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So ein Saftladen

Die Rothenburger Kelterei Neubert liefert Gesundheit in flüssiger Form. Und ist zu ihren Wurzeln zurückgekehrt.

© André Schulze

Von Frank-Uwe Michel

Vater, Mutter und Kinder

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Rothenburg. Winterzeit ist in einer Kelterei Ruhezeit, könnte man meinen. Doch weit gefehlt. Zwar gibt es keine frisch geernteten Früchte, die verarbeitet werden müssen. Doch mit „Füße hochlegen“ wird es bei den Neuberts trotzdem nichts. „Instandhaltungsarbeiten sind angesagt. Natürlich füllen wir auch in der kalten Jahreszeit weiter Flaschen ab, aus den Vorräten, die wir noch haben“, erklärt die Firmenchefin. Konstanze Neubert hat das Unternehmen 2004 von ihrem Vater Klaus übernommen. Mit seinen 77 Jahren ist der nicht wegzudenken aus dem Betrieb. „Er hilft bei der Abrechnung, macht in der Erntezeit mit, wenn es richtig zur Sache geht im Sommer. Wenn er tatsächlich aufhören würde, müssten wir jemanden einstellen“, stellt die Tochter seine Wichtigkeit heraus.

Die Geschichte des Unternehmens beginnt jedoch in Görlitz. Dort eröffnete Konstanze Neuberts Opa Curt im Jahre 1932 seine „Lausitzer Marmeladenfabrik“. 1942 wechselte der aus Horka stammende Firmengründer an den Standort der früheren Rothenburger Molkerei, baute das Gebäude für seine Zwecke um und stellte fortan Marmelade, Kunsthonig und Sirup her. Erst 1962 stellte er die Produktion auf Fruchtsäfte und Fruchtweine um. Seitdem sind Getränke aus dem Hause Neubert ein Begriff, vor allem im nördlichen Landkreis Görlitz sieht die Unternehmerfamilie ihr Einzugsgebiet. „Die Leute sind sehr lokalpatriotisch. Gehen wir mit unseren Produkten zum Beispiel in den Raum Zittau oder Löbau, bleiben unsere Flaschen stehen. Da wird lieber bei den lokalen Anbietern ins Regal gegriffen“, erzählt die 46-jährige Firmenchefin. Einerseits ist sie froh, in der östlichsten Kleinstadt Deutschlands aktiv zu sein, andererseits bedauert sie, dass ihrer Firma das Einzugsgebiet jenseits der Neiße fehlt. „In Polen sind Mostereien nicht so bekannt. Ein paar Leute kommen zwar, aber das ist nicht der Rede wert.“

Im Laufe der vergangenen 20 Jahre hat der Betrieb den Großteil seiner Technik erneuert. Zuletzt wurde 2012 eine neue Bandpresse angeschafft, in der Äpfel, Birnen und Beerenfrüchte zu Saft verarbeitet werden. „Insgesamt ist der technologische Produktionsablauf geblieben, vieles ist allerdings moderner geworden“, erzählt Konstanze Neuberts Mann, Thomas Beyer. „Was früher Handarbeit war, erledigen jetzt Maschinen. Der gepresste Saft wird nicht mehr in Weinballons gelagert. Wir nutzen heute Edelstahlbehälter dafür.“ All dies habe im Laufe der Jahre zu einer deutlichen Qualitätssteigerung geführt. „Würde man den Saft von jetzt und damals vergleichen, wäre der Unterschied tatsächlich groß.“ Aktuell werden in der Kelterei Neubert fast 50 Sorten Saft und Fruchtwein hergestellt. Während bei exotischen Früchten Konzentrat zugekauft wird, werden Säfte aus heimischen Früchten fast komplett aus frischem Obst produziert. Beim Apfelsaft musste man 2017 erstmals Abstriche von dieser Regel machen. „Wir hatten in der Region 98 Prozent Ernteausfall, deshalb waren wir gezwungen, große Mengen Konzentrat zu kaufen.“

2018 hoffen Konstanze Neubert und ihre neun Mitstreiter auf ein besseres Apfeljahr. Dann dürften die heimischen Hobbygärtner wieder eine größere Rolle spielen, die oft mit Bollerwagen ihr Obst zur Mosterei bringen oder in Görlitz und Bautzen an vorher festgelegten Tagen auch die mobile Presse nutzen. „Es ist gut, dass sich die Leute diese Mühe machen. Zum einen erhalten sie damit die Natur und pflegen ihre Obstgehölze, zum anderen bekommen sie Gesundheit in flüssiger Form zurück.“

Vor etwa zehn Jahren ist man bei Neuberts übrigens wieder zu den Wurzeln zurückgekehrt. Was Opa Curt einst in Görlitz begann, führt Enkelin Konstanze jetzt in Rothenburg weiter: In rund 20 Sorten werden Marmeladen und Fruchtaufstriche hergestellt – meist aus Obstbeständen, die sich wegen ihrer geringen Größe nicht zur Saftverarbeitung eignen. Unterdessen hat auch der achtjährige Alexander schon Gefallen an der Mosterei gefunden. „Bleibt er dabei, könnte er den Betrieb irgendwann mal übernehmen“, schmunzelt die Mutti und Geschäftsführerin. Bis zum nächsten runden Geburtstag dürfte jedoch alles noch beim Alten bleiben: 2022 feiert die Kelterei Neubert ihr 90-jähriges Bestehen.