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So sieht die Zukunft des Lausitzer Reviers aus

Der Vattenfall-Nachfolger Leag legt seine Strategie offen – mit Konsequenzen für Bergleute, Kraftwerker und Einwohner.

Von Tilo Berger

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Spätestens bis zum Frühsommer dieses Jahres wollten die neuen Chefs im Lausitzer Braunkohlerevier sagen, wie es mit den Tagebauen und Kraftwerken weitergeht – nachdem sie alle Planungen des Vorgänger-Unternehmens Vattenfall prüften. Es ging am Ende schneller als gedacht. Donnerstagabend erläuterten Aufsichtsrat und Vorstand der Lausitz Energie Bergbau AG und Lausitz Energie Kraftwerke AG (Leag) in Cottbus ihr neues Revierkonzept für die nächsten 25 bis 30 Jahre. Das letzte Revierkonzept von Vattenfall stammte aus dem Jahr 2007. Es sah wesentlich mehr Kohleförderung vor, als das von der Leag vorgestellte Papier.

Hier die Details.

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as wird aus dem Tagebau Nochten?

In dem Tagebau bei Weißwasser wird seit 1973 Braunkohle gefördert. Er ist Hauptlieferant des Kraftwerkes Boxberg. Zurzeit zieht der Tagebau südlich an der Stadt vorbei und bewegt sich auf die Gemeinden Schleife und Trebendorf zu. Gefördert wird zurzeit im Abbaugebiet I, in dem noch rund 217 Millionen Tonnen Kohle lagern. Diese Menge reicht etwa bis Mitte der 2020er-Jahre. Das Abbaugebiet I endet vor Schleife und Trebendorf. 2006 hatte Vattenfall bei den sächsischen Planungsbehörden die Unterlagen für das Abbaugebiet II eingereicht. In diesem lagern rund 302 Millionen Tonnen Kohle, die ab Mitte der 2020er-Jahre gefördert werden sollten. Über diesem Teil des Kohleflözes stehen die Ortschaften Rohne, Mulkwitz und Mühlrose sowie Teile von Schleife. Sie sollten komplett umgesiedelt werden.

Das neue Konzept der Leag sieht vor, das Abbaugebiet I wie geplant bis zu Ende zu führen. Vom Abbaugebiet II soll nur noch das Sonderfeld Mühlrose in Anspruch genommen werden. Hier lagern rund 145 Millionen Tonnen Kohle. Die restlichen 157 Millionen Tonnen unter dem Abbaugebiet II bleiben im Boden.

Der Abbau der Mühlroser Kohle wird ab Mitte der 2020er-Jahre etwa ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen. Danach endet die Kohleförderung im Tagebau Nochten. Das heißt, dass für diese Förderstätte nur noch die rund 220 Einwohner von Mühlrose umziehen müssen. Die meisten von ihnen wollten dies ohnehin, da ihr Ort wie eine Halbinsel im Tagebaugebiet liegt. In ihren Häusern bleiben können die 1 500 Einwohner von Rohne, Mulkwitz und dem eigentlich für die Umsiedlung vorgesehenen Teil von Schleife.

Wie geht es weiter mit dem Tagebau Reichwalde?

Wie geplant. Die rund 331 Millionen Tonnen Kohle in diesem Tagebau südlich von Weißwasser reichen bis etwa 2045. Über dem Kohleflöz befinden sich keine Siedlungen, aber einige Schießbahnen des Truppenübungsplatzes Oberlausitz. Diese ziehen innerhalb des Truppenübungsplatzes um. Auch ein Teil der Bahnstrecke Görlitz–Cottbus muss dem Tagebau weichen, das Gleis wird ein paar Kilometer nach Osten verlegt. Die Reichwalder Kohle wird vor allem im Kraftwerk Boxberg verstromt – im Mix mit Nochtener Kohle.

Wie steht es um den Tagebau Welzow-Süd?

Diese Entscheidung lässt die Leag derzeit noch offen. Sie soll aber bis spätestens 2020 fallen. Bis dahin will das Unternehmen beobachten, wie sich der bevorstehende Ausstieg Deutschlands aus der Kernkraft auf den Strompreis auswirkt, und wie sich die neue Bundesregierung – Ende September 2017 wird gewählt – zur Braunkohle positioniert. Aus heutiger Sicht sieht die Leag den Aufschluss des Abbaugebietes II von Welzow-Süd als notwendig an. In diesem Gebiet lagern rund 204 Millionen Tonnen Kohle. Dafür müssten etwa 820 Menschen umziehen, die meisten aus der Stadt Welzow und einzelnen Ortsteilen.

Die etwa 265 Millionen Tonnen Kohle im Abbaugebiet I von Welzow-Süd reichen noch rund zehn Jahre. Der Tagebau ist Hauptlieferant des nahen 1 600-Megawatt-Kraftwerkes Schwarze Pumpe.

Was sieht die Leag für Tagebau Jänschwalde vor?

In dieser Förderstätte lagern rund 68 Millionen Tonnen Kohle, welche die Leag bis etwa 2023 fördern will. Vattenfall hatte einen nördlichen Anschluss-Tagebau Jänschwalde-Nord vorgesehen, diese Pläne verfolgt die Leag nicht weiter. Das benachbarte 3 000-Megawatt-Kraftwerk Jänschwalde, bislang Hauptabnehmer der Kohle aus dem Tagebau, soll danach noch etwa acht bis zehn Jahre mit Brennstoff aus dem Süden des Reviers gefüttert werden. Ein neues Kraftwerk soll es in Jänschwalde ebenso wenig geben wie einen neuen Tagebau. Das heißt für die rund 900 Einwohner von Atterwasch, Grabko und Kerkwitz, dass sie in ihren Häusern bleiben können. Sie hatten sich vehement gegen eine Umsiedlung ausgesprochen. Die Ortschaften befinden sich über dem Kohleflöz von Jänschwalde-Nord. Zwei der sechs 500-Megawatt-Blöcke des Kraftwerkes Jänschwalde gehen ab 2018 schrittweise in die von der Bundesregierung beschlossene Energie-Sicherheitsreserve. Niemand rechnet damit, dass sie – einmal abgeschaltet – jemals wieder Strom liefern.

Was passiert mit den beiden Zukunftsfeldern?

Im Revierkonzept von 2007 hatte Vattenfall zwei Zukunftsfelder für mögliche neue Tagebaue ausgewiesen: Spremberg-Ost und Bagenz-Ost. Die Leag will die Planungen nicht weiterführen.

Was heißt das für die Einwohner im Revier?

Mit den etwa 220 Menschen in Mühlrose will die Leag zeitnah die Details der bevorstehenden Umsiedlung besprechen.

Auch mit den Einwohnern von Rohne, Mulkwitz, Atterwasch und den anderen Orten, die nun stehen bleiben können, will der Konzern Gespräche aufnehmen. Hier geht es unter anderem um die Frage, ob und wie das Unternehmen helfen kann, den Investitions-Stau in den Orten aufzulösen. Viele Einwohner hatten in den vergangenen Jahren an ihren Häusern und Grundstücken nur noch das Nötigste gemacht – immer die Umsiedlung vor Augen. Und auch die Gemeinden waren in allen Planungen davon ausgegangen, dass die größeren Abbaugebiete kommen. Das heißt zum Beispiel für Schleife, dass Planungen für ein neues Wohngebiet für die Umsiedler jetzt fallen gelassen werden können. „Da sind viele Details zu klären“, kündigte ein Leag-Sprecher an.

Er verwies darauf, dass auch das Unternehmen selbst in einem Investitions-Stau steckt. Vattenfall hatte an seinen Betriebsstätten seit Jahren nur noch das Nötigste gemacht.

Wie geht es mit den Arbeitsplätzen im Lausitzer Revier weiter?

Fest steht bisher nur, dass die Abschaltung von zwei 500-Megawatt-Blöcken im Kraftwerk Jänschwalde ab 2018 etwa 600 Arbeitsplätze kostet. Diese sollen aber sozialverträglich abgebaut werden, es soll keine betriebsbedingten Kündigungen geben, wie sie bei der Leag ohnehin bis 2020 ausgeschlossen sind – so die Zusage der tschechischen Investoren. Auch die Jobs im Tagebau Jänschwalde fallen mit der Schließung ab 2023 weg. Im Tagebau Nochten wird etwa zehn Jahre früher Schluss sein, als wenn das gesamte Abbaugebiet II in Anspruch genommen würde. Für die Jobs im Tagebau Welzow-Süd hängt alles davon ab, wie sich die Leag insgesamt für diese Förderstätte entscheidet.

Zurzeit arbeiten in den Lausitzer Tagebauen und Kraftwerken, angeschlossenen Betriebsstätten und in der Cottbuser Hauptverwaltung noch rund 8 000 Menschen. Ihre Zahl wird mit jeder geschlossenen Betriebsstätte sinken. Und es werden auch weniger Zulieferungen und Service-Leistungen gebraucht. Es gibt verschiedene Berechnungen, wie viele Jobs von der Braunkohle abhängen. Die großzügigste Rechnung besagt, dass auf jeden Arbeitsplatz bei der Leag zwei weitere bei Zulieferern und Service-Partnern kommen.