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Als Riesa die Stars in die Provinz lockte

Die Sachsen-Arena war Schwimmhalle, WM-Bühne und auch für Muhammad Ali. Doch der Sport spielt nur noch eine Nebenrolle - Teil 2 unserer Serie.

Den größten Umbau erlebt die Sachsen-Arena 2002 bei der Kurzbahn-EM im Schwimmen.
Den größten Umbau erlebt die Sachsen-Arena 2002 bei der Kurzbahn-EM im Schwimmen. © Lutz Hentschel

Riesa. Muhammad Ali sitzt schon eine Weile im Auto, das ihn zum Flughafen bringen soll, als ihm einfällt, dass er vor seiner Rückkehr in die USA noch einen Burger essen möchte. Der telefonische Versuch, einem Fast-Food-Restaurant am Dresdner Elbepark die kurzfristige Ankunft einer der größten Sportlegenden anzukündigen, scheitert. Der Mitarbeiter hält das für den dreisten Versuch eines Radiosenders, ihn reinzulegen. Kurz darauf fahren eine Luxuslimousine, Begleitfahrzeuge und ein Polizeiwagen mit eingeschaltetem Blaulicht am Drive-in-Schalter vor.

Wolfram Köhler muss noch immer lachen, als er die 19 Jahre alte Anekdote erzählt. Er kennt sie so gut, weil er selbst am Steuer saß. Der damalige Oberbürgermeister von Riesa hatte es geschafft, Ali für die Europapremiere des gleichnamigen, autobiografischen Kinofilms in seine Stadt zu holen. Und Köhler kennt eine zweite Geschichte, die ihm fast noch besser gefällt: Der damalige Berlinale-Chef will, dass der Film zuerst auf dem Festival läuft. In einem Interview erklärt er, dass ihm ein popeliger Bürgermeister aus Riesa den Ali weggeschnappt hätte und dies eine seiner größten Niederlagen war. „Ich habe das damals als Kompliment betrachtet“, sagt Köhler.

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Die Premiere lief also nicht in Berlin, sondern in Riesa, in der Erdgas-Arena, der 1999 erbauten Multifunktionshalle. Der sperrige Begriff passt ganz gut zum Aussehen des hellen Quaders, der nie eine Chance hatte, einen Architekturpreis zu gewinnen. Der aber mehr Prominenz aus Sport, Musik und Show anlockte, als es die Hallen in den drei sächsischen Zentren Leipzig, Dresden und Chemnitz geschafft haben.

Neben dem Eingang erinnerte bis vor Kurzem eine Tafel an Ali, den berühmtesten Gast. Hier wurde nicht nur eine Filmpremiere gefeiert, sondern auch richtig geboxt, geschwommen, getanzt. Köhler hat „mehr als 50 Welt- und Europameisterschaften“ gezählt und erinnert sich an Konzerte von AC/DC, Bryan Adams, Elton John, Rammstein, Herbert Grönemeyer, Udo Lindenberg. Man könnte das Auflisten abkürzen und fragen: Wer war noch nicht da?

12.000 Plätze für 15 Millionen Mark

Sie alle kamen in diese Halle, die bis zu 12.000 Zuschauer fasst und die am Rand einer Stadt steht, die gerade noch 30.000 Einwohner zählt. Das Verhältnis scheint nicht zu passen, es wirkt reichlich überdimensioniert – damals wie heute. Köhler wollte der Stahlstadt mit Sportevents ein neues Image verpassen und brauchte dafür eine geeignete Bühne. Den Bau verteidigt er noch immer. „Meine Vorgabe war: Wir bauen groß, Architektur interessiert uns nicht. Damit habe ich mich durchgesetzt.“

Die Kosten betrugen 15 Millionen Mark, umgerechnet also 7,5 Millionen Euro. Ein Schnäppchen. „Es gibt weit und breit keine Halle vielleicht sogar in ganz Europa, die das im Verhältnis zu Größe und Funktionalität schlagen kann“, behauptet der 53-Jährige und nennt als Gegenbeispiel die ein Jahr vorher eröffnete Margon-Arena in Dresden, die 10,5 Millionen Euro kostete, in die aber maximal 3.200 Zuschauer hineinpassen. „Ich bleibe dabei: Das war die richtige Entscheidung“, sagt Köhler.

