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So geht Integration

Gemeinsames Arbeiten schweißt Zuwanderer und Einheimische zusammen. Ein Heidenauer Betrieb schafft aber noch mehr.

© Daniel Schäfer

Von Yvonne Popp

Heidenau. Ramzi Besghaier ist Tunesier. Seit sechs Jahren lebt er in Deutschland. Trotz seiner aufgeschlossenen Art hatte er es anfangs nicht leicht, hier heimisch zu werden. Inzwischen ist es der 31-Jährige aber. Und wie! Er hat geheiratet, bekam mit seiner Frau ein Kind und – was für einen Menschen mit Migrationshintergrund immer noch keine Selbstverständlichkeit ist – einen unbefristeten Arbeitsvertrag.

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Angestellt ist er bei der Ausbildungsgesellschaft für Metalltechnik und Schweißer mbH in Heidenau. Die Firma bildet unter anderem Konstruktions-, Industrie- und Anlagenmechaniker aus, bietet aber auch Kurse für Schweißtechniken an. Aktuell beschäftigt das Unternehmen 17 Mitarbeiter, davon zwei mit Migrationshintergrund. Die AMS mbH hat sich bewusst der Förderung von Menschen mit Migrationshintergrund verschrieben. Dafür ist es im Dezember 2017 sogar mit einem Preis ausgezeichnet worden.

Das nahm die sächsische Ministerin für Gleichstellung und Integration Petra Köpping (SPD) vor wenigen Tagen zum Anlass, den Heidenauer Ausbildungsbetrieb zu besuchen. Im Rahmen einer Gesprächsrunde mit Geschäftsführer Norbert Rokasky, Bürgermeister Jürgen Opitz (CDU), Petra Werlisch vom beruflichen Schulzentrum für Technik in Pirna, und Petra Riemann vom Verband sächsischer Bildungsinstitute sprach die Integrationsministerin über Bildungsmöglichkeiten für erwachsene Migranten. Gerade für sie gibt es im Moment mangels ausreichender Schulbildung nur sehr wenige Möglichkeiten.

Das soll sich nun ändern. Ab Herbst startet der Freistaat eine Maßnahme für erwachsene Flüchtlinge und Migranten, die hauptsächlich aus einem Bildungsmodul besteht, das eng mit den Angeboten der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter verknüpft ist. Ziel ist der Erwerb einer berufsbereichsbezogenen Grundbildung, die um Praktika ergänzt wird. Die Teilnehmer sind 18 Monate und in Vollzeit dabei. Zunächst sind es 400, später mit die doppelte Anzahl. 7,2 Millionen Euro sind dafür eingeplant.

Das klinge erst einmal nach sehr viel Geld, räumte Petra Köpping in Heidenau ein. Dennoch sei es vergleichsweise wenig in Bezug auf die Summen, die für straffällig gewordene Flüchtlinge aufgewendet werden müssten, gab sie zu bedenken. „Wir müssen Menschen mit Migrationshintergrund in Arbeit bringen, denn nur dann haben sie dauerhaft eine Perspektive in Deutschland“, sagte sie und wies auf den Zusammenhang hin, dass meist diejenigen ins kriminelle Milieu abrutschen, die keine Aussicht auf Eigenbroterwerb haben.

Die AMS in Heidenau arbeitet seit einiger Zeit schon so, wie es in der Maßnahme vorgesehen ist. Neben der reinen Ausbildungstätigkeit vermittelt die Firma Flüchtlingen und Migranten Plätze in Deutsch-Kursen, bietet Praktika an und auch Termine zur Eignungs- und Kompetenzfeststellung. So ist auch Ramzi Besghaier zur AMS gekommen. Er hatte sich zum Vorschweißen in der Firma vorgestellt. Dort erkannte man sein Potenzial schnell. „Schon nach zwei Wochen wussten wir, der Mann ist etwas besonders“, erinnert sich Norbert Rokasky, Chef der AMS. Das habe aber nicht allein am großen Engagement Ramzi Besghaiers gelegen oder daran, dass er, außer Deutsch noch drei weitere Sprachen beherrschte, sondern an seiner Begabung, auf andere zuzugehen, sie zu unterstützen und ihnen auch etwas beizubringen. „Die Pädagogik liegt ihm sozusagen im Blut“, sagt Norbert Rokasky.

Vor zwei Jahren stellte er den jungen Tunesier schließlich fest ein. Als Anleiter betreut er heute Schüler und Auszubildende an den Schweißgeräten. Dazu absolviert er eine Fortbildung, nach deren Abschluss er ein richtiger Ausbilder ist. Doch Norbert Rokasky weiß, dass es nicht nur auf die Fähigkeiten ausländischer Arbeitskräfte ankommt. Deshalb ließ er seine eigenen Mitarbeiter und Führungskräfte interkulturell schulen. So wurde beispielsweise in Seminaren Unterschiede zwischen Bibel und Koran erörtert.

Fremde und Einheimische konnten sich so gut aufeinander einstimmen. Auch gemeinsame kulturelle Aktivitäten trugen ihren Teil dazu bei. Auf diese Weise, so sagte Rokasky beim Besuch der Ministerin in Heidenau, passiere Integration ganz von alleine. Dass das zur Selbstverständlichkeit wird, wünscht sich auch Petra Köpping. Aber bis dahin sei es noch ein Stück Weg.