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Spätes Gedenken

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Jüdische Bürger legen Steine in die Zwischenräume der „Stelen der Erinnerung“.

Von Daniela Pfeiffer

Er hat lange gezögert, nach Görlitz zu kommen. Mit 92 Jahren eine Reise in die Vergangenheit anzutreten – an einen Ort, der mit so schmerzlichen Erinnerungen verbunden ist. Dieser Ort ist Görlitz.

Gedenkort auf dem Jüdischen Friedhof in Görlitz. © Pawel Sosnowski/80studio.net
Zur Einweihung am Weltfriedenstag waren Monik Mlynarski (Foto) und Shlomo Graber dabei, zwei ehemalige Insassen des Lagers. © Pawel Sosnowski/80studio.net

Monik Mlynarski ist aus dem hessischen Bad Nauheim doch gekommen, um an der Einweihung der neuen Gedenkstätte auf dem Jüdischen Friedhof in eben diesem Görlitz teilzunehmen und zu den Gästen zu sprechen. An die 100 haben sich am Dienstagnachmittag hier versammelt, viel politische Prominenz ist gekommen, der katholische Bischof und der evangelische Generalsuperintendent sind da, Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Dresden und nahezu alle, die sich in Görlitz um den Erhalt und die Wiederbelebung des jüdischen Lebens bemühen.

Monik Mlynarski berichtet in seiner Rede, dass er drei Tage im Görlitzer Lager war. Das reichte für bittere Erinnerungen. Mlynarski hat dann den Todesmarsch nach Buchenwald mitmachen müssen und nur überlebt, weil er irgendwann wusste: „Wenn ich weitergehe, bin ich verloren.“ Vier Tage versteckte er sich in einem Leichenberg, bis er befreit wurde. Mit 34 Kilogramm Körpergewicht.

Tief bewegt legt auch er am Dienstag nach jüdischer Tradition einen Stein in die Zwischenräume der „Stelen der Erinnerung“ – wie das neue, 130 000 Euro teure Denkmal genannt wird. Sieben Stelen sind es, die die Namen von 148 Opfern des Konzentrationslagers Biesnitzer Grund – einem Außenlager des KZs Groß Rosen – tragen. Es sind die Namen jener Menschen, die im Görlitzer Krematorium eingeäschert und nur deshalb erfasst sind. Von den Übrigen der insgesamt 323 Toten weiß man nicht viel.

Alle 148 Namen werden im Rahmen der Zeremonie, mit der die Gedenkstätte gestern eingeweiht wurde, von Schülern der Melanchthon-Oberschule verlesen. Es ist die Schule in nächster Nähe zum früheren Konzentrationslager. An diesem Gebäude vorbei wurden die Häftlinge damals täglich zur Arbeit in die Wumag getrieben. Vincent Müller ist einer von vier Neuntklässlern, die lasen. „Ich war schon nervös“, gibt er zu. Klar hatten sie die teilweise schwierigen Namen vorher geübt. Aber vor Gästen und Zeitzeugen ist es eben nochmal etwas anders. Viele Männer sind unter den Toten, die meisten zwischen 20 und 40 Jahre alt. Ein Abraham wird auch genannt – gerade mal acht Monate alt. Der Name Moses Hornung fällt ebenfalls. Umgekommen im Alter von 47 Jahren. Es ist der Vater von Bernhard Hornung. Der ist mit seiner Frau und den drei Söhnen extra aus Jerusalem gekommen, um zu erleben, wie sein Vater endlich etwas Ähnliches wie ein richtiges Grab bekommt.

Die Geschichte der Familie Hornung war es im Grunde, die den Anstoß für die Gedenkstätte gab. Bernhard Hornung hat für seinen Vater bislang kleine Gedenksteine auf dem Mahnmal abgelegt, das auf dem Jüdischen Friedhof 1951 für die Opfer der Nationalsozialisten errichtet worden war. Warum es – abgesehen von dem Gedenkstein an der Eiswiese – keines für die ermordeten Häftlinge des KZ Biesnitzer Grund gab, deren Namen man sogar kannte, hat er nie verstanden.

Diese Namen jetzt zu hören, fällt auch Shlomo Graber nicht leicht. Er war 18 Jahre alt, als das Görlitzer KZ befreit wurde – und er mit ihm. Der 88-Jährige lebt heute in der Schweiz, wird aber nicht müde, von seinen Erlebnissen zu berichten. In Görlitz tut er das immer wieder vor Schülern.

Und genau solche Zeitzeugenberichte sind von unschätzbarem Wert, sagt Staatssekretärin Andrea Franke, die anstelle von Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich gekommen ist. Wegen der Sondersitzung des Landtages zur Flüchtlingssituation sei er verhindert. „Die politische Lage ist heute leider wieder von Vorurteilen, Drohungen, Hetze, Fremden- und Religionsfeindlichkeit bestimmt“, so Franke. „Dabei kann man es doch auch so sehen: Wir können stolz sein, dass Menschen wieder auf eine Zukunft in Deutschland setzen. Es ist ein Kompliment für ein Land, aus dem vor Jahrzehnten noch Menschen flüchten mussten.“ Doch viele haben es damals nicht mehr geschafft, aus ihren Ländern zu flüchten. 60 Millionen Tote hat der Zweite Weltkrieg gefordert. 148 von ihnen haben seit gestern wieder einen Namen – ihre Nachfahren einen Ort zum Trauern.