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Sorgen um Gläserne Produktion

Viele Lebensmittelbetriebe locken mit einem Blick hinter die Kulissen. Doch das ist jetzt nicht mehr überall möglich.

© Archiv/Sebastian Schultz

Von Jens Fritzsche und Christoph Scharf

Riesa. Spagat tut immer weh. Aber dieser ist besonders schmerzhaft. Auch für die zahlreichen Lebensmittelproduzenten in der Region. Einerseits wollen die Verbraucher heute genau wissen, wo und vor allem wie ihre Lebensmittel hergestellt werden. Andererseits dürfen sie möglichst wenig mit eben genau dieser Herstellung in Berührung kommen. Wobei Berührung hier durchaus wörtlich zu nehmen ist. So will es die EU, die jetzt mit neuen, noch strengeren Vorschriften unter der Überschrift „Food Defense“ – Lebensmittel-Verteidigung – in der Branche für Aufsehen sorgt: Dabei geht es darum, dass niemand am Produkt manipulieren kann – weder im Betrieb, noch im Handel.

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Strenge Vorschriften, strenge Qualitätsstandards und trotzdem Transparenz? Funktionieren da die immer beliebter werdenden Gläsernen Produktionen eigentlich noch? Was letztlich ja auch zunehmend ein touristisches Aushängeschild und ein Marketingfaktor für die Region geworden ist.

Genau dieser Spagat war das Problem, warum zum Beispiel der bekannte Fleischwarenhersteller Korch zum Jahresanfang seine beliebte Gläserne Produktion in Radeberg geschlossen hat. „Wir bedauern das sehr, denn wir hatten jedes Jahr viele Tausend Besucher“, sagt Geschäftsführer Michael Korch auf SZ-Nachfrage. Und so hatten sich im Dezember nun die letzten Besucher in der Produktion umgeschaut. „Wir schieben ja zum Beispiel frische Räucherwaren zur Verpackung – wenn dann Besuchergruppen vorübergehen, könnte ja jemand die Ware berühren, das darf nicht sein …“, beschreibt Korch das Problem.

Und da das Radeberger Unternehmen nach dem höchsten Hygiene-Standard zertifiziert ist, „mussten wir nun schweren Herzens auf die Rundgänge verzichten“. Eine Alternative wäre ein kompletter Umbau gewesen, aber der wäre zum einen sehr teuer, zum anderen bräuchte es dafür auch ausreichend Platz. „Das ist baulich leider nicht möglich“, sagt der Geschäftsführer. Ab und an gibt es dennoch die Chance, ganz nah dran zu sein: „Alle zwei, drei Jahre laden wir zum Hoffest mit Rundgängen ein.“ Im Anschluss wird desinfiziert, „und wir können weiterproduzieren“, erläutert Michael Korch.

Teigwaren wollen offen bleiben

Und der große „Nachbar“ Radeberger Exportbierbrauerei? Immerhin mehr als 20 000 Besucher schauen sich dort jedes Jahr an, wie der namhafte Gerstensaft gebraut wird. Nicht nur aus ganz Deutschland kommen die Gäste, auch aus England und zunehmend sogar China. „Dort, wo die Besucher unterwegs sind, haben wir geschlossene Systeme“, beschreibt Brauereisprecherin Jana Kreuziger, warum es hier auch künftig Führungen geben kann. Die Abfüllung – dort also, wo das Bier dann tatsächlich aus diesen Kreisläufen herauskommt – bleibt für Besucher verschlossen. „Wir haben dafür eine Galerie gebaut, von der aus die Besucher durch große Glasscheiben zuschauen können.“ Interaktive Video-Technik sorgt zudem für Einblicke, wo es notwendig, hygienisch aber nicht möglich ist. Und so hat die Brauerei Ende des vergangenen Jahres zum wiederholten Male das höchste Qualitätszertifikat in Sachen Lebensmittelsicherheit bekommen.

Auch beim Traditionshersteller Teigwaren Riesa legt man Wert darauf, die Anforderungen für die nötigen Zertifikate schon seit Jahren umzusetzen. Bei der Gläsernen Produktion komme es nicht nur darauf an, den Produktschutz im Blick zu haben, sondern euch die Lebensmittelsicherheit – in Bezug auf mögliche chemische, biologische oder physikalische Gefahren. „Wir sind bestrebt, die Gläserne Produktion auch in den nächsten Jahren anzubieten“, heißt es auf SZ-Anfrage. Deshalb achte man in der Nudelfabrik auf eine ganze Reihe von Maßnahmen: So würden die Führungen nur in kleinen Gruppen erfolgen, die von Mitarbeitern begleitet werden. Außerdem erfolge die Produktion überwiegend in geschlossenen Anlagen. „Wo Anlagen offen sind, werden die Produkte durch transparente Abdeckungen, Sichtwände und Absperrungen geschützt“, teilt Marketing-Mitarbeiterin Linda Noack mit.

Außerdem werden die Besucher registriert, belehrt und durch entsprechend farbige Hygienebekleidung kenntlich gemacht. „Der Zugang zur Produktion ist nur durch Personal der Teigwaren Riesa möglich“, heißt es. Zudem sei die Produktion von Teigwaren im Hinblick auf die Lebensmittelsicherheit nicht mit einem Fleischwarenhersteller zu vergleichen. Einer der größten Touristen-Magnete Riesas bleibt der Stadt also erhalten.

Führungen in der Teigwarenfabrik Montag bis Freitag, 9 bis 17 Uhr, nach Anmeldung. Erwachsene zahlen vier Euro, ermäßigt drei Euro. Anmeldung: Telefon 03525 720355.