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So lief die Dynamo-Razzia ab

© Mike Worbs

Was ist dran an den Vorwürfen? Die Aktion der Polizei gegen die Fans wirft viele Fragen auf.

Von Sven Geisler

Die Aktion erzielt die gewünschte Aufmerksamkeit, ob sie jedoch ein Schlag gegen kriminelle Fußball-Schläger ist, darf bezweifelt werden. Die Zahlen im Zusammenhang mit den Durchsuchungen in der Fanszene von Dynamo Dresden am Dienstagmorgen erscheinen dramatisch hoch: 31 Objekte in Dresden sowie je eines in Zwickau, Brandenburg, Baden-Württemberg und in Basel/Schweiz, 28 Beschuldigte, knapp 400 Polizeikräfte und drei Staatsanwälte. Die Ermittler aus Karlsruhe laden zur Pressekonferenz in Dresden ein. Ein ungewöhnlicher Vorgang mit einem außergewöhnlichen Anlass: der Marsch einer selbst ernannten „Football-Army Dynamo Dresden“ vor dem Spiel in Karlsruhe am 14. Mai. Das sind die Hintergründe:

Razzia nach "Football Army"-Fanmarsch

Am Dienstagmorgen haben Polizisten in Dresden und Umgebung ...
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Was haben die Ermittler gegen die Beschuldigten in der Hand?

Offenbar nicht allzu viel. Sie wurden als Organisatoren des Fanmarsches ausgemacht, als diejenigen, die Kommandos gegeben haben. Damit könnten sie laut Staatsanwalt Tobias Wagner gegen das Versammlungsgesetz verstoßen haben. Es bestehe ein Uniformverbot für solche öffentlichen Veranstaltungen, „wenn man damit eine gemeinsame politische Gesinnung zum Ausdruck bringen möchte“. Dies sei mit dem Schriftzug „Krieg dem DFB“, der vor dem Fanzug hergetragen wurde, gegeben.

Für die verübten Gewalttaten und damit den Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung sowie des Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz gebe es bisher „keinen Tatverdächtigen“. Allerdings wurde im Zuge der Razzia verbotene Pyrotechnik beschlagnahmt. Ob das für Anklagen reicht, müssen weitere Ermittlungen ergeben.

Gegen wen war die Aktion konkret gerichtet?

Es gebe keine Ermittlungsverfahren gegen Fans, die nur am Marsch teilgenommen haben, sagt Wagner. Allerdings war auch das Fanprojekt Dresden ein Ziel der Razzia, das normalerweise ein Partner für die Polizei ist. Erst durch die Intervention von Torsten Rudolph, der die sozialpädagogische Einrichtung seit 15 Jahren leitet, blieben die Büros der Sozialarbeiter verschlossen, und nur gemeinschaftlich für die Fanarbeit genutzte Räume wurden durchsucht. Es wurden keine Beweismittel gefunden, „weil es keine zu finden gibt“, wie Rudolph betont. Er spricht von einem Vertrauensbruch und einer Ungeheuerlichkeit. Die Dynamo-Geschäftsstelle wurde nicht in Augenschein genommen, aber ein nicht näher benannter Fanshop, der im Internet anbietet.

Wieso erfolgen die Durchsuchungen erst fast sieben Monate nach der Tat?

Während der Ausschreitungen in Karlsruhe waren keine Personalien aufgenommen worden. Es sei eine taktische Entscheidung des Einsatzleiters gewesen, das Geschehen durch Videoaufzeichnung und Fotos zu dokumentieren und eine Eskalation zu vermeiden, erklärt Ermittlungsführer Gerhard Heck nun in Dresden. Es seien nicht ausreichend Einsatzkräfte verfügbar gewesen, um den Marsch zu stoppen und die Täter herauszuholen. Die Pyrotechnik-Werfer konnten auch im Nachgang nicht identifiziert werden, weil sie sich mit Tarnfarben bemalt hatten und nach der Aktion abgetaucht sind, erklärte Heck. Auf den beschlagnahmten Computern und Handys wird mögliches Beweismaterial vermutet.

Was sagt Dynamo dazu, und droht dem Verein eine Strafe?

Die Führungsgremien des Vereins haben am Dienstag beraten. Am Abend verbreitete Dynamo eine Stellungnahme auf der Website und in sozialen Medien. Demnach sehe der Club die Durchsuchungen beim Fanprojekt Dresden „ausdrücklich kritisch“. Die Maßnahme beschädige das gewachsene Vertrauensverhältnis zwischen Sozialpädagogen und jungen Fußballfans und die vor allem präventiv ausgerichtete Arbeit der Fanprojekte nachhaltig. Gleichwohl betont Dynamo auch künftig eng mit der Polizei und Sicherheitsdiensten zusammenarbeiten zu wollen, um einen friedlichen Ablauf von Fußballspielen zu gewährleisten. Dynamo war vom Sportgericht im Juni zu 75 000 Euro Geldstrafe sowie Teilausschlüssen von Zuschauern bei zwei Auswärtsspielen verurteilt worden, die Strafe wurde auf Bewährung ausgesetzt. Damit verbunden waren mehrere Auflagen. Eine weitere Strafe wegen der nun laufenden polizeilichen Ermittlungen droht nicht.

Update, 6.12.2017, 9.20 Uhr: Nach der Veröffentlichung dieses Artikels gab Dynamo Dresden eine Stellungnahme ab. Diese wurde nachträglich in den Beitrag eingearbeitet.