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Solide ist zu wenig

Der an sich risikoscheue Bundestrainer geht in die Offensive. Statt Marcel Schmelzer nimmt er Erik Durm mit zur WM.

© action press

Von Roland Zorn

Den Urlaub hat Kevin Volland in weiser Voraussicht gebucht: mit Reiserücktrittsversicherung. Die braucht der Hoffenheimer Offensivspieler nun nicht mehr in Anspruch zu nehmen. Seit gestern weiß der 21-Jährige nach dem Gespräch mit Bundestrainer Joachim Löw, dass er das Traumziel Brasilien samt WM-Teilnahme verfehlen wird – und damit Urlaub machen kann. Gleiches gilt für den 22-jährigen und in Deutschland nahezu unbekannten Shkodran Mustafi, der als variable Abwehrgröße bei Sampdoria Genua auf sich aufmerksam gemacht hat.

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Am liebsten würde er sein Gesicht wohl unter der Kapuze verstecken. Dass Marcel Schmelzer nicht mit zur WM darf, kommt überraschend – auf den ersten Blick. Foto: Citypress24
Am liebsten würde er sein Gesicht wohl unter der Kapuze verstecken. Dass Marcel Schmelzer nicht mit zur WM darf, kommt überraschend – auf den ersten Blick. Foto: Citypress24 © CITYPRESS24

Auch der Name von Marcel Schmelzer steht auf der Streichliste des Bundestrainers. Und das ist – anders als bei den zwei anderen – schon eine Überraschung, jedenfalls auf den ersten Blick. Der 26-jährige Linksverteidiger von Borussia Dortmund zählt schließlich zu den ohnehin wenigen und vor allem etablierten deutschen Linksverteidigern. 16 Länderspiele hat Schmelzer bereits bestritten. Doch dass zunächst kein weiteres mehr hinzukommt, liegt zum einen daran, dass ihm beim Trainingslager im Passeiertal eine Kniereizung derart zu schaffen machte, dass er das Übungsprogramm nicht angemessen bewältigen konnte. Zum anderen verlor Schmelzer, der ohnehin nicht zu Löws Lieblingsspielern gehört, auch noch einen vereinsinternen Zweikampf.

Erik Durm, in Dortmund erst in dieser Saison vom Angreifer zum Verteidiger umgeschult, wirkt balltechnisch sicherer als der manchmal überhastet anmutende Ball-eroberer Schmelzer. Der gebürtige Magdeburger wird an Löws Entschluss zu knabbern haben, gehören doch andere angeschlagene Profis, die in der Hierarchie des Nationalteams aber deutlich höher angesiedelt sind, zu den Auserkorenen. Dass für Rekonvaleszenten wie Sami Khedira, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Manuel Neuer die Tür eher als für ihn offengehalten würde, konnte sich der solide Verteidiger allerdings ausrechnen.

Schmelzer hatte schon auf dem Schlussbogen der Bundesligasaison eine sechswöchige Verletzungspause wegen angerissener Muskeln im Adduktorenbereich zurückgeworfen. Dagegen wirkte die Knieprellung, seine jüngste Blessur, auf den ersten Blick harmlos. Sie war aber so tückisch, dass Schmelzer schon in Südtirol Böses ahnte, als er sagte: „Es wäre bitter, wenn ich wegen einer solchen Kleinigkeit nicht mitfahren könnte.“

Der vier Jahre jüngere Kollege Durm dagegen durfte zuerst gegen Kamerun seine Premiere feiern und wurde tags darauf auch noch mit dem Ticket für Porto Segura, das deutsche Camp während der Weltmeisterschaft, belohnt. Dabei hatte der Pfälzer dem im Verein vor ihm gesetzten Schmelzer nie den Kampf angesagt. Im Gegenteil. „Im Gegensatz zu mir“, lautete seine Selbsteinschätzung vor der Nominierung, „ist Marcel ein gestandenen Nationalspieler. Ich kann keine Ansprüche stellen.“ Musste er ja auch nicht. Das Gute kam zu dem, der warten konnte.

Noch bei der Nominierung des erweiterten WM-Aufgebotes von 30 Spielern am 8. Mai ist Durm zwar nur die Nummer drei hinter Schmelzer und dem turniererfahrenen Marcell Jansen gewesen. Vorm WM-Trainingslager strich Löw aber erst den fußkranken HSV-Profi aus Fitnessgründen, gestern folgte nun Schmelzer.

Durm hat die Chance aber auch selbst genutzt. Im Testspiel gegen Kamerun am Sonntag wartete er mit einem ansprechenden 84-Minuten-Debüt im Nationaltrikot auf. „Seine Aufgabe hat er gut gelöst, er hat mitgespielt, er war sehr aufmerksam“, lobte Löw und legte sich danach fest: „Auf der linken Seite sehe ich Erik Durm, der gegen Kamerun auch ein gutes Spiel gemacht hat. Und Benedikt Höwedes kann da spielen.“

Schon im BVB-Dress konnte der neue Hoffnungsträger gerade in der Champions League gegen Real Madrid mit erstaunlicher Abgeklärtheit auch Tribünengast Löw beeindrucken. „Real war ein Highlight, aber das heute hat noch einmal einen höheren Stellenwert“, sagte Durm überglücklich nach seiner Länderspiel-Premiere. Ein „Kindheitstraum“ sei in Erfüllung gegangen, offenbarte er. Jetzt geht der Traum in Brasilien weiter. Fußball-Märchen gab es bei großen Turnieren immer wieder. Thomas Müller debütierte vor vier Jahren auch erst kurz vor dem WM-Turnier im Nationalteam und wurde dann in Südafrika sogar Torschützenkönig. Und der junge Sami Khedira füllte beim 2010 couragiert die riesige Lücke im Mittelfeld, die der verletzte Kapitän Michael Ballack hinterlassen hatte.

Der Bundestrainer scheint jedenfalls bereit zu sein, das Risiko mit Auf- und Umsteiger Durm zu wagen. Sonst hätte er auf die solide Alternative gesetzt. Und die hieße Schmelzer. (mit dpa)