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Spektakuläre Comebacks

Was Liverpool am Dienstag schaffte, ist ein kleines Wunder. Ein Blick zurück auf die größten Comebacks der Europapokalgeschichte. Auch Dynamo Dresden ist dabei.

19.03.1986 Uerdingens Friedhelm Funkel (2.v.l.) jubelt nach dem Spiel. Bayer Uerdingen besiegt Dynamo Dresden 7:3 in der Grotenburg-Kampfbahn. Mit dem Sieg erreichte Uerdingen das Halbfinale. © dpa

Der FC Liverpool von Trainer Jürgen Klopp hat mit einer sensationellen Aufholjagd den FC Barcelona im Halbfinale der Champions League noch abgefangen und wird dafür auf der ganzen Welt gefeiert. Ein Blick zurück auf die größten Comebacks der Europapokalgeschichte:

Carl Zeiss Jena - AS Rom 0:3/4:0, Saison 1980/81, 1. Runde Europapokal der Pokalsieger:

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Der spätere Bayern-Coach Carlo Ancelotti trug sich beim klaren Hinspielsieg der Römer in die Torschützenliste ein. Im Rückspiel erlebten die Giallorossi aber einen schlimmen Abend im Ernst-Abbe-Sportfeld gegen die vom jungen Hans Meyer trainierten Thüringer. Der Weg von Carl Zeiss endete erst im Endspiel gegen Dynamo Tiflis.

1. FC Kaiserslautern - Real Madrid 1:3/5:0, 1981/82, Viertelfinale UEFA-Pokal:

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Wunder, Wahnsinnsspiel, besser als Istanbul: Trainer Jürgen Klopp und der FC Liverpool begeisterten mit ihrer irren Aufholjagd gegen den FC Barcelona und werden dafür nicht nur von der Fußballwelt gefeiert.

Fiasko für das weiße Ballett: In der hitzigen Atmosphäre des Betzenbergs ging das große Real förmlich ein. Drei Platzverweise und fünf Gegentore waren die nackten Zahlen eines denkwürdigen Abends. Ein gewisser Friedhelm Funkel traf zweimal für den FCK, die Fans der Roten Teufel sangen: "Zieht den Spaniern die Badehosen aus!"

Partizan Belgrad - Queens Park Rangers 2:6/4:0, 1984/85, zweite Runde UEFA-Pokal:

Nachdem die QPR im Hinspiel mit einem Mann weniger ein 1:2 in ein 6:2 verwandelten, waren sich die Engländer ziemlich sicher, Klubgeschichte geschrieben und das Achtelfinale erreicht zu haben. Im Hexenkessel von Belgrad kam es aber zu einer unerwarteten Aufholjagd.

Real Madrid - Borussia Mönchengladbach: 1:5, 4:0, Saison 1985/86, Achtelfinale UEFA-Pokal:

An einem bitterkalten Novemberabend ging Real im Düsseldorfer Rheinstadion unter, das Gegentor durch Rafael Gordillo sollte sich für Gladbach aber fürchterlich rächen: Im Rückspiel trafen Jorge Valdano und Carlos Santillana jeweils doppelt, das entscheidende 4:0 der Königlichen fiel erst in der 89. Minute. Real holte im Finale gegen den 1. FC Köln den Cup, Gladbachs Trainer Jupp Heynckes gewann seinen ersten Europapokal als Chefcoach erst 1998 - mit Real.

Bayer Uerdingen - Dynamo Dresden 0:2/7:3, 1985/1986, Viertelfinale Europapokal der Pokalsieger:

Das "Wunder von der Grotenburg": Uerdingen ist nach einem 0:2 im Hinspiel und einem 1:3-Halbzeitrückstand praktisch ausgeschieden. Doch Dynamo-Torhüter Bernd Jakubowski muss verletzt raus, sein unerfahrener Stellvertreter Jens Ramme kassiert sechs Tore. "Es herrschte pure Angst", berichtet Dresdens Trainer Klaus Sammer, der seinen Job verliert. Ramme erhält Morddrohungen.

