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Politik

Tausende schwimmen nach Ceuta

Marokko hat seine Grenze zu Ceuta faktisch geöffnet und so eine Massenflucht ausgelöst. Tausende schwimmen in die spanische Exklave.

Spanien, Ceuta: Migranten schwimmen von der marokkanischen Stadt Fnideq aus die spanische Nordafrika-Exklave Ceuta.
Spanien, Ceuta: Migranten schwimmen von der marokkanischen Stadt Fnideq aus die spanische Nordafrika-Exklave Ceuta. © Antonio Sempere/EUROPA PRESS/dpa

Madrid. "Wie eine Autobahn auf dem Meer" - so beschrieb die spanische Zeitung "El País" die teils dramatischen Bilder Tausender Menschen aus Marokko, die im Mittelmeer Richtung Ceuta schwammen. Rund 7.000 Menschen, darunter etwa 1.500 Minderjährige, schafften es binnen 24 Stunden, die Nordafrika-Exklave Madrids und damit faktisch die EU zu erreichen. Wie ein Lauffeuer hatte sich am Montag die Nachricht verbreitet, dass die marokkanischen Grenzwächter plötzlich niemanden mehr aufhielten. Und das war nach Einschätzung spanischer Medien kein Zufall - sondern ein kalkulierter Schachzug der Regierung in Rabat.

Die äußerte sich am Dienstag zunächst nicht zu den Ereignissen. Doch für Beobachter steht fest, dass die marokkanischen Sicherheitskräfte die Kontrollen an der nur rund acht Kilometer langen Grenze zu Ceuta im Nordwesten des Landes absichtlich gelockert haben, um in einer seit Wochen schwelenden diplomatischen Krise mit Spanien den Druck zu erhöhen.

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EU-Ratspräsident Charles Michel sagte Spanien die "volle Solidarität" Brüssels zu. "Die Grenzen Spaniens sind die Grenzen der Europäischen Union. Zusammenarbeit, Vertrauen und gemeinsame Verpflichtungen sollten die Grundsätze einer engen Beziehung zwischen der EU und Marokko sein", erklärte Michel.

An Vertrauen aber scheint es in dem Konflikt zu mangeln. Im Zentrum des Streits steht die Westsahara an der nordafrikanischen Atlantikküste, bis 1975 spanische Kolonie. Marokko beansprucht große Teile des dünn besiedelten Gebiets, was international jedoch nur einige Staaten - darunter die USA - unterstützen. Die Befreiungsfront Polisario wiederum kämpft für die Unabhängigkeit der Westsahara.

Eine Gruppe junger Migranten wird in der spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta von Polizisten eskortiert.
Eine Gruppe junger Migranten wird in der spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta von Polizisten eskortiert. © Antonio Sempere/EUROPA PRESS/dpa

Die marokkanische Regierung ist erzürnt, weil der Generalsekretär der Polisario, Brahim Ghali, seit April in einem spanischen Krankenhaus behandelt wird. Rabat sieht in ihm einen Kriegsverbrecher und fordert seine Festnahme. Erst vor zehn Tagen veröffentlichte das marokkanische Außenministerium eine wütende Erklärung und sprach von einer "schwerwiegenden Handlung", die nicht zu rechtfertigen sei. Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez sprach von einer "schweren Krise für Spanien" und bekräftigte, es werde alles unternommen, um die Sicherheit der Grenzen Spaniens und seiner Bürger zu garantieren.

Auch Deutschland hat Probleme mit Marokko

Auch Deutschlands Verhältnis zu Marokko ist wegen der Westsahara angespannt. Auslöser war Berlins Kritik an der Entscheidung der früheren US-Regierung unter Präsident Donald Trump, Marokkos Souveränität über das Gebiet anzuerkennen. Anfang Mai warf die Führung in Rabat der Bundesrepublik vor, "wiederholt feindselig gegen die höheren Interessen des Königreichs Marokko gehandelt" zu haben, und rief ihre Botschafterin in Berlin zu Konsultationen zurück. Auch Deutsche in Marokko bekommen die Krise zu spüren. Von ihnen ist zu hören, derzeit würden ausgelaufene Aufenthaltsgenehmigungen nicht verlängert.

Die Behörden Ceutas mit rund 85.000 Einwohnern wurden von der schieren Menge der Ankommenden völlig überwältigt. "Wir versorgen die Menschen mit dem Nötigsten, trockener Kleidung, Essen und Wasser", sagte Isabel Brasero vom spanischen Roten Kreuz im Fernsehen. Tausende Migranten liefen in der Stadt herum, bevor sie in ein Stadion gebracht wurden. Minderjährige kamen in ein überfülltes Auffanglager.

Ein Mann aus Marokko reagiert, nachdem er schwimmend in das spanische Territorium gelangt ist, in der spanischen Enklave Ceuta.
Ein Mann aus Marokko reagiert, nachdem er schwimmend in das spanische Territorium gelangt ist, in der spanischen Enklave Ceuta. © Antonio Sempere/EUROPA PRESS via AP/dpa

Am Dienstag begann das spanische Militär, die Migranten einzeln durch eine kleine Tür im Grenzzaun zurück nach Marokko zu schicken. Auf marokkanischer Seite des Zauns warteten Tausende auf eine Chance, nach Ceuta zu gelangen. Die Schließung der Grenze zu Ceuta durch Marokko seit März 2020 aufgrund der Corona-Pandemie hat viele Menschen in Armut gestürzt. Einige warfen Steine auf die spanischen Sicherheitskräfte, die mit Tränengas antworteten. Nach Angaben des spanischen Innenministers Fernando Grande-Marlaska wurden mindestens 1500 Menschen binnen Stunden zurückgeschickt.

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Heftige Bilder waren im Fernsehen zu sehen. Soldaten führten teilweise humpelnde Migranten über den Strand zum Grenzzaun, während nur wenige Meter entfernt ankommende Schwimmer versuchten, aus dem Wasser auf den Strand zu gelangen. Soldaten hinderten sie daran. Nur völlig Erschöpfte wurden auf Tragen zu Krankenwagen gebracht. Ein spanischer Richter bezweifelte im Fernsehen, dass die Abschiebungen rechtlich überhaupt zulässig seien. (dpa)

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