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SPD verliert einen großen Querdenker

Todesfall. Peter Glotz, der „Intellektuelle vom Dienst“, ist nach kurzer Krankheit gestorben.

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Von Anselm Bengeser,Frankfurt/Main

Die letzten Jahre hatte sich Peter Glotz in die Schweiz zurückgezogen, wo er in St. Gallen einen Lehrstuhl für Medien innehatte. Doch auch im laufenden Wahlkampf meldete er sich immer wieder zu Wort, oft quer zum Kurs seiner SPD, als deren „Intellektueller vom Dienst“ er galt. Wie am Freitag bekannt wurde, starb Glotz am Donnerstag mit 66 Jahren nach kurzer Krankheit in Zürich an Krebs.

Als ruhelos empfanden ihn die einen, andere lobten seinen Reformeifer. Tatsächlich gleicht das Leben des Peter Glotz einem Kaleidoskop aus vielen bunten Teilen, wenn auch die Farbe Rot vorherrscht – nie ließ er sich lang an eine Aufgabe binden. Die längste Dienstzeit verbrachte er als Bundesgeschäftsführer der SPD in den Jahren von 1981 bis 1987. Es war sein einflussreichstes Amt, und er stand damals an der Seite von Willy Brandt, dem wohl herausragendsten Nachkriegsvorsitzenden der deutschen Sozialdemokraten.

Dass der brillante Analytiker und Theoretiker nach dem Studium der Zeitungswissenschaften, Philosophie, Germanistik und Soziologie eine Hochschulkarriere ausschlug, in die Bundespolitik ging und schließlich dienend als Funktionär für die SPD Kärrnerarbeit leistete, lag sicher auch an dem Charisma Brandts. „Ich bin ein Mann Brandts gewesen und werde es bleiben“, sagte Glotz, als er sich zusammen mit dem Chef im Juni 1987 aus der Parteispitze zurückzog.

Davor und danach verbrachte der begnadete Polemiker rund 17 Jahre im Bundestag, drängte seine Partei – den „unbeweglichen Tanker“, wie er sie nannte – zu programmatischer und organisatorischer Erneuerung, wirkte kurze Zeit als Wissenschaftssenator in Berlin, drei Jahre als Gründungsrektor der wiedererrichteten Universität Erfurt und machte sich vor allem als medienpolitischer Experte einen Namen. Von der Partei wurde er als Argumentationskünstler bewundert, „aber man liebt ihn nicht“, schrieb in den 80er Jahren der „Rheinische Merkur“.

Das war in der Tat das Dilemma des Politikers Glotz. Immer wieder versuchte er, in der bayerischen SPD Fuß zu fassen, dort die Führung zu übernehmen. Immer wieder scheiterte er. Seine intellektuelle Überlegenheit war den bayerischen Genossen suspekt.

Peter Glotz, der am 9. März 1939 im böhmischen Eger geboren wurde und als Kind mit der Familie nach Bayern flüchtete, hatte zuletzt nur noch ein politisches Herzensanliegen: das zusammen mit der Chefin des Vertriebenenverbands, Erika Steinbach (CDU), erdachte und umstrittene „Zentrum gegen Vertreibungen“. Er wolle, sagte er, „die Vertriebenenverbände aus der rechten Ecke herausholen“.

Glotz hinterlässt eine Frau, Felicitas Walch, mit der er seit 1991 in dritter Ehe verheiratet war, und einen achtjährigen Sohn. (AP)