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So normal ist das Wetter

Ein mauer Sommer, ein lauer Herbst und trotzdem zu trocken? Was Experten zu den neusten Daten aus dem Landkreis Görlitz sagen.

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© Matthias Weber

Von Anja Beutler

Es ist wie verhext: Seit Ende 2014 wartet das Rennersdorfer Rückhaltebecken auf seine finale Bewährungsprobe. Eine ordentliche Schneeschmelze oder ein regenreiches Frühjahr wären nötig, um endlich zu wissen, ob das 48,5 Millionen Euro teure Bauwerk wirklich dicht hält. Doch für einen Probestau reichen der Niederschlag schlicht nicht. Ist es also jetzt schon so weit, dass im östlichsten Zipfel Sachsens die Trockenheit überhandnimmt? Hat man im Landkreis Görlitz vielleicht umsonst so viel Geld in Hochwasserschutz gesteckt?

Niederschläge im Landkreis Görlitz
Niederschläge im Landkreis Görlitz © SZ

Regenmenge: Statistisch gesehen, regnet es fast überall genug

Ein Blick auf die Statistik der Messstationen des Deutschen Wetterdienstes im Landkreis zeigt es eindeutig: Insgesamt betrachtet ist im vergangenen Jahr – und bislang auch in diesem Jahr – genügend Niederschlag gefallen. Verglichen mit dem Normalwert der vergangenen 30 Jahre stehen für 2015 im Kurort Jonsdorf und in Eibau-Walddorf 99 und 97 Prozent zu Buche. Auch bei allen anderen Messstationen liegt der Wert der Jahresniederschlagssumme über 80 Prozent. Einzig in Görlitz reichte es nur zu 79 Prozent. Auch in diesem Jahr sind die Werte zum Großteil im Regenmittel. Kemnitz auf dem Eigen hat sogar mit 101 Prozent bereits bis Ende Oktober das Jahressoll erreicht, Ostritz ist mit 98 Prozent dicht dran, nur Boxberg hat ein niederschlagsarmes Jahr erlebt: Hier sind erst 52 Prozent der durchschnittlichen Jahresniederschlagsmenge gefallen.

Landwirtschaft: Wenn die Pflanzen wachsen sollen, fehlt oft Wasser

Auch wenn die Zahlen insgesamt gut klingen – der Niederschlag fällt nicht immer zum richtigen Zeitpunkt. Heidrun Böttcher vom Deutschen Wetterdienst bestätigt, dass es generell zu viele heftige Regengüsse gibt, die zwar die Gesamtbilanz ins Lot rücken, der Natur aber nicht helfen: „Im Trend waren in den vergangenen Jahren Frühjahr und Sommer zu trocken“, sagt sie mit Blick auf den Landkreis Görlitz. Das war auch in diesem Jahr so, zeigen beispielsweise auch die Zahlen der Messstation Görlitz, vor allem von April bis Juni.

Das hat Folgen für die Landwirtschaft, denn die Vegetationszeiträume verschieben sich nachweislich. Zwar betont der Bauernverband Oberlausitz, dass dieses Jahr insgesamt ein gutes war. Dennoch erzielten die Landwirte im Südkreis vor allem bei Winterraps leicht unterdurchschnittliche Erträge, teilt Karin Bernhardt, Pressesprecherin beim Landesamt für Umwelt, Geologie und Landwirtschaft (LFULG) mit. Bei Getreide, Zuckerrüben und Kartoffeln lagen die Ernten zwischen Löbau und Jonsdorf eher im Mittel. Und bei Mais und Grünfutter fuhren die Bauern in der Regel sehr gute Ernten ein. Dieser Trend ist nach Angaben von Frau Bernhardt auch für den Norden des Kreises zu beobachten – allerdings haben hier Unwetter und Hagel örtlich schwere Schäden angerichtet. „Der Ertragsabfall kommt im Landkreis Görlitz vor allem durch die ungleichmäßige Verteilung des Niederschlags in der Vegetationszeit zustande“, erklärt Karin Bernhardt.

Flüsse: Zeiten mit niedrigen Pegeln sind keine Seltenheit mehr

Der Sommer 2016 war definitiv nicht so trocken wie sein Vorgänger. Das haben viele im Urlaub zu spüren bekommen und das bestätigt auch das Landesamt. So war die Niedrigwasserphase 2015 viel ausgeprägter als 2016, das zeigt auch der Vergleich der Pegelstände an der Neiße in Zittau und Görlitz. In diesem Jahr haben hingegen heftige Regenfälle in den Sommermonaten immer wieder buchstäblich mehr Wasser die Flüsse hinablaufen lassen. Im Sommer 2015 war das anders: Beginnend im Juni hielt die Phase mit zu wenig Regen bis Mitte November an und war nur durch eine kurze Regenphase im August unterbrochen. Die Folgen sind vielschichtig: Wasserqualität und Sauerstoffgehalt der Flüsse sinken in solchen Phasen messbar ab.

Klimawandel: Ständige Regendefizite summieren sich zu größerem Problem

Klimareferent Johannes Franke vom Landesamt für Umwelt, Geologie und Landwirtschaft kann durchaus verstehen, dass viele Menschen beim Blick auf den eher verregneten Sommer 2016 nicht so recht an den Klimawandel glauben wollen. Immerhin werde stets davon gesprochen, dass der Kreis mit Trockenheit zu rechnen habe. Für den Experten Franke ist dieser Trend aber in den Zahlen erkennbar: „Schaut man sich die vergangenen drei Winter- und Frühjahrsperioden an, so waren sie zu trocken“, analysiert er. Und da dieses Defizit auch im Rest des Jahres nicht ausgeglichen wird, summiere sich das Ganze auf. „Dieser Effekt schaukelt sich über Jahre hoch und das ist risikobehaftet“, bewertet er die Daten der Messstation Görlitz. Denn auf Dauer schlägt sich diese negative Bilanz auch beim Grundwasser nieder. Und bis dort wieder Normalität einzieht, braucht es eine lange Zeit.