Werder Bremen - Spartak Moskau, 1:4/6:2 n.V, 1987/88, Achtelfinale UEFA-Pokal:

In den späten 80ern begründete sich der Europapokal-Mythos des SV Werder, zu dem das denkwürdige Rückspiel gegen Spartak maßgeblich beitrug. Beim ersten "Wunder von der Weser" drehte das Team von Otto Rehhagel ein 1:4 aus dem Hinspiel. Karlheinz Riedle und Manfred Burgsmüller trafen in der Verlängerung.

Bayer Leverkusen - Espanyol Barcelona, 0:3/3:0, 3:2 i.E., Finale UEFA-Pokal:

Als das UEFA-Pokal-Finale noch im Hin-und Rückspiel-Modus ausgetragen wurden, legte auch Leverkusen ein furioses Comeback hin. Bis zur 57. Minute im Rückspiel stand es 0:0, der Pokal schien schon nach Spanien zu gehen. Tita, Falko Götz und Bum-Kun Cha stellen alles wieder auf null, im Elfmeterschießen wurde Bayer-Torwart Rüdiger Vollborn zum Helden.

Werder Bremen - BFC Dynamo 0:3/5:0, 1988/1989, 1. Runde Europapokal der Landesmeister:

Im Hinspiel hatten sich die Bremer bis auf die Knochen blamiert. Im Rückspiel kam es zum zweiten "Wunder von der Weser". Womöglich ein Grund: Noch wenige Stunden vor dem Spiel hatten die Berliner in ihren weinroten Trainingsanzügen einen Einkaufsbummel im kapitalistischen Westen hinter sich gebracht. Organisiert vom Bremer Manager Willi Lemke. Der Ablenkungsplan geht auf - Bremen kommt weiter.

Karlsruher SC - FC Valencia 1:3/7:0, 1993/1994, 2. Runde UEFA-Pokal:

Das "Wunder vom Wildpark" und die Geburt von "Euro-Eddy". 1:3 hatte der KSC das Hinspiel beim spanischen Tabellenführer verloren, doch davon ließ sich das Team von Winfried Schäfer nicht entmutigen. Der polnische Schiedsrichter Zbigniew Przesmycki musste sogar den Anstoß wiederholen lassen - drei KSC-Spieler waren schon vor dem Pfiff in den Mittelkreis gestürmt. Und sie ließen nicht nach: Nach 63 Minuten stand es 6:0 - viermal hatte Edgar Schmitt getroffen. Nach dem Spiel seines Lebens wurde der Stürmer seinen Spitznamen nicht mehr los.

Werder Bremen - RSC Anderlecht 5:3, 1993/1994, Gruppenphase Champions League:

Werder-Wunder, die Dritte: Am 8. Dezember 1993 wird Bremen eine Halbzeit lang von den Belgiern "vorgeführt wie noch nie im Europacup" (Uli Borowka). Nach 65 Minuten steht es 0:3. Doch Wynton Rufer (2), Bernd Hobsch, Rune Bratseth und Marco Bode sorgen binnen 24 Minuten für die Wende. Rehhagel kommentiert: "Freunde, was sucht ihr nach Erklärungen? Freut euch doch lieber, dass der Fußball so ist." Den Halbfinal-Einzug verpasste Werder trotzdem.

Manchester United - Bayern München 2:1, 1998/1999, Finale Champions League:

Betreuer der Bayern schleppen schon Champagner herbei, die Mützen mit der Aufschrift "Champions-League-Sieger 1999" liegen bereit. Doch nach albtraumhaften 102 Sekunden werden auf der Pressetribüne Hunderte Texte gelöscht, die Mützenkiste verschwindet wieder. Teddy Sheringham (90.+1) und Ole Gunnar Solskjaer (90.+3) haben die Bayern aus allen Träumen gerissen. "Die zwei unglaublichsten Minuten des Fußballs", schreibt die englische Zeitung The Sun. "Die Bayern haben geguckt, als hätten sie einen Flugzeugabsturz gesehen", sagte United-Teammanager Sir Alex Ferguson.

