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Spielen hinter dem Elektrozaun

Eine Kodersdorfer Familie schützt sich vor dem Wolf. Trotzdem gelingt es dem Raubtier, ihre Schafe zu reißen.

© SZ/Steffen Gerhardt

Von Steffen Gerhardt

Kodersdorf. Es grenzt schon an ein Sperrgebiet, und doch ist es nur der eigene Garten. „Aber wie sollen wir uns vor dem Wolf schützen, wenn nicht mit einem Zaun?“, fragt Raik Tzschoppe. Mit seiner Familie wohnt der Kodersdorfer am Ende der Särichener Straße. Ein Zaun aus Drahtgeflecht, der unter Strom gesetzt werden kann, durchzieht den Garten entlang des Weißen Schöps. Dieser soll die Familie vor Wolfsbesuchen schützen. Zur Verfügung gestellt hat den Zaun das Land Sachsen als Präventivmaßnahme. Aber nur auf Drängen der Familie. „Denn unser Grundstück wird vom Wolf inzwischen regelmäßig heimgesucht“, sagt der Familienvater.

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Kopflos im Weißen Schöps. Der Wolf holte sich vor einer Woche ein Schaf vom Grundstück der Göhlichs. © privat

Die erste schmerzhafte Begegnung mit dem Raubtier hatten Raik Tzschoppe und seine Lebenspartnerin Linda Göhlich vor gut einem Jahr. Am zeitigen Morgen des 29. August rissen ein oder mehrere Wölfe zwei ausgewachsene Schafe. Opfer dieser Attacke wurde auch eine Ziege, die in Panik floh und dabei im Schöps ertrank. Ein Jahr später, fast auf den Tag genau, entdecken sie ein totgebissenes Schaf am Rand des Weißen Schöps liegend. Damit nicht genug. Genau 14 Tage später, am 10. September, holte sich der Wolf ein Reh aus dem Wildgatter am Ende der Straße. Die Familie fand am Morgen den ausgeweideten Kadaver auf der Wiese.

Raik Tzschoppes Schwiegermutter erzählt, dass das Gatter vorschriftsmäßig mit einem abgenommenen Wildzaun geschützt ist, der, wie gefordert, bis ins Erdreich hinein installiert ist. „Den Wolf hat das aber nicht abgeschreckt, er unterwühlte den Zaun und holte sich eines unserer Rehe“, berichtet Ines Göhlich. Ihre Eltern betreiben das Wildgehege als Hobby und aus Freude an der Natur. Sie stellen fest, seitdem der Wolf umherschleicht, ist das Wild sehr unruhig geworden. Besonders seit dem Eindringen des Raubtieres.

Besonders beunruhigt ist die inzwischen in vier Generationen wohnende Familie in Bezug auf ihr eigenes Leben und ihre Gesundheit. „Was machen wir, wenn sich der Wolf in dem Wildzaun verfängt und um sein Leben kämpft?“, ist eine weitere Frage von Raik Tzschoppe, die ihm bisher keiner beantwortet hat. Und: „Dass ein Wolf um die Häuser schleicht, geht gar nicht. Weder nachts noch am helllichten Tag.“ Neun Schafe grasten vor 13 Monaten noch bei dem Hobby-Tierhalter auf dem Grundstück. „Jetzt ist nur noch eins da, und ich muss auch um dessen Leben fürchten“, sagt der 35-Jährige. Denn am vergangenen Mittwoch schlug der Wolf erneut zu. Er holte sich ein weiteres Schaf. Anscheinend wollte der Wolf, so wie vor einem Jahr schon einmal festgestellt, das Schaf wegschleppen. Er scheiterte aber an dem Bach. Er biss dem Tier den Kopf ab. Ein grässlicher Anblick.

„Dieser soll meinen Enkeln erspart bleiben“, sagt Ines Göhlich. Das älteste Kind ist am Sonntag fünf Jahre jung geworden. Sie und Nachbarskinder spielen regelmäßig auf der Wiese am Schöps, füttern das Wild im Gehege und hatten bis vor einem Jahr eine sorglose Zeit. „Allein können wir die Kinder nicht mehr spielen lassen“, sagt die Oma. Auch wenn der Zaun sie schützen soll, so richtiges Vertrauen haben Eltern und Großeltern in diesen nicht. „Wer garantiert mit, dass der Wolf weiß, dass meine Enkelkinder und die vielen Kinder, die täglich das Wildgehege besuchen, keine Schafe sind?“ Das ängstigt Ines Göhlich. Dabei hat sie den Satz einer Wolfsbegutachterin noch deutlich im Ohr: „Ich würde meine Kinder hier auch nicht spielen lassen.“

Dass der Wolf die Schafe von Raik Tzschoppe und das Wildgehege daneben als leicht zu bewältigende Nahrungsquelle entdeckt hat, macht deutlich, dass das Raubtier den geringsten Weg des Widerstandes sucht. Nicht auszuschließen ist, dass es sich dabei auch um kranke oder unterentwickelte Wölfe handeln kann. Sie sind in freier Wildbahn als Jäger erfolglos, deshalb suchen sie die Zivilisation auf.

Für Göhlichs und Tzschoppes steht fest: Wölfe gehören in die Wälder und nicht in die Dörfer. Grundsätzlich haben sie nichts gegen Isegrim. Aber er soll dortbleiben, wo sein Platz in der Natur ist. „Und wenn das nicht mehr gewährleistet ist, muss der Mensch regulierend eingreifen. Zu seinem eigenen Schutz“, so Ines Göhlich.