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Wie Wohnen im Alter funktioniert

Die Wohnungsgenossenschaft Fortschritt hat drei Jahre lang das „Döbelner Modell“ entwickelt. Die Ergebnisse können sich sehen lassen.

© André Braun

Von Jens Hoyer

Döbeln. Alte Menschen brauchen Platz. Wer mit seinem Rollator unterwegs ist, braucht Bewegungsfreiheit und breite Türen zum Durchfahren. Wer auf Pflege angewiesen ist, dem hilft eine großzügig bemessene Dusche. Und wer schlecht hört, der ist froh über die optische Klingel. Die Wohnungsgenossenschaft Fortschritt hat das auf 48 Quadratmetern Fläche in einer typischen Wohnung im Altneubau in Döbeln Ost I hinbekommen. „Das ist eine Wohnung, in der man alt werden kann“, sagte Katja Näther.

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Die Mitarbeiterin der Wohnungsgenossenschaft Fortschritt war federführend im Projekt „Alles unter einem Dach – das Döbelner Modell.“ Drei Jahre lang hat sich die Genossenschaft intensiv damit beschäftigt, wie das Wohnen im Alter aussehen kann. Das Projekt wurde vom Spitzenverband der deutschen Krankenkassen finanziell unterstützt. Herausgekommen sind Wohn- und Hilfsformen für alte Leute, die nicht nur auf dem Papier entwickelt, sondern die tatsächlich in der Praxis ausprobiert werden. Mit dem Wohnen im Alter hatte sich die Genossenschaft schon vorher beschäftigt. „Aber wir wären in unserer Denkweise noch nicht so weit, wenn wir das Projekt nicht bekommen hätten“, sagte Katja Näther.

Bis dahin hatte sich die Wohnungsgenossenschaft vor allem um genossenschaftliches Leben für Leute gekümmert, die körperlich noch fit sind, sagte Vorstand Stefan Viehrig. Beim Döbelner Modell ging es plötzlich verstärkt im Menschen, die körperliche Gebrechen haben und auf Hilfe im Alltag angewiesen sind.

Wie eine Wohnung aussehen muss, in der ein Mensch alt werden kann, dieses Wissen konnte sich die Genossenschaft selbst erarbeiten. Vorn anderen Dingen, wie den rechtlichen Grundlagen und der Praxis der Pflege und von hilfreichen technischen Lösungen fürs Wohnen hatten die Genossenschaftler keine Ahnung. Da half ein ganzes Netzwerk aus Partnern. Alleine ein Jahr habe es gedauert, ein Konzept zu entwickeln, sagte Katja Näther, die das Projekt bei der WG-F zusammen mit Kristin Goldberg vom Forschungs- und Beratungsinstitut ATB in Chemnitz betreute. Die Genossenschaft befragte pflegebedürftige Menschen und Pflegedienste nach den Wünschen und Ansprüchen. „Wir haben da sehr konkrete Hinweise bekommen, sagte Kristin Goldberg.

Die erste seniorenfreundliche Musterwohnung war im Haus Käthe-Kollwitz-Straße 17 eingerichtet worden. Sie ist mittlerweile bewohnt. Ein Duplikat ist zwei Hausnummern weiter entstanden. „Die Wohnung ist auch schon vermietet“, so Katja Näther. Ein Problem gibt es bei diesen Musterwohnungen. Sie sind immer noch nicht barrierefrei. Sieben Stufen müssen die Mieter ins Hochparterre überwinden. „Sie schaffen das aber.“ Von wirklicher Barrierefreiheit kann man aber bei mehreren Wohnungen zu sprechen, die in der ehemaligen Leninschule im „WGF-Wohnpark“ entstanden. „Dort können die Mieter mit dem Fahrstuhl sogar in die Begegnungsstätte fahren. Da ist uns ein Vorzeigeobjekt gelungen.“

Axel Viehweger, Vorstand des Landesverbandes der Wohnungsgenossenschaften, hält die Ergebnisse des Projektes für wichtig. „So kann man gute Ideen in die Breite bringen. Die Vorstände der Wohnungsgenossenschaften setzen auf den Erfahrungsaustausch“, sagte er. Auch gegenüber der Politik und bestimmten Interessensvertretungen seien solche vorzeigbaren Ergebnisse eine Argumentationshilfe. „Wir haben schon viel Zuarbeit geleistet, aber das verpufft meist, weil sich die Leute darunter nichts vorstellen können. Jetzt kann man sagen: So sieht es aus und so viel hat es gekostet.“

Viehweger sieht noch viel Entwicklungsarbeit auf dem Gebiet Wohnen im Alter. So fehlt es bisher an Erfahrungen mit Wohngruppen als Bindeglied zwischen der eigenen Wohnung und der Betreuung im Pflegeheim.