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Leben und Stil

So reist es sich in Corona-Zeiten

Abstand im Abteil, Rücksicht im Restaurant, Formulare fürs Frühstück: Beim ersten Kurzurlaub lernt man viel über Sinn und Unsinn der Regeln.

© Symbolbild: www.snapshot-photography.de

Die erste Begegnung mit dem Hygiene-Ranger macht einen noch etwas unsicher. Soll man dem jetzt einfach vertrauen? Schützt der vor Infektion? Oder späht der einen aus? Wir lernen den Hygiene-Ranger kennen am Eingang zu einer wirklichen coolen, gut besuchten Strandbar an der Kieler Förde. Strahlender Sonnenschein, nackte Füße im Sand, selbst gemachte Limonade. Der Ranger, das ist nicht etwa der junge Typ, der geduldig und gut gelaunt die Regeln für das Betreten der Location erklärt. 

Es ist eine Website, die das Befolgen der Corona-Regeln in der Gastronomie erleichtern soll. „Digitale Gäste-Erfassung“ ist das Stichwort. Mit dem Handy scannt man einen QR-Code ein, es öffnet sich eine Internetseite, auf der man seine persönlichen Daten einträgt. Beim nächsten Kneipenbesuch kann man das dann vorzeigen, falls sie dort auch den Ranger nutzen. Ist das jetzt schon diese Spahn-App, über die seit Wochen geredet wird? Nein, sagt der Einlasser, und murmelt irgendwas von China.

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Lecker in Sicht
Lecker in Sicht

Im Seidnitz Center Dresden sind zum Jahresende 2021 Veränderungen geplant. Es soll ein neuer Foodcourt entstehen. Kunden dürfen noch mitbestimmen.

Wir entscheiden uns dann doch lieber für den profanen Corona-Zettel, den man jetzt hier im Norden überall ausfüllen muss. Name, Adresse, Telefonnummer, manchmal auch E-Mail-Adresse. Wegen der Infektionsketten. Damit sie einen erreichen können, falls hier das Virus zuschlagen sollte. Kann also sein, dass in ein paar Tagen das Handy klingelt und jemand uns mitteilt, dass wir in Quarantäne sollen, weil wir zur falschen Zeit in der falschen Kneipe waren. Das ist das Risiko, mit dem sich wohl arrangieren muss, wer in der neuen Corona-Realität wieder aktiv am öffentlichen Leben teilnehmen will.

Wir sind zwei beste Freunde auf Corona-Urlaub, verlängertes Wochenende im hohen Norden, seit Langem geplant, die erste Reise seit Monaten. Keine Ahnung, wie viele dieser Corona-Scheine wir in den letzten Tagen ausgefüllt haben. Im Hotel, in der Kneipe, im Kino. Immerhin: all das geht schon wieder hier in Schleswig-Holstein. Keiner hat überprüft, ob die Angaben stimmen, einmal haben wir sogar vergessen, den Zettel abzugeben. Niemand hat nachgefragt. Im Kino, wo die Vorstellung jetzt nur 4,99 Euro kostet, waren die Scheine in eine Art Wahlurne zu werfen. Natürlich mit Maske und Abstand.

Maske? Nicht dabei

Als wir einmal mit dem Schiff auf der Förde übersetzen, übernimmt der Kapitän das Ausfüllen. Er mault uns beiden Männern zu: „So, ihr seid jetzt mal eine Familie, dann muss ich das hier nur einmal machen.“ Seinen Mundschutz hat er zur Seite gelegt und winkt auch ab, als wir unseren aufsetzen. „Von wo kommt ihr?“, will der Seebär wissen. „Machen die bei euch auch so’n Quatsch?“ Ob wir wüssten, warum die Regierung das alles verordnet hat, fragt er. „Wer Mundschutz trägt, der kann nicht meckern.“ In dieser Disziplin scheint er selbst ein ganz Großer zu sein.

An Bord gibt es solche und solche Passagiere. Manche setzen die Maske nicht mal in der frischen Seebrise auf dem Oberdeck ab. Andere scheinen gar keine dabeizuhaben. So ist es ja überall in diesen Tagen, wo immer mehr als drei Leute zusammenstehen, hat einer den Mundschutz korrekt auf, der Zweite trägt gar keinen und der Dritte hat ihn unterm Kinn hängen. Das mit dem Kinn ist sowieso eine der ganz schlimmen Stilsünden im Corona-Zeitalter.

© Heinrich Löbbers

Schon im Zug auf der Hinfahrt Richtung Norden, im ICE, im IC und im RegioExpress, gab es diese Drittel-Vielfalt beim Mund- und Nasen-Schutz. Auch im Fernverkehr ist das ja jetzt Pflicht. Wer soll das aber vier, fünf Stunden lang aushalten? Und warum überhaupt, wenn man in ausreichendem Abstand zu fremden Mitreisenden sitzt? In Durchsagen weisen sie immer wieder darauf hin, aber die Schaffner sind nachsichtig. Und die Passagiere vorsichtig. Man lässt sich gegenseitig den Vortritt. Keiner setzt sich mehr direkt neben einen Fremden. 