Werder Bremen - Olympique Lyon 0:3/4:0, 1999/2000, 2. Runde UEFA-Pokal:

Nach einem Doppelpack des Brasilianers Sonny Anderson standen die Werderaner im Rückspiel mit dem Rücken zur Wand. Doch das Team von Thomas Schaaf spielte im Weserstadion alles oder nichts und zog doch noch ins Achtelfinale ein. Der ewige Claudio Pizarro, damals noch zarte 21 und in seiner ersten Werder-Saison, schoss die Norddeutschen mit dem 4:0 in der 77. Minute eine Runde weiter.

Deportivo La Coruna - AC Mailand 1:4/4:0, 2003/04, Viertelfinale Champions League:

Nach Toren von Kaka (2), Andrej Schewtschenko und Andrea Pirlo rechnete niemand mehr damit, dass sich das abgeklärte Milan den Einzug ins Halbfinale der Königsklasse noch nehmen lassen würde. Depor überrollte die Italiener im Rückspiel aber regelrecht.

FC Liverpool - AC Mailand 3:3 (3:3, 0:3) n.V. 3:2 i.E., 2004/2005, Finale Champions League:

Das "Wunder von Istanbul" prägt Liverpools Selbstverständnis bis heute: Eine Halbzeit lang werden die Engländer von Teammanager Rafael Benitez im Champions-League-Finale von den Italienern vorgeführt. Paolo Maldini und zweimal Hernan Crespo sorgen für die scheinbar beruhigende Führung. Doch nach einer Systemumstellung und der Einwechslung von Didi Hamann dreht das Spiel komplett. Innerhalb von nur 15 Minuten machen die Reds aus einem 0:3 ein 3:3 - und setzen sich schließlich im Elfmeterschießen durch. Hamann verwandelt den ersten Elfer für die Reds.

Borussia Dortmund - FC Malaga 0:0/3:2, 2012/2013, Viertelfinale Champions League:

Nach dem 0:0 in Spanien liegt der BVB 2013 auf dem Weg nach Wembley im Viertelfinal-Rückspiel 1:2 hinten, als die Nachspielzeit anbricht. Dann treffen Marco Reus sowie Felipe Santana und lassen das Westfalenstadion in seinen Grundfesten erzittern. "Wir standen alle kurz vor dem Herzinfarkt", sagt Trainer Jürgen Klopp. Held Santana wird später sogar der Wechsel zum Erzrivalen Schalke 04 nachgesehen.

Paris Saint-Germain - Barcelona 4:0/1:6, 2016/17, Achtelfinale Champions League:

Die aufstrebenden Pariser wurden von rauschhaft auftrumpfenden Katalanen schmerzlich aus den Träumen gerissen. Zum ersten Mal kam eine Mannschaft in der Champions League noch weiter, nachdem sie das Hinspiel mit vier Treffern Unterschied verloren hatte. Der Brasilianer Neymar, heute in Diensten von PSG, erzielte zwei Treffer für Barca. Doch zum Mann des Abends wurde Sergi Roberto spät in der Nachspielzeit. Der Abwehrspieler legte den Ball an Nationaltorhüter Kevin Trapp vorbei (90.+5) - danach gab es kein Halten mehr.

FC Barcelona - FC Liverpool 3:0/0:4, 2018/19, Halbfinale Champions League:

Nach der beeindruckenden Show von Lionel Messi und dem 3:0-Sieg der Katalanen im Hinspiel galten die Chancen der "Reds" als äußerst gering. "Wir wollen das kleine Wunder schaffen und sonst wenigstens in Schönheit sterben", sagte Teammanager Jürgen Klopp vor der "Mission Wunder" im Rückspiel. Die Devise laute: "Volles Risiko!". Seine Mannschaft folgte Klopp bedingungslos, es schlug die große Stunde des Ex-Wolfsburgers Divock Origi (7., 79.) und von Georginio Wijnaldum (54., 56.), die jeweils zwei Tore erzielten. Liverpool fährt nach einem ganz besonderen Abend in der Fußball-Kathedrale Anfield zum Finale am 1. Juni in Madrid. (sid)