Teilen: merken

Sorge um die Einkaufsmeile

Der Blumenladen hat zugemacht, die Kaufhalle wird schließen. Ins Bedauern darüber mischt sich bei Betroffenen auch Furcht.

© Eric Weser

Von Antje Steglich

Pulsen. Wie es mal wird, wenn der Einkaufsmarkt nicht mehr da ist? Das weiß Lotte Zeiswig* noch nicht, sagt sie. Eine Mitarbeiterin hat der 89-Jährigen gerade die Treppe runtergeholfen und die Einkaufsbeutel auf dem Rollator der Seniorin verstaut. Mehrmals in der Woche komme sie her. „Ich kann ja nicht viel tragen.“ Heute hat sich die Seniorin unter anderem Suppengrün gekauft. „Hier gibt es alles.“ Bis voriges Jahr habe sie noch mit dem Rad fahren können, habe auch nach Gröditz gekonnt, erzählt die Seniorin. Aber das gehe nicht mehr. „Ich bin gestürzt.“ Die schmale Frau mit der Wollmütze hat plötzlich Tränen in den Augen, wirkt verzweifelt.

Symbolbild Anzeige
Anzeige

Von Actionfilm bis Comic

Erwartungsvolle Spannung. Der Vorhang öffnet sich. Dann laufen 13 Kurzfilme über Sachsen. Neugierige können hier die Filme schon online sehen.

Das angekündigte Aus der Pulsener Kaufhalle – es trifft viele ältere Pulsener wie Lotte Zeiswig schwer. Das breite Angebot an Waren des täglichen Bedarfs direkt vor der Haustür wird bis Ende des Jahres wegfallen. Eine Nachfolge ist nicht in Sicht.

Gleichwohl hat das 900-Einwohner-Dorf Pulsen mehr Geschäfte aufzuweisen als vergleichbare Orte im Umland. An der Straße Am Markt – der kleinen „Einkaufsmeile“ im Ort – gibt es einen Fleischer, einen Bäcker, eine Poststelle, zwei Versicherungsagenturen. Und bis Ende voriger Woche auch noch einen Blumenladen. „Ab 10.03.18 ist dieses Geschäft geschlossen“, verkünden jedoch grüne Buchstaben auf weißem Blatt Papier hinter der verschlossenen Glastür. Die Schließung nährt Sorgen bei Anwohnern. Machen jetzt auch noch andere Geschäfte zu? Die Allianz-Vertretung von Michael Körnig nicht, sagt der Inhaber. „Wir bleiben hier.“ Das Aus benachbarter Geschäfte betreffe die Agentur kaum. „Wir haben ja eh wenig Publikumsverkehr.“ Die rund 2 000 Kunden seien weit verstreut, so der Versicherungsmann.

Auch die Fleischerei Kerscher bleibt offen, sagt deren Chef Reinhard Schulz am Telefon. Mit Pulsener der Filiale sei er zufrieden, so der Geschäftsmann, dessen Firma weitere Außenstellen etwa in Riesa, Nünchritz und Zeithain betreibt. Auch in der Bäckerei Währisch am gegenüberliegenden Ende der Marktstraße wird es weitergehen. Das Geschäft für den Einzelbetrieb sei jedoch schwierig, wie Mitarbeiterin Petra Währisch sagt. Es gebe viele Wettbewerber, einige kämen mit Verkaufsfahrzeugen bis vor Pulsener Haustüren. Hinzu komme, dass gerade die jüngere Generation vielfach woanders einkaufe.

Junge Generation kauft woanders

Das bestätigt auch eine junge Familie, die an diesem Vormittag mit Kinderwagen die Straße entlang spaziert. „Wir sind ja jeden Tag unterwegs“, sagt der Familienvater mit den dunkel getönten Brillengläsern. Im Pulsener Einkaufsmarkt „gehen wir auch schon mal was holen“, sagt seine Frau. Aber eher dann, wenn man schnell mal was braucht. Die großen Einkäufe erledigen auch die jungen Pulsener in einem der größeren Supermärkte der Gegend.

So wie viele im Ort – die es können. Hans-Jürgen Marquardt zum Beispiel macht keinen Hehl daraus, dass er lieber in Gröditz einkauft. „Da ist mehr Angebot, und billiger.“ Wie der 53-Jährige denken auch zwei Männer Anfang 70, die am Wohnblock gegenüber auf einer Bank sitzen. Trotzdem bedauern sie, wie sich die Entwicklung im Ort vollzogen hat. Knackpunkt sei die Schließung der Sparkasse 2003 gewesen, meinen sie. Wer Geld brauche, der fahre inzwischen meistens nach Gröditz und erledige dabei alles andere mit, sagt einer der beiden Männer und kippt seine Pfeife aus.

Bei Ruth Schmidt läuft es etwas anders. Die 80-Jährige parkt mit ihrem VW Golf vorm Pulsener Einkaufsmarkt. Stammkundin sei sie hier, sagt die Rentnerin. Auch sie bedauert, dass der Markt schließen wird – und hofft, dass die Inhaberin ihren anderen Lebensmittelladen in Wülknitz noch eine Weile offen lässt. „Für mich ist es dorthin fast genau so weit wie bis hierher.“ Mit dem Bus einkaufen zu fahren, etwa nach Gröditz, das kommt für Ruth Schmidt nicht infrage. Da müsse man durch die halbe Stadt laufen. „Das ist nichts für Leute, die schlecht fortkönnen.“ Leute wie Ruth Schmidt und ihre 83-jährige Nachbarin, die voriges Jahr mit dem Rad gestürzt war. Ruth Schmidt hatte ihr danach angeboten, sie zum Einkaufen mitzunehmen. Nachbarschaftshilfe im besten Sinne.

* Name geändert