merken
PLUS Sport

Nach 20 Jahren ringt Zanardi erneut um sein Leben

Dass er den Horror-Crash auf dem Lausitzring überlebt hat, grenzt an ein Wunder. Jetzt muss der Italiener wieder kämpfen, ins Leben zurückzukehren.

Am 15. September 2001 versuchen Rettungskräfte, den Italiener Alessandro Zanardi aus seinem verunglückten Rennwagen zu bergen.
Am 15. September 2001 versuchen Rettungskräfte, den Italiener Alessandro Zanardi aus seinem verunglückten Rennwagen zu bergen. © Archiv: dpa/Matthias Hiekel

Von Kristof Stühm und Thomas Flehmer

Klettwitz. Kurz bevor Alessandro Zanardi in den Rettungshubschrauber gehievt wird, beugt sich in all der Hektik noch ein Priester über ihn. Der Diener Gottes gibt Zanardi die Letzte Ölung – mit Motorenöl aus seinem zerfetzten Rennwagen. Niemand glaubt vor 20 Jahren daran, dass der Italiener diesen Horror-Unfall auf dem Lausitzring überleben wird.

Einkaufen und Schenken
Nur einen Klick entfernt
Nur einen Klick entfernt

Hier erhalten Sie nützliche Tipps und die aktuellsten Neuigkeiten rund ums Thema Einkaufen und Geschenke aus Ihrer Region.

15. September 2001, Gastspiel der US-Rennserie Champ Car in der Lausitz, kurz nach den Anschlägen auf das World Trade Center: Zanardi gerät nach einem Boxenstopp ins Schleudern, dreht unkontrolliert auf die Strecke, Alex Tagliani kommt mit Tempo 320 angerast, sein Wagen bohrt sich in den von Zanardi, reißt den Boliden in Stücke. Dabei werden Zanardis Beine abgetrennt, eins oberhalb des Knies, eins unterhalb.

Knapp 90.000 Fans an der Strecke halten den Atem an, die ARD bricht die Übertragung – die vor allem die US-amerikanischen Fans dieser Langstreckenserie vier Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September auf neue Gedanken bringen sollte – ab, Rennarzt Terry Trammell drückt mit Daumen und Zeigefingern verzweifelt Arterien zu.

Zanardi verliert literweise Blut. Siebenmal muss der frühere Formel 1-Pilot, der in 41 Grand Prix einen WM-Punkt holte, wiederbelebt werden – er bleibt am Leben und startet eine erfolgreiche Karriere als behinderter Sportler. „Es ist bis heute ein Mysterium, wie ich an diesem Tag überleben konnte“, sagte Zanardi noch Jahren später selbst.

Kann Gehirn und Körper trainieren

Heute kämpft Zanardi erneut nach einem Horror-Unfall um sein Weiterleben. Am 19. Juni 2020 kollidiert der mehrmalige Paralympics-Sieger beim Radrennen „Obiettivo Tricolore“ mit einem Lastwagen, erleidet schwere Kopf- und Gesichtsverletzungen. Nach mehreren Notoperationen kommt er zur weiteren Rehabilitation in ein Hospital in Venetien. „Derzeit ist Alex in einem stabilen Zustand, sodass er Trainingsprogramme sowohl für sein Gehirn als auch für seinen Körper absolvieren kann. Er kann mit uns kommunizieren, aber noch nicht wieder sprechen“, sagt seine Frau Daniela Anfang Juli dieses Jahres.

Und so bangen die Fans weiter mit ihrem Helden, vor allem für die Italiener ist Zanardi längst mehr als ein Athlet – er gibt ihnen Hoffnung, dass es auch in schweren Stunden weitergeht. Ihm ist das fast ein bisschen peinlich. „Die alleinerziehende Mutter, die jeden Tag früh aufsteht und zur Arbeit geht, um ihre Kinder durchzubringen, auch wenn es ihr überhaupt nicht gutgeht – ist die nicht viel mehr Inspiration?“, fragte er einmal.

Darum hadert Zanardi auch nicht, wenn er auf den 15. September 2001 zurückschaut. „Der Unfall war kein dunkler Moment meiner Karriere. Ich bin sogar dankbar, weil ich durch den Unfall eine ganz neue Welt entdeckt habe“, sagte er: Und: „Seitdem mag ich Bier. Das muss an dem vielen deutschen Blut liegen, das ich bekommen habe.“

15 Jahre nach seinem schweren Unfall holte Zanardi in Rio de Janeiro Paralympics-Gold im Handbike.
15 Jahre nach seinem schweren Unfall holte Zanardi in Rio de Janeiro Paralympics-Gold im Handbike. © Archiv: dpa/Jens Büttner

Die Bilder von seinem Crash auf dem Lausitzring haben sich eingebrannt. Der damals 34 Jahre alte Rennfahrer lag in Führung und geriet nach einem Boxenstopp unkontrolliert auf die Rennstrecke. Tagliani hatte keine Chance zum Ausweichen – Zanardis Auto wurde in der Mitte geteilt. Der Rettungshubschrauber brachte ihn in eine Unfall-Klinik nach Berlin. „Ich kam mit einem Liter Blut an“, sagte Zanardi, „die Ärzte haben ein wahres Wunder vollbracht.“ Acht Stunden dauerte die Operation, die Zanardi seine beiden Beine kostete.

Doch beim Aufwachen nach der Operation waren das die „kleinsten Probleme“ für den Rennfahrer: „Ich habe mich einfach nur gefreut, dass ich lebe.“ Seine Frau hat zu diesem Zeitpunkt bereits die Vorbereitungen für das neue Leben getroffen und mit Orthopädietechnikern über Prothesen gesprochen. „Du wirst stehen, du wirst laufen und deinen Sohn auf den Schultern tragen“, sagte Daniela Zanardi: „Vielleicht kannst Du sogar wieder Auto fahren.“

Zanardis Lebensmotto ist wieder gefragt

Schon sechs Wochen nach dem Unfall verließ Zanardi am 30. Oktober 2001 das Krankenhaus – zwei Jahre später saß der Rennfahrer wieder in speziell umgerüsteten Autos in verschiedenen