Der ehemalige Oberbürgermeister Wolfram Köhler holte Sportevents nach Riesa, um die Olympiabewerbung anzukurbeln,
Der ehemalige Oberbürgermeister Wolfram Köhler holte Sportevents nach Riesa, um die Olympiabewerbung anzukurbeln, © Lutz Hentschel

In den ersten Jahren nach der Eröffnung war viel los, was auch daran lag, dass Köhler 2000 die nächste verrückt erscheinende Idee präsentierte: Olympische Spiele in Riesa. Damit die Stadt international bekannter wird, holte er Events in die Halle, wie die erste Amateur-WM im Sumo außerhalb Japans. An die kann sich auch Dirk Mühlstädt erinnern, der von Anfang dabei ist und sein Büro noch immer gleich neben der Halle hat. „Das Interesse der Medien war gewaltig“, erzählt der Veranstaltungsleiter. Vor allem gilt es einem Kämpfer.

Emmanuel Yarbrough aus den USA bringt bis zu 319 Kilo auf die Waage und ist damit laut Guinness-Buch der Rekorde der schwerste Sportler der Welt. Die Journalisten wollen alles wissen – wie er schläft, was er isst, wo er Kleidung kauft. Auch Stern-TV möchte ihn in der Sendung haben, RTL schickt einen Privat-Jet nach Riesa, um ihn nach Köln ins Studio zu fliegen. „Wir dachten uns schon, dass dies eng werden könnte. Und so war es dann auch: Er passte einfach nicht durch die Tür des Jets, auch mit Drücken, Schieben und Ziehen nicht“, erzählt Mühlstädt. „Später kam ein Lastenhubschrauber, dann ging es.“

Schön kuschelig unter der Decke

Den größten Umbau erlebt die Halle bei der Kurzbahn-Schwimm-EM im Dezember 2002. Ein mobiles Edelstahlbecken aus den Niederlanden wird vor Ort zusammengeschweißt, die Tribünen müssen nach oben versetzt werden, weil sie erst am Beckenrand beginnen können. „Ganz oben konnten die Zuschauer die Decke berühren. Da von dort auch die warme Luft kam, hatten sie es schön kuschelig“, erinnert sich der 54-Jährige. Die kalten Außentemperaturen sind auch aus einem anderen Grund problematisch.

Zum Ein- und Ausschwimmen brauchen die Athleten ein zweites Becken. Da 100 Meter gegenüber das Riesaer Hallenbad steht, ist das eigentlich kein Problem. Doch wie sollen die Schwimmer in Badehose oder Badeanzug ins Wettkampfbecken und wieder zurück kommen? „Wir haben die Straße gesperrt, uns eine Gangway vom Dresdner Flughafen besorgt und die ständig beheizt“, sagt Mühlstädt. Dafür wird in die Schwimmhalle in drei Meter Höhe eine Außentür geschnitten, die noch heute zu sehen ist und wie ein fataler Bauirrtum wirkt.

Wolfram Köhlers größter Coup war der Drei-Tage-Aufenthalt von Muhammad Ali in Riesa (Mitte).
Wolfram Köhlers größter Coup war der Drei-Tage-Aufenthalt von Muhammad Ali in Riesa (Mitte). © Archiv

Im selben Jahr wurden Spiele der Volleyball-WM der Frauen in Riesa ausgetragen, im April 2005 das Eishockey-Länderspiel zwischen Deutschland und Schweden. Auch die Fußballer waren mit dem DFB-Hallenpokal da. „Es war eine schöne und interessante Zeit. Man hat gesehen, was möglich ist“, sagt Mühlstädt. „Oder gewesen wäre.“ Die Olympiabewerbung, die zu einer Leipziger geworden war, aber trotzdem noch Wettkämpfe und Neubauten für Riesa vorsah, scheiterte an der ersten internationalen Hürde. Köhler zog nach Florida, wo er noch immer lebt.

