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Sohn verloren

Henning Bodenstein wollte seine Firma dem Junior übergeben. Als dieser stirbt, reagiert der Senior bemerkenswert.

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© Rocci Klein

Von Gabriele Naß

Bischofswerda. Da Gesundheitszentrum Adermann ist sein Leben. „Mein Lebensinhalt“, sagt Henning Bodenstein und die Stimme wird schwer. Ein Kloß drückt im Hals, man ahnt, dass er nicht selbstverständlich mit 76 noch jeden Tag für seinen Betrieb in die Vollen geht. Es war auch anders geplant.

Die Firma ist Familie. Henning Bodensteins Stiefvater gründete das Unternehmen kurz nach Kriegsende im Juni 1945 in Bautzen. Er hatte ein gutes Gespür dafür, dass jetzt Prothesen, Verbandsmaterial und andere medizinische Hilfsmittel in Massen gebraucht werden würden. „Viele Menschen, Soldaten, aber auch Bürger, hatten Arme und Beine verloren“, erinnert sich Henning Bodenstein. Der Betrieb entwickelte sich, der junge Henning spürte das und hatte Lust, das Orthopädiemechaniker-Handwerk zu lernen. Und als der Stiefvater 1969 starb, habe es überhaupt keinen Zweifel gegeben, die Firma zu übernehmen. Er wollte es nun mit seinem Sohn genauso machen. Aber das Schicksal spielte der Familie nicht in die Karten, sondern im Gegenteil. Sohn Jörg Bodenstein starb 2008 mit nur 41 Jahren an Krebs. Ein Dreivierteljahr hat er um seine Gesundheit und das Leben gekämpft. Die Familie hoffte.

„Ich habe meinen Sohn verloren“, sagt Henning Bodenstein gefasst, aber mit sehr traurigen Augen. Er fehlt der Familie und er fehlt der Firma. Wie schon sein Stiefvater ihn habe auch er seinen Sohn nie gedrängt, ins Unternehmen einzusteigen, sagt Henning Bodenstein. „Aber ich habe mich gefreut, als er eines Tages fragte: Vater, was wird aus der Firma und er Interesse zeigte, einzusteigen.“ Jörg Bodenstein studierte zuerst Medizin, hörte aber nach dem Physikum auf und lernte noch mal um. Sein Vater erzählt, er wurde Orthopädiemechaniker und Bandagist, stieg in die Firma ein, würde sie heute führen. Henning Bodenstein weiß, dass sein Sohn ein guter Unternehmer und Chef geworden wäre. Als die Familie den Sohn verlor, war Henning Bodenstein 68 Jahre alt. „Es stand die Frage, weiterzumachen, mit allem, was zur Unternehmensverantwortung gehört, oder aufzugeben. Aufgeben aber war noch nie meine Sache. Und ich habe gute Mitarbeiter, zufriedene Kunden und noch Energie.“

Henning Bodenstein sagt, er würde wahrscheinlich heute auch nicht zu Hause sitzen, wäre die Firmennachfolge innerhalb der Familie möglich gewesen wie vorgesehen. Dabei wäre das seiner Frau schon manchmal lieber. „Du musst doch mal aufhören, sagt sie mitunter. Aber sie weiß auch, dass ich nicht anzubinden bin. Ich brauche auch eine Aufgabe. Ich bin so, sagt der Unternehmer“ Er kenne viele Rentner, die weitermachen. „Aber nicht bloß wegen des Geldes. Sie fürchten, dass dann ihr Lebensinhalt weg ist. Das geht mir auch so.“

Neuer Laden in Bischofswerda

In Bischofswerda steht das Gesundheitszentrum Adermann gerade vor Veränderungen. Es war nicht sein Wunsch, sagt Henning Bodenstein, umziehen zu müssen. Aber nun sucht er im Unausweichlichen die Chance. Weil der bisherige Mietvertrag im Ärztehaus an der Carl-Maria-von-Weber-Straße nicht zu verlängern war, zieht das Unternehmen mit seinem Bischofswerdaer Geschäft an die Lessingstraße. Die neuen Räume im ehemaligen Pepermint seien sogar noch besser, weil sie größer sind. Drei von der Vorgängerin für das Bräunen unter Solarium-Sonne eingebaute Kabinen können außerdem genutzt werden. „Wir brauchen heutzutage auch abgeschlossene Probierräume und hätten sie nachrüsten müssen“, sagt Henning Bodenstein. Es geht dabei um das Anprobieren von Kompressionsstützstrümpfen oder Mieder. Eine sehr individuelle, intime Sache sei das. „Vorhänge reichen da nicht mehr“, sagt Henning Bodenstein. Der Umbau in den neuen Räumen ist erfolgt, das Einräumen läuft gerade. Die Neueröffnung ist für kommenden Freitag geplant.

Selbst ist Henning Bodenstein noch kein Kunde seines Unternehmens. Zum Glück, sagt er, gehe es ihm gesundheitlich gut. Nur als er sich vor einiger Zeit den Mittelfußknochen gebrochen hat, habe auch er einmal Unterarmstützen gebraucht. „Ich freue mich, früh auf Arbeit gehen zu können“, sagt er. Und wenn doch der Tag kommt, an dem das nicht mehr geht? „Wenn ich morgen wegfalle, muss es weitergehen, muss der Betrieb auf dem neuesten Stand sein. Die Zukunft ist geplant.“ Wer seine Nachfolge antreten wird, sagt Henning Bodenstein jetzt aber noch nicht. Man könne sich aber darauf verlassen, dass es eine seriöse Lösung geben wird.

In Bautzen investiert

Als Henning Bodenstein jung war und die Firma übernahm, war seine Schwester Jutta Bobak an seiner Seite. „Sie wirkte im kaufmännischen Bereich, wir waren ein gutes Gespann, bis sie 1995 in den Ruhestand ging. Über 40 Jahre haben wir ohne Unterbrechung zusammengearbeitet.“ Aus der Familie hat der Chef heute seine Schwiegertochter als Assistentin an der Seite. Das macht den Senior glücklich. Für die Firmennachfolge kam sie auf eigenen Wunsch aber nicht infrage. Hennig Bodenstein sagt, „es ist nicht einfach, so einen Betrieb weiterzuführen.“ Allein schon wegen der steigenden Zahl an Mitbewerbern innerhalb seiner Branche sei das so.

Henning Bodenstein führte das Unternehmen in über vierzig Jahren durch alle Höhen und Tiefen. Wann es am schwersten war, sei kaum zu sagen. Besonders herausfordernd war es 2006, als das Unternehmen, in eine neue Werkstatt in Bautzen investierte. Unruhig war es in der DDR. Da entging der Betrieb der Verstaatlichung, aber nur, weil „wir ein sogenannter Mangelberuf waren. Da durften wir bleiben. Es war wirtschaftlich notwendig für das Land, wenn man es intelligent ausdrücken möchte“. Ist er stolz? „Ich glaube ja.“ Henning Bodenstein engagierte sich jahrzehntelang für seine Branche über den eigenen Betrieb hinaus. Er war nach der Wende zwölf Jahre Landesinnungsmeister in der Orthopädietechnik, zuvor in der DDR schon Obermeister des Handwerkskammerbezirkes Dresden und Sachverständiger. „Das war nicht immer ein Spaziergang.“