betrag müsste die Stadt aufwenden, wenn sie allein nur an den Hauptverkehrsachsen der Stadt die Denkmale selbst sichern müsste. Das kann die Stadt finanziell nicht leisten, wenngleich derzeit die wirtschaftliche Lage sehr gut sei und seit der Wende die höchsten Gewerbesteuereinnahmen in die Stadtkasse fließen. „Die Erhaltung des kulturellen Erbes, zu dem die Denkmale gehören, ist eine Aufgabe für die gesamte Stadtgesellschaft“, unterstreicht der Ebersbacher Bernd Noack.

Der große Leerstand der Gebäude in Ebersbach-Neugersdorf ist mittlerweile erfasst. Etwa 100 Denkmale stehen leer. Jetzt müsse darüber nachgedacht und diskutiert werden, wie man den Leerstand beseitigen kann. Noack schlägt vor, das über eine gemeinnützige GmbH zu tun, die an ein Wohnungsunternehmen angebunden ist. Die Stadtverwaltung könne diese Aufgabe schon rein personell nicht leisten und wäre damit überfordert, gibt er zu bedenken. Die Gesellschaft müsste die leeren Häuser vermarkten. Das sei viel Arbeit, unter anderem fallen Kaufverhandlungen und Zwangsversteigerungen an. Das ist sehr aufwendig und langwierig.

Um den Abriss von Gebäuden würde man jedoch nicht herum kommen, vermutet der Beigeordnete. Er benennt ein Haus in der August-Bebel-Straße als Beispiel: Das Umgebindehaus hat die Stadt ersteigert. Es ist sehr klein, hat fast kein Grundstück drumherum. Für das Haus an dieser Stelle einen Käufer zu finden, sei nahezu aussichtslos. Und das sei nur eins von vielen Beispielen, sagt der Beigeordnete. In solchen Fällen regt er an, das Kulturgut zumindest teilweise zu retten und zu bewahren. In diesem konkreten Fall schlägt er vor, die Blockstube auszubauen und in die Neugestaltung der Stadtbibliothek einzubeziehen. Solch ein Potenzial sollte künftig besser erkannt und vermarktet werden.

Das wird auch bitter nötig sein, denn mittlerweile haben Ebersbach-Neugersdorf und weitere Orte im Oberland das Problem, dass viele Firmen immer mehr Fachkräfte von außerhalb brauchen. Die Kommunen können ihnen aber keinen ansprechenden Wohnraum bieten. Ihnen mit günstigen Bodenpreisen Bauland bereitzustellen oder beim Ausbau und der Sanierung von Denkmalen Unterstützung zu geben, könne helfen, Menschen zu überzeugen, dass sie hier einen bleibenden Lebensmittelpunkt finden und Oberländer nach dem Studium in die Heimat zurückkehren.