In der Halle, die inzwischen wieder Sachsen-Arena heißt, ging „der Anteil der Sportveranstaltungen zurück“, sagt der Veranstaltungsleiter. Das liegt am geplatzten Olympia-Traum, aber auch daran, dass es in Deutschland keinen hochkarätigen Hallen-Fußball mehr gibt, dem Profiboxen die Stars ausgehen. Was bleibt, ist Tractor Pulling, Super-Enduro-WM und International Darts Open – aber ist das noch Sport? Mit dem Olympia-Aus verschwinden zudem die Pläne in den Schubladen, eine Autobahn zwischen Leipzig und Cottbus mit einer Anschlussstelle Riesa zu bauen.

Red Hot Chili Peppers gingen doch nach Dresden

Der Standort ist ein großer Nachteil, das bekommt Mühlstädt immer wieder zu spüren. „Wenn wir Werbung machen, müssen wir einen Radius von 50 Kilometern ziehen, um 700.000 Menschen zu erreichen. In Leipzig schaffe ich die gleiche Zahl schon bei 15 Kilometern“, vergleicht er. Für manche Künstler und deren Entourage ist auch das fehlende Nachtleben ein Problem. Die Band Red Hot Chili Peppers sollte 2007 in Riesa auftreten, das Management entschied sich dann aber doch für ein Open Air in Dresden. Konzerte sind neben Comedy und Fernsehshows inzwischen die wichtigste Einnahmequelle. Ein großer Auftritt wäre aber beinahe ausgefallen.

Die Halle ist voll und Sänger Campino, der allein mit dem Auto nach Riesa gefahren war, pünktlich da. Der Rest der Punkband Die Toten Hosen aber fehlt, weil der Tourbus von der Thüringer Polizei angehalten wurde. „Offiziell, weil die Nummernschilder geklaut waren“, erzählt Mühlstädt, der durchblicken lässt, dass er eine andere Begründung für wahrscheinlicher hält. Den Beamten sei beim Betreten des Busses ein süßlicher Duft entgegengekommen, heißt es gerüchteweise.

Veranstaltungsleiter Dirk Mühlstädt hat viele Stars gesehenen, das Foto mit der 2016 verstorbenen Boxlegende ist für ihn eine ganz besondere Erinnerung.
Veranstaltungsleiter Dirk Mühlstädt hat viele Stars gesehenen, das Foto mit der 2016 verstorbenen Boxlegende ist für ihn eine ganz besondere Erinnerung. ©  Thomas Kretschel

Egal warum, die Polizisten verweigern die Weiterreise. Das löst hektische Telefonate aus, bei denen nach Köhlers Erinnerung sogar das Innenministerium eingeschaltet wird. „Der Tenor war, dass hier Tausende Menschen in der Halle sind und es schwierig werden könnte, wenn es nicht losgeht“, so Mühlstädt. Ein Kollege von ihm spielt unterdessen hinter der Bühne Tischtennis mit Campino, dem langweilig ist. Die sächsische Polizei eskortiert den Bus schließlich von der Landesgrenze bis zur Halle, mit zweieinhalb Stunden Verspätung beginnt das Konzert. „Das war unser Event mit dem höchsten Bierumsatz“, erzählt Mühlstädt und grinst.

Wie Köhler ist auch der Veranstaltungsleiter zufrieden mit der Halle – bis auf einen Punkt: „Ich würde sie aus heutiger Sicht 15 Meter höher und zehn Meter breiter bauen“, sagt er. „Das wäre besser gewesen“, bestätigt der Ex-Bürgermeister. „Aber das hätte Auswirkungen auf die Statik und damit auf die Kosten gehabt.“ Die Kosten sind auch 22 Jahre nach der Eröffnung ein Thema. Oder wieder. Man müsse an vielen Stellen nachrüsten, findet Mühlstädt. Köhler wird da direkter. „Sie müsste renoviert und modernisiert werden. Das kostet Geld. Ob es dafür Mehrheiten gibt, muss der Stadtrat entscheiden.“

Die Pandemie-Pause sei dafür ein günstiger Zeitpunkt gewesen. Doch derzeit ist die Halle belegt, sogar rund um die Uhr. Wo früher Muhammad Ali seinen Film schaute oder Schwimmer ins Becken sprangen, wird nun geimpft. Und in zehn oder 20 Jahren? „Dann ist sie entweder geschlossen oder erlebt ihre zweite Blüte“, prognostiziert Köhler. „Ihre Existenzberechtigung hat sie auf jeden Fall noch.“

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