Manche suchen sich einen anderen Sitz, wenn rundherum nicht alles frei ist. Warum aber Plätze in benachbarten Reihen reserviert wurden, während anderswo mehrere Reihen hintereinander frei bleiben, bleibt ein Rätsel. Überhaupt scheinen viele angesichts der strengen Vorschriften rücksichtsvoller geworden zu sein. Es gibt natürlich überall diese Drängler, Nörgler, Gedankenlosen und die mit den bösen Blicken. In einer Fußgängerzone, wo mittlerweile an jeder Ecke Mundschütze massenweise angeboten wird, drücken uns zwei ältere Damen die Zeitung „Demokratischer Widerstand“ in die Hand. 

Rezeption hinter Plexiglas

„Lesen Sie mal, was wirklich wahr ist.“ Sie schimpfen über die „Corona-Diktatur“ und schwärmen von Schweden – und Ungarn. Wieso eigentlich ausgerechnet Ungarn? Im Aufmacher der kostenlosen Zeitung steht was von einem „fanatisierten Kartell aus Regierungsfunktionären, Medien und Konzernjunta“, von „abstürzenden Machthabern und deren Speichelleckern“. Auf diesem Niveau wollen wir nicht diskutieren, jedenfalls nicht im Kurzurlaub.

Doch die meisten Leute, so scheint es, akzeptieren schulterzuckend, was nicht zu ändern ist, so absurd es manchmal erscheint. Viele sind erstaunlich höflich und nachsichtig, stellen sich artig an, gehen einander aus dem Weg. Manchmal hat es den Anschein, als würden sie sich permanent dafür entschuldigen, andere möglicherweise gefährden zu können.

© ZB

Nachsicht haben auch wir mit dem Service in unserem Hotel. Bei der Anreise gibt es dort an der Rezeption – hinter Plexiglas versteht sich – diverse Zettel, die man durchlesen, ausfüllen und unterschreiben soll. Es gelten neun Regeln für den Aufenthalt. Zum Beispiel, beim Verlassen des Zimmers das Fenster auf Kipp zu stellen, nicht mit anderen im Aufzug zu fahren und Bescheid zu sagen, wenn man morgens das Hotel verlässt. Denn erst drei Stunden später darf das Personal das Zimmer reinigen. Wir entscheiden uns dafür, auf die Reinigung ganz zu verzichten.

Beim Frühstück wird’s kompliziert. Am Vorabend ist in einem Formular auszufüllen, wie viele Körner- oder helle Brötchen am nächsten Morgen gewünscht werden. Leberwust oder Pute? Marmelade? Gekochtes Ei? Tee oder Kaffee? Auf Wunsch bringen sie einem das aufs Zimmer. Wir bevorzugen den Frühstücksraum, wo man sich morgens 40 Minuten lang aufhalten darf. Auf dem Weg dorthin Maske auf, am Tisch darf man sie abnehmen. An allen vier Tagen stimmt das, was serviert wird, nicht wirklich mit der Bestellung überein. Mal ein Brötchen zu wenig, mal Marmelade statt Mozzarella.

Menükarte voller Desinfektionsspray

„Ist noch ungewohnt für uns“, sagt die nette Frühstücksfrau, die artig Abstand hält; vermutlich lächelt sie sogar freundlich hinter ihrem Mundschutz. Wir lächeln unmaskiert zurück. Nur, dass ihr Kollege permanent an seiner Maske ruckelt, während er die Tische desinfiziert, macht uns skeptisch.

Mit Desinfektionsmittel sind sie in den Kneipen und Restaurants ziemlich verschwenderisch. Bei einem Mexikaner, wo jeder beim Eintritt die Hände desinfizieren muss, sind die Tische von dem Zeug so klebrig, dass die Speisekarte festpappt.

Da lobt man sich die Online-Speisekarte im kultigen Brauhaus. Den QR-Code auf dem Tisch eingescannt und schon erscheint das Angebot auf Handy. So werden die Corona-Regeln zum Wettbewerb um die kreativsten Lösungen. „Mögen Sie freiwillig einen Hygiene-Aufschlag von einem Euro zahlen?“, fragt der Kellner in einer anderen Wirtschaft. Fast alle Gäste sagen Ja.

© imago images

Nach kurzer Zeit hat man sich an die Gepflogenheiten gewöhnt und gelernt, den Kurzurlaub trotzdem zu genießen. Auf meiner Unterlippe macht sich allerdings inzwischen ein Herpes bemerkbar. Alle paar Monate kommt der. Die Lippenbläschen sind bei mir jetzt womöglich ein größeres Ansteckungsrisiko als alles andere. Ich sollte dringend die Maske wechseln.

Bei der Rückfahrt im Zug lese ich im Internet von einer Studie mit Hamstern, die gezeigt haben soll, dass Masken das Infektionsrisiko deutlich verringern. Und wie ich so nachdenke, was sie da mit den Tieren bloß angestellt haben, tippt mir kurz nach Berlin-Spandau im Abteil ein Uniformierter auf die Schulter. Er macht eine Handbewegung und sagt nur freundlich „Bitte“. Erwischt. Ich ziehe mir schnell wieder den Lappen vors Gesicht. Noch zwei Stunden bis Dresden.

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