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„Angst muss uns keine Angst machen“

Extrembergsteiger Alexander Huber wurde von Depressionen überrascht. Er weiß nun, wie er mit Druck umgehen kann.

Er möchte mit seinem Buch helfen, sich bewusster mit der Angst auseinanderzusetzen: Bergsteiger Alexander Huber ist hoch oben in seinem Element.
Er möchte mit seinem Buch helfen, sich bewusster mit der Angst auseinanderzusetzen: Bergsteiger Alexander Huber ist hoch oben in seinem Element. © Huberbuam

Dresden. Angst gehört zum Leben. Mit dem menschlichen Grundgefühl beschäftigt sich Alexander Huber intensiv. Der Kletterprofi fasste seine Erfahrungen im Buch „Die Angst: Dein bester Freund“ zusammen. Warum es der 52-jährige Bayer nach acht Jahren neu bearbeitete, wie er mit seiner Angst-Krankheit umging und was ihm nun wichtig im Leben ist, das erzählt der dreifache Vater im Interview mit der Sächsischen Zeitung.

Herr Huber, macht Ihnen Corona gerade Angst?

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Ja, für unsere Gesellschaft, das Zusammenleben. Angst, selbst zu erkranken, habe ich nicht. Ich fühle mich fit und gehe auch nicht aus dem Haus mit der Furcht, an Krebs zu sterben. Aber Corona verschlechtert unberechtigt die Lebensverhältnisse.

Für Sie auch?

Ja. Wir waren über ein Jahr im Voll-Lockdown. Meine Haupteinnahmequelle sind Vorträge. Damit gehöre ich zu Kulturschaffenden, die von den Einschränkungen besonders betroffen sind. In Dresden waren bei meinem Bergsichten-Vortrag 1.000 Leute im Saal. Da brodelte es vor Begeisterung. Emotionen machen den Reiz aus. Nun habe ich das Gefühl, dass vorrangig nicht das gesellschaftliche Geschehen gesehen wird, sondern das Infektionsgeschehen. Das verändert unser Zusammenleben nachhaltig.

Sie waren für die Bergsichten 2020 geplant. Das Festival fiel aus. Kommen Sie in diesem Jahr?

Für mich ist alles in der Schwebe, ob, wann und wie ich wieder auftreten kann. Ich musste eine Serie von Veranstaltungen absagen. Es ist beschämend, dass Kultur nicht als systemrelevant gesehen wird. Das trifft weniger die Stars – aber all die kleinen Künstler. Das ist auch gesellschaftlich eine ganz schwere Erkrankung. Es wird dauern, bis wir uns davon wieder erholen.

Warum haben Sie ihr Angst-Buch gerade jetzt neu gemacht?

Ich beschäftigte mich ständig und intensiv mit dem Thema. Es gab neue Erkenntnisse. Ich habe überlegt, ein neues Buch zu schreiben. Aber im Kern war so vieles richtig in der Ausgabe von 2013. Das alte Buch ist nun substanziell umfangreicher geworden, hat mehr Inhalt, weil mehr Erfahrungen einflossen.

Ist Angst Ihr Kernthema?

Sie gehört zum Leben eines Bergsteigers. Wir sind im gefährlichen Gelände unterwegs, gut, dass wir dort Angst haben. Wenn wir sorglos in steilen Wänden rumsteigen würden, wären bald alle abgestürzt. Die Angst hilft uns, dass wir vorsichtig klettern, dass wir Sorge um unser Leben haben. Im Alltag habe ich jedoch lernen müssen, mich mit Sorgen und Ängsten auseinanderzusetzen. Einige Zeit steckte ich den Kopf in den Sand, lief vor Problemen davon. Das löst nichts und holt einen ein, meist wenn man nicht gut drauf ist.

Sie sprechen im Buch offen über Ihre Angst-Krankheit. Wenn es sogar den trifft, der extreme Wände ungesichert durchsteigt, dann sind doch alle anderen davor auch nicht geschützt?

Genau. Meine Grundüberzeugung ist: Depressionen können jeden treffen. Wer glaubt, davor gefeit zu sein, läuft Gefahr, dass es einen hart erwischt. Ich war überzeugt, dass mir so was nicht passieren kann, und ignorierte Symptome. Es war gut für mich und meine Lieben, als ich erkannte: Bei mir stimmt was grundsätzlich nicht. Ich hatte die Lust am Bergsteigen verloren und musste was ändern. Deshalb suchte ich professionelle Hilfe.

Ist das eine Botschaft, der Weg aus der Krankheit?

Das ist mein Credo: Man muss sich mit Gefahren und Problemen auseinandersetzen, um im Leben vorwärtszukommen. Wer das nicht tut und die Angst ausblendet, vor allem davonrennt, läuft Gefahr, dass die Dinge eskalieren. Dann wird es immer schwieriger, die Krankheit zu behandeln.

Haben Sie Reaktionen von Betroffenen bekommen?

Ja, ich traf Leute, denen es ähnlich ging. Und ich hatte Therapeuten, die viele Erfahrungen auch durch andere Patienten hatten, die sie an mich weitergeben konnten. Für mich war diese Auseinandersetzung mit mir nicht nur ein übles Ereignis, sondern auch eine Bereicherung. Ich habe etwas gewinnen können an Erfahrungen. Dies hat mich sogar stärker gemacht.

Als Kletterer sind Sie auf dem Weg der Selbstfindung, was die meisten Menschen ebenfalls umtreibt. Ist diese Suche nach der Krankheit nun anders?

Definitiv. Aber wenn ich die Wahl hätte, würde ich gern auf so eine Krise verzichten. Die bleibt riskant. Es gibt keine Garantien, dass man wieder rauskommt. Eine Angststörung ist relativ nachhaltig. Selbst wenn man die akute Krise flott übersteht, heißt es nicht, dass man dann sofort geheilt ist. Man muss langsam und über längere Zeit das Selbstbewusstsein neu aufbauen. Das dauert Jahre, verläuft in Wellen.

Wie war es mit dem Erwartungsdruck?

Der war eklatant, Erwartungen von mir an mich und die meines Umfeldes. Meinem Therapeuten war wichtig, dass ich den enormen Druck komplett rausgenommen habe. Ich musste herausfinden, was wirklich wichtig ist und wann es mir gut geht bei dem, was ich tue. Ob ich dabei spitze im Sport bin oder nicht, ist irrelevant, wenn es um die eigene seelische Gesundheit geht. Die steht an erster Stelle, denn nur wenn ich seelisch gesund bin, kann ich mir Gedanken darüber machen, ob ich im Sport eine Leistung bringe. Mein Problem war: Ich spürte den Zwang, dieses unbedingte Muss. Dann gab es die Eskalation.

„Mein Leistungsvermögen und meine Erfahrungen sind noch gut für schlagkräftige Seilschaften“, sagt Alexander Huber.
„Mein Leistungsvermögen und meine Erfahrungen sind noch gut für schlagkräftige Seilschaften“, sagt Alexander Huber. © Robert Michael

Was geschah danach?

Ich nahm mich komplett raus. Als der gesamte Druck weg war, spürte ich die Erleichterung. Da fielen schwere Steine von den Schultern. Das Gleiche passierte beim Druck von außen. Da hatte ich mir zum Beispiel die Kritik von anderen viel zu sehr zu Herzen genommen. Kritik muss sein, aber wenn die unangebracht ist, man aus der nichts lernen kann, darf man die nicht zu tief in sich hineinlassen.

Sie wirkten nach außen wie ein ewiger Lausbub, voller Witz, Tatendrang …

… und unerschütterlich, geradlinig. Das bin ich auch, aber es ist nur die eine Seite. Menschen haben viele Facetten. Bei mir gibt es noch eine verletzliche Seite. Das muss man sich erst mal eingestehen, um sich besser kennenzulernen und in Zukunft besser aufgestellt zu sein.

Sind Sie gerade im Reinen mit sich?

Na ja, zurzeit bewegt mich Corona stark und wie die Gesellschaft damit umgeht. Wir sind darin eingebettet, müssen uns den Dingen stellen. Dabei geht es ja nicht nur um meinen Lebensunterhalt. Unsere drei Kinder waren sechs Monate nicht in der Schule. Darüber bin ich nicht glücklich.

Erleben Sie nun neue Ängste?

Ich versuche, alles real zu sehen. Aber gerade wird versucht, uns Eltern Sorgen zu machen, ob es gefährlich ist, Kinder in die Schule zu lassen. Wir sehen es eher als Problem, dass sie ihr soziales Umfeld verlieren können, das entspannte Leben verlernen. Unsere Kinder gehen in die erste, dritte und vierte Klasse. Meine Frau leistete viel in dem halben Jahr Schule zu Hause. Das war eine massive Belastung für die Familie. Wir sind ja keine Lehrer, die schulische Inhalte optimal weitergeben können. Eltern haben eine andere Rolle. Das hat sich seit Jahrhunderten so entwickelt.

Im Buch beschreiben Sie Angst auch als positive Kraft.

Genau, sie muss uns keine Angst machen, gehört zum Überleben. Und wir brauchen dieses Gefühl für ein Auf und Ab. Ein Hochgefühl kann nur dadurch hoch sein, weil es sich abhebt. Die Schönheit eines Berges lässt sich auch erst erkennen, wenn man im Tal steht. In der total versicherten Gesellschaft läuft der Mensch eher Gefahr, dass ihm dieses Grundgefühl abhandenkommt und er diffuse Ängste entwickelt, die nicht existenziell sind. Deshalb ist die Gesellschaft heute so anspruchsvoll für unsere Psyche.

Was treibt Sie denn jetzt an?

Ich habe meine Richtung gefunden: Ich liebe das Bergsteigen, meine Arbeit, die Auftritte auf Bühnen, und es ist die Familie. Das sind alles Dinge, die mich antreiben und glücklich machen.

Haben Sie neue Kletter-Projekte?

Das ist schwierig. In Nepal waren zwar wieder Expeditionen unterwegs. Die lebten mit der Gefahr, wegen Corona vor Ort festzuhängen. Die Verantwortung für die Kinder und Familie ist mir da wichtiger. Aber ich habe die Berge ja auch vor der Haustür. Da halte ich mich fit.

Werden für Sie die Berge wirklich wieder kleiner, wie sie schreiben?

Ja, das ist wie so vieles im Leben. Man wird geboren, baut Erfahrungen auf, alles wird größer und am Ende typischerweise wieder kleiner. Man kann aber auch sagen, dass die anderen Berge größer werden, also unerreichbarer. So läuft es im Leben.

Bernd Arnold fand dafür ein Lebensphasen-Modell.

Er ist ja Sachsens Kletter-Koryphäe, der es genauso erlebt.

Sind Sie im Elbsandstein geklettert?

Ja, zusammen mit Bernd. Ich habe es genossen, mit einem unterwegs zu sein, der sich auskennt und dazu noch viele Geschichten erzählen kann. Da wird so ein Klettertag viel farbiger.

Sie fanden durch Ihren Vater zum Bergsteigen. Gehen Sie mit Ihren Kindern klettern?

Ja. Sie sollen Spaß daran haben. Wir sind gern draußen, spielerisch und ohne Leistungsgedanken. Sie sollen selbst herausfinden, was sie antreibt.

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