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„Am häufigsten im Sport sind Depressionen“

Die renommierte Sportpsychologin Anett Szigeti erklärt, warum psychische Erkrankungen im Leistungssport immer noch tabuisiert werden.

Zuhören hält Anett Szigeti für eine sehr, sehr wichtige Gabe. Die Sportwissenschaftlerin und Diplom-Psychologin begleitete die Beach-Volleyballerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst auf ihrem Weg zum Olympia-Gold von Rio.
Zuhören hält Anett Szigeti für eine sehr, sehr wichtige Gabe. Die Sportwissenschaftlerin und Diplom-Psychologin begleitete die Beach-Volleyballerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst auf ihrem Weg zum Olympia-Gold von Rio. © privat

Ihre Arbeit ist im Prinzip unsichtbar, sie findet im Kopf des Gegenübers statt. Doch Menschen wie Anett Szigeti werden im Hochleistungssport immer wichtiger. Als Sportpsychologin war die 39-Jährige ein wichtiges Puzzleteil beim Olympiasieg der Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst in Rio 2016. Doch Szigeti kennt auch die Abgründe, mit denen Leistungssportler ebenso zu kämpfen haben wie Nicht-Sportler.

Die deutsche Depressionshilfe geht davon aus, dass 17,1 Prozent der erwachsenen Deutschen im Alter von 18 bis 65 Jahren mindestens einmal im Leben an einer unipolaren oder anhaltenden depressiven Störung erkranken – also fast jeder Fünfte. Im Interview mit der Sächsischen Zeitung erklärt Szigeti, warum psychische Erkrankungen nach wie vor tabuisiert und Betroffene häufig stigmatisiert werden. Und sie sagt, welche Auswege und Heilungsmethoden es gibt.

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Frau Szigeti, macht Leistungssport die Seele krank?

Das würde ich klar mit einem Nein beantworten. Ich hab das verfolgt, wie Michael Phelps davon geschrieben hat. Ich würde erst mal Leistungssport von Hochleistungssport und Höchstleistungssport unterscheiden, das sind für mich Riesenunterschiede. Ich glaube, dass Sport immer noch etwas ist, das man freiwillig macht. Es ist bestimmt schwierig, wenn man einmal in diesem Kreislauf ist, zu reflektieren, ob man es überhaupt möchte. Aber ich bin überzeugt, wenn es so schlimm ist, dass man es nicht mehr aushalten kann, hat man immer die Möglichkeit auszusteigen.

Wie verbreitet sind psychische Erkrankungen insbesondere Depressionen unter Leistungssportlern?

Ich kenne keine Studie, die besagt, dass es im Leistungssport mehr psychische Erkrankungen gibt. Das habe ich noch nie gelesen und das wäre auch nicht mein Eindruck. Wie auch bei der Normalbevölkerung gibt es eine bestimmte Anzahl psychischer Erkrankungen. Ich glaube, es ist eher so, dass es bestimmte psychische Erkrankungen im Leistungssport häufiger gibt und dafür andere weniger. Aber im Durchschnitt ist es genauso wie überall anders auch.

Betreuen Sie betroffene Athleten?

Ich betreue viele unterschiedliche Sportler, die immer mal wieder an der Grenze sind zu einer psychischen Erkrankung – und das kann alles sein. Am häufigsten im Sport sind Depressionen oder eine Essstörung.

Welche Sportler-Typen halten Sie für besonders anfällig?

Mein eigener Standpunkt ist, dass jede Krankheit dieses psycho-soziale Modell hat. Es gibt also biologische, psychische und soziale Komponenten. Und genauso ist es im Sport auch. Es ist vielschichtig, wer eine psychische Erkrankung bekommt und auch zu welcher Zeit. Es kann ja auch sein, dass die Erkrankung nach der Karriere auftritt. Also so etwas wie eine Sportart- oder eine Typ-Frage gibt es nicht. Das sind immer diese drei Komponenten, die dazu führen, ob du irgendeine Erkrankung bekommst, egal, ob psychisch oder nicht.

Welche Einflussgrößen sehen Sie speziell im Leistungssport?

Einen Betreuer oder Coach, der dem Sportler wenig Freiheiten lässt, um in Ruhe nachzudenken. Hohe Belastungen, von denen nicht richtig regeneriert werden kann, sondern eher eine permanente Erschöpfung empfunden wird. Oder wenn du viel reist und weg bist von deinem gewohnten Umfeld, das dir eine gewisse Stabilität gibt. Das sind Faktoren, die in Summe zu psychischen Erkrankungen führen können, aber nicht müssen.

Wo sehen Sie Gründe dafür, dass die Sportler sich häufig erst so spät Hilfe holen oder manchmal nie?

Allgemein wird in unserer Gesellschaft kaum über psychische Erkrankungen gesprochen und der Leistungssport ist da keine Ausnahme. In einer Leistungsblase, wie dem Leistungssport, fällt es den meisten noch schwerer, sich das einzugestehen oder es anzusprechen. Viele denken, eine psychische Erkrankung, könnte man alleine irgendwie wegbekommen. Da frag ich mich immer: Bei einer Krebserkrankung würde auch keiner denken, der bekommt sie selber weg, also geht man auch zum Facharzt. Warum nicht bei Depressionen?

Wie sinnvoll wäre es, bereits bei Jugendlichen mit psychologischer Betreuung zu beginnen?

Ja, das wäre super, wenn an den Stützpunkten oder den Verbänden die psychologische oder pädagogische Begleitung schon von Anfang an eingebaut wird. Ich glaube, wenn alle Sportpsychologen, Pädagogen, alle Trainer und Betreuer sensibilisiert werden für so was, dann wäre das total wichtig. Aber dieses Thema ist natürlich gar nicht so präsent gewesen in den letzten Jahrzehnten, wie es jetzt ist.

Gibt es typische Symptome, an denen sich das Umfeld orientieren kann?

Eine Depression zeigt sich bei Männern anders als bei Frauen. Männer haben so einen Teil von Aggression, der bei Frauen als Symptom häufig nicht sichtbar wird. Und wenn sich jemand immer mehr zurückzieht und man keinen Zugang mehr zu jemandem hat, dann ist es natürlich schwierig. Sozialer Rückzug ist zum Beispiel ein Symptom einer Depression.

Bei Sportlern wird über Depressionen meist erst berichtet, wenn es zu spät ist. Dadurch entsteht der Eindruck, dass sich erkrankte Sportler häufiger das Leben nehmen als normale Menschen. Ist dieser Eindruck richtig?

Ich finde es total traurig, wenn sich jemand das Leben nimmt, aber das ist prozentual gesehen eine geringe Zahl, gemessen an allen Leuten, die in ihrem Leben eine Depression durchleben. Häufig ist es bei Menschen, die sich das Leben nehmen wollen, so, wenn sie den Entschluss getroffen haben, wirken sie in dieser Zeit sehr gelöst. Dann haben sie mit bestimmten Sachen abgeschlossen und es wird überhaupt keiner merken, weil sie viel aufgeräumter wirken als vorher. Das ist trügerisch und kann einfach keinem auffallen.

Warum investieren Sportler so viel Kraft und Energie, um diese Krankheit zu verheimlichen?

Es ist natürlich so, dass keiner rumrennt und sagt: „Juhu ich habe eine Depression und das wollte ich schon immer mal erzählen.“ Es hat ja auch viel mit Scham zu tun. Viele können und wollen sich das selbst nicht eingestehen. Alles, was man so macht, ist ein Teil der Erkrankung, und der Betroffene selbst hat häufig kein Bild davon, dass es um ihn wirklich so schlecht steht.

Sie haben in einem anderen Interview gesagt, dass es für Sie keinen Druck gibt. Was führt Sportler dann in solche Krankheiten, wenn nicht der Druck?

Es gibt für mich keinen Druck, sondern man macht sich Druck immer selber. Das heißt, man bewertet Sachen als Stress, als anstrengend und so weiter oder man selbst geht immer wieder zu häufig über die eigenen Grenzen. Auch da sind es wieder mehrere Faktoren, die dazu führen, dass man mit Dingen nicht so umgeht, wie man mit ihnen umgehen sollte, damit man einen gesunden Weg findet. Aber wenn jemand zum Beispiel rein genetisch und biologisch eine Veranlagung für Depressionen hat, und der Sportler noch in einem Bereich ist, in dem er sich dazu selbst noch viel unter Druck setzt, ist die Depression eine logische Folge.

Was wäre denn für Sportler die erste sinnvolle Anlaufstelle?

Natürlich ist die Hemmschwelle nach wie vor gegeben, aber sie wird immer kleiner. Wir Sportpsychologen sind präsent – es ist schon so, dass man einfach ein Teil des Sportsystems geworden ist. Es gibt natürlich auch Leute, die sich lieber außerhalb jemanden suchen, damit es niemand mitbekommt. Das Wichtige ist, dass der Leidensdruck hoch genug ist, damit die Sportler auch bereit sind, daran zu arbeiten. Danach ist es relativ einfach, die richtige Anlaufstelle zu finden. Das kann der Trainer sein, die Sportschule, der Hausarzt oder auch enge Freunde und Bekannte.

Wie lassen sich Depressionen am effektivsten behandeln?

Das ist komplett unterschiedlich. Ist es eine leichte Depression und die Sportler können weiter Sport machen, dann ist dieser sogar strukturgebend, weil sie den Tag gut planen können. In diesen Fällen ist eine ambulante Therapie sehr hilfreich. Bei einer schweren Depression ist es oft so, dass diese Sportler einen klinischen Aufenthalt in irgendeiner Form haben. Aber auf jeden Fall findet eine kontinuierliche therapeutische Begleitung statt, nicht nur medikamentös, das ist wichtig.

Wann gilt eine Depression als geheilt?

Wenn die Symptome, die zu einer Depression führen, nicht mehr erfüllt sind. Aber eine Depression kann immer wiederkommen, das ist ja nicht für immer geheilt. Nur die depressive Phase oder Episode ist dann beendet.

Wie kommt es, dass bei Sportlern häufig erst nach dem Karriereende eine Depression auftritt?

Du bist von Anfang an in so einer klaren Struktur. Beispiel Schwimmen: Du fängst früh damit an und bist nichts anderes als Schwimmer und Schüler. Du setzt dich also gar nicht mit deiner kompletten Identität auseinander. Ich bespreche die Frage ganz oft: Was ist man neben dem Sport noch? Wenn du oben ankommen willst, musst du alles in den Sport investieren und da bleibt wirklich nur sehr wenig Zeit übrig, in der du dich damit auseinandersetzen kannst, wer du neben dem Sport als Mensch überhaupt noch bist.

Warum wird das Thema psychologischer Erkrankungen immer noch weitestgehend tabuisiert?

Es geht um Leistung und Leistung erbringen. Alles, was die Leistung schmälert, ist nichts, was nach außen getragen wird, weil es als Schwäche ausgelegt werden kann – von deinen Gegnern, deinen Mitspielern oder dem Verein, der dich verpflichten will. Das kann man verschweigen, das muss niemandem auffallen. Alle anderen körperlichen Erkrankungen sind irgendwann offensichtlich. Die Leute denken meist: „Ach, ist ja nur der Kopf.“ Man würde auch nicht sagen: „Ist ja nur Krebs, da musst du dich halt mal anstrengen oder mehr über deine Gefühle oder Gedanken reden.“ Der Krankheitsbegriff ist medizinisch von Ärzten geprägt, da geht es nur um den Körper. Darum hinken wir historisch ein bisschen hinterher, dabei hängen Kopf und Körper so stark zusammen.

Der Suizid von Fußball-Nationaltorhüter Robert Enke war ein markanter Einschnitt in der öffentlichen Wahrnehmung. Was hat sich seither Ihrer Meinung nach gebessert?

Es gibt verschiedene Vereine, die sich einsetzen, um die Systeme zu stärken. Die ein Bewusstsein dafür schaffen, dass sogar der Sportler eine psychische Erkrankung haben kann. Die Vereine versuchen, präventiv vorzubeugen, begreiflich zu machen, dass es etwas Normales ist, wie die Kreuzbandverletzung und das weniger mit Scham besetzt ist und endlich enttabuisiert wird. Es müsste intensiver erforscht werden, wo man im System Leistungssport eher eingreifen könnte. Das passiert schon, aber vielleicht noch nicht ausreichend. Es müsste normal sein, dass du eine Blinddarmentzündung haben kannst, ein gebrochenes Bein oder eine psychische Erkrankung und dass keiner irgendwas dafür kann. Häufig heißt es: „Warst halt nicht stark genug“ – oder so etwas. So ist es nicht mit dieser Erkrankung.

Haben Sie in der Corona-Krise mehr Nachfrage an Gesprächen und Betreuung erfahren?

Die meisten Athleten, die ich betreue, haben ganz unterschiedlich reagiert. Manche brauchten von Anfang an viel Betreuung, andere habe sich erst später gemeldet und sich zunächst komplett zurückgezogen. Einige, melden sich lange nicht und dann plötzlich, weil sie an bestimmten Sachen arbeiten möchten und das als Chance nutzen. Ich glaube, es ist eher anders als mehr, eine individuellere Betreuung.

Welche Herausforderungen gab es in der Zeit des Lockdowns speziell für Sportler?

Die Frage, mache ich überhaupt weiter? Wenn ja, wie? Was heißt das für mich privat, beruflich, für mein Team, für meine Finanzen, für alles mögliche? Das ist, als würde man einem kurz den Stecker ziehen, und dann fragt man sich, ob man in die gleiche Steckdose wieder alles reinstecken möchte oder eigentlich den Strom woanders her beziehen will. Wenn es etwas gibt, das Sportler haben, dann einen durchstrukturierten Tag. Und auf einmal gab es keine Struktur mehr von außen.

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Sehen Sie sich eher als Leistungs-Optimierer oder in heilender Funktion?

Ich reise selbst zu viel, als dass ich jemanden mit einer schweren Depression kontinuierlich betreuen könnte. Das ist ja Krisenintervention, da musst du vor Ort sein.

Das Interview führten Stefanie Naumann und Alexander Hiller.

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