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Die irre Meisterschaft vom Sachsenring

Nur 15 von 190 Radfahrern erreichen im Glutofen das Ziel. Maximilian Schachmann heißt der neue deutsche Meister.

Andreas Schillinger (l) und Maxilian Schachmann, beide vom Team Bora - hansgrohe jubeln beim Überfahren der Ziellinie.
Andreas Schillinger (l) und Maxilian Schachmann, beide vom Team Bora - hansgrohe jubeln beim Überfahren der Ziellinie. © dpa

Am Ende wird nicht mal mehr gesprintet. Das liegt jedoch nicht etwa an den nachlassenden Kräften, sondern an der Stallorder. Das Bora-Team hat den deutschen Meistertitel längst sicher und sich dabei auf den aufstrebenden Maximilian Schachmann, den Kapitän des Tages, festgelegt. Deshalb kann der Berliner schon weit vor der Ziellinie die Arme vom Lenker in die Jubelpose heben und dann lächelnd fast Seite an Seite mit seinen beiden Teamkumpels Marcus Burghardt und Alexander Schilling nach 180 Kilometern auf dem Sachsenring einrollen.

„Ein Traum geht in Erfüllung. Ich werde das Trikot in Ehren tragen. Das ist eine wunderbare Aufgabe und gibt mir noch mal zusätzliche Motivation“, sagt Schachmann, der sein Debüt bei der am Samstag beginnenden Tour de France gleich im prestigeträchtigen Dress mit dem schwarz-rot-goldenen Brustring bestreiten darf.

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Der zweitplatzierte Burghardt, der aus dem nur knapp 35 Kilometer entfernten Zschopau stammt, gönnte Schachmann den Meistertitel, auch wenn es für ihn selbst ein schönes Geburtstagsgeschenk gewesen wäre. 2017 in Chemnitz hatte er das Straßenrennen gewonnen. „Es war ein wahnsinnig schönes Jahr im Meistertrikot. Max hat es absolut verdient, er ist ein talentierter junger Rennfahrer“, sagt der 36-jährige Burghardt, dem die Titelkämpfe in seiner Heimat in besonderer Erinnerung bleiben. Das letzte Mal habe er 2006 in Klingenthal ein ähnlich schweres Meisterschaftsrennen erlebt, meint der Sachse.

Zu einem ist es die Hitze mit fast 40 Grad, zum anderen die selektive Strecke, die vielen zu schaffen macht. Bereits nach 40 Kilometern sind 70 der 190 gestarteten Fahrer unter dem Tempodiktat der Top-Profis ausgeschieden, am Ende kommen nur noch 15 Profis ins Ziel. Dies hat auch noch einen anderen Grund: Ein Juryentscheid am Samstag sorgte schon am Vorabend für etwas Aufregung.

Bei den Frauen gewinnt Lisa Brennauer.
Bei den Frauen gewinnt Lisa Brennauer. © dpa/Hendrik Schmidt

Um gefährliche Situationen auf einem geteilten Streckenabschnitt zwischen Spitzengruppe und Abgehängten zu vermeiden, wurden Fahrer mit mehr als zwei Minuten Rückstand vorzeitig aus dem Rennen genommen. „Das ist extrem gefährlich“, hatte Schachmann bei der Streckenbesichtigung festgestellt. Jetzt sei er froh, dass alle im Feld an den brenzligen Stellen besonnen gefahren sind. „Es gab zwei enge Stellen bei der Ausfahrt und der Einfahrt auf den Sachsenring. Wenn man da mit 80 Stundenkilometern unterwegs ist, kann das auch mal blöd ausgehen.

Simon Geschke findet die Jury-Regel „ein bisschen komisch“, meint aber, „auf dem Kurs ging es einfach nicht anders“. Der drittplatzierte Schillinger nimmt es gelassen: „Wenn es solch eine Regel gibt, muss man sie sich zunutze machen.“

Wie schon das Zeitfahren am Freitag in Spremberg wurden auch die Titelkämpfe auf der Straße aus der Not heraus auf dem Sachsenring ausgetragen. Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) hatte bis Mitte Mai keinen Ausrichter gefunden. Steigende Auflagen und damit verbundene Kosten machen es immer schwieriger, Radveranstaltungen auszutragen. „Es wäre schlimm und ein Armutszeugnis für den deutschen Radsport gewesen, wenn es keine Meisterschaft gegeben hätte“, meint Burghardt.

Von so vielen Zuschauern, wie die Motorradfahrer beim Grand Prix in einer Woche an selber Stelle, können die Radprofis allerdings nur träumen – und die „Alten“ von früher erzählen. Am 13. August 1960 hatte es auf dem Sachsenring eine Straßenrad-WM vor tatsächlich 150 000 Zuschauern gegebenen. Und unvergessen bleibt der Ausgang dieses Rennens.

Auch Didi Senft surfte am Sachsenring nicht fehlen.
Auch Didi Senft surfte am Sachsenring nicht fehlen. © imago images

Viele rechneten damals mit dem dritten WM-Triumph von Täve Schur. Doch der große Favorit machte selbstlos mit einem taktischen Meisterstück den Weg frei für Bernhard Eckstein. Zusammen mit dem Belgier Willy van den Berghen hatte das DDR-Duo eine Spitzengruppe gebildet. Als sich Eckstein absetzte, blieb der Belgier bei Schur, der keinerlei Verfolgungsarbeit leistete und Eckstein zum Titel der Amateure ziehen ließ.

Eine Teamleistung der ganz anderen Art schafft Bora am Sonntag. „Das Schwerste am Rennen war, den Abstand herauszufahren. Wir sind drei Teamkollegen und haben super harmoniert. Es war wie ein Mannschaftszeitfahren“, erzählt Schachmann. Für die überragende deutsche Equipe war es der vierte Meisterschaftstitel in den letzten fünf Jahren, doch erstmals besetzte das Team aus Raubling das komplette Podium. In der brütenden Sommerhitze erlebte das Feld ein hartes Ausscheidungsrennen, unter anderem erwischte es auch Titelverteidiger Pascal Ackermann. Nach rund der Hälfte war das Rennen für den zweimaligen Giro-Etappensieger beendet.

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Wer auf den 14 Runden durchhält, genießt insbesondere beim Anstieg zum Badberg auf dem alten Sachsenring-Kurs ein bisschen Tour-de-France-Flair. Dort stehen viele Zuschauer an der Strecke, manche haben an ihren Wohnmobilen ein schattiges Plätzchen gefunden. „Schachi-Schachi“-Rufe sind von Schachmanns Fanclub zu hören und sogar Didi Senft, der als Teufel bei der Tour de France Berühmtheit erlangte, taucht auf. Und wer am Badberg aufgeben muss, bekommt sogar gleich eine Dusche von Anwohnern im Garten.

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