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So leben Asylbewerber in Perba

Bis jetzt war die geplante Unterkunft für die Öffentlichkeit tabu. Nun durfte die SZ exklusiv hinter die Türen des Wohnblocks schauen.

© hübschmann

Von Christoph Scharf

Die gesunde Drittelstunde

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Na also, es geht doch. Barbara Korsowski sucht am dicken Schlüsselbund nach dem richtigen Exemplar, es klimpert kurz – und zack, die Tür ist offen. Die Leiterin des Kreis-Ordnungsamts bittet einzutreten. 15 Leute drängen sich an diesem Sonnabend bei Nieselregen durch die Haustür des grauen Wohnblocks. Kreisräte sind darunter, Stadträte, einige Anwohner. Und sogar die SZ. Dabei war das bis vor Kurzem undenkbar: „Die Medien werden nie Zutritt zu der Unterkunft in Perba erhalten“, hieß es noch vor wenigen Wochen aus dem Meißner Landratsamt. Dabei ist Perba mittlerweile ein Thema, das wie kein Zweites den Landrat und die Öffentlichkeit beschäftigt. Die geplante Unterbringung von bis zu 50 Asylbewerbern in einem 170-Einwohner-Dorf sucht in Sachsen ihresgleichen – und führt zu einer explosiven Stimmung im Dorf.

© hübschmann
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Neugierig bahnt sich die Gruppe ihren Weg durch das Treppenhaus. Grauer Terrazzoboden, gelbes Holz-Treppengeländer, weiß getünchte Wände mit Rissen: Seit den 80ern hat sich in dem Wohnblock wenig verändert. Es riecht muffig. Kaum jemand wohnt noch in dem ehemaligen LPG-Block mit den drei Aufgängen, der nach der Wende mehrfach den Besitzer wechselte. Eine daumendicke Stromleitung hängt frei an der Wand, durch das Treppenhausfenster fällt der Blick auf die schmucken Einfamilienhäuser direkt gegenüber.

Mietverträge unbefristet

Barbara Korsowski nestelt wieder an ihrem Schlüsselbund. „In diesem Aufgang werden jetzt drei Wohnungen belegt, im Nachbaraufgang sind es vier“, sagt die Amtsleiterin. Ziel des Landratsamts: Anfang Februar sollen sämtliche Wohnungen bezugsfertig sein. 30 Asylbewerber sollen dann nach Perba ziehen – mitten ins Nirgendwo zwischen Lommatzsch und Nossen. Die Option auf 50 Bewohner behält sich der Landkreis ausdrücklich vor. Dass der Standort in einem Dorf ohne Sportplatz, Einkaufsmöglichkeiten, Schule nicht ideal ist, weiß auch die Amtsleiterin. „Aber wir haben einfach keine Alternativen.“ Der Kreis habe sämtliche Bürgermeister angeschrieben und um Unterstützung bei der Suche nach Asylbewerber-Unterkünften gebeten. „Wenn von dort keine Angebote kommen, müssen wir uns an die privaten Eigentümer wenden.“

Und für den Besitzer des Wohnblocks in Perba ist die Unterbringung von Asylbewerbern ein gutes Geschäft. Er vermietet einen Großteil seiner leerstehenden Wohnungen auf einen Schlag an den Landkreis. Der zahlt seit dem 1. Januar Miete, die Verträge sind unbefristet abgeschlossen. Vorerst geht es um Wohnungen für 30 Leute, weitere hat der Eigentümer dem Amt längst angeboten. Der Mann, der nahe Leipzig leben soll, hält sich von der Diskussion fern. Eine Einladung zum Besichtigungstermin mit den Kreisräten sagte er ab.

Eine der letzten deutschen Familien im Block berichtet, dass sie unvermutet eine Mieterhöhung von gut 500 Euro auf mehr als 700 Euro bekommen hätten und die Aufforderung, möglichst schnell auszuziehen. „Dabei wurde bei uns jahrelang nichts gemacht. Wir leben hier zum Beispiel mit einem brandgefährlichen Stromkasten“, sagt eine Bewohnerin. Ende Januar kommt endlich ihr Umzugswagen.

Bis dahin sollen die Wohnungen in den Nachbar-Aufgängen ausgestattet sein. Bislang gibt es dort noch keine Möbel. Nur PVC-Fußbodenbelag in Dielen-Optik, plüschigen Teppichbelag, frisch weiß gestrichene Raufasertapete. Im ersten Stock soll eine Wohnung für die Berater der Diakonie frei bleiben. „Wie stark werden die Asylbewerber in Perba denn betreut?“, will ein Anwohner wissen. Die Nachbarn fürchten, mit 50 Leuten ohne Deutschkenntnisse nur schwer klarzukommen. „Eine 24-Stunden-Betreuung wird es nicht geben“, sagt Barbara Korsowski. Aber die Asylbewerber bekämen eine Telefonnummer, unter der sie immer jemanden erreichen könnten – etwa wenn Kinder nachts Fieber bekämen. Nur: Der nächste Arzt mit Kapazitäten ist weit, genauso die nächste Schule mit Angeboten für Fremdsprachler. „Der Standort Perba ist nicht ideal“, sagt Thomas Gey, Chef der SPD-Kreistagsfraktion, auf dessen Initiative die Begehung der Unterkunft zurück geht. „Das muss durch eine bessere Betreuung ausgeglichen werden.“ Außerdem seien alle Gemeinden gefragt, Wohnungen für die dezentrale Unterbringung von Asylbewerbern zu finden. „Und der Landkreis muss dringend die Kommunikation mit den Anwohnern verbessern.“

Bislang fühlen sich die Perbaer im Stich gelassen. „15 ja, 50 nein“, ist das Motto der Proteste: Man nehme gern Asylbewerber auf – aber nur in erträglicher Anzahl. Wenigstens eins dürfte jetzt klar sein: Goldene Türklinken erhält in Perba niemand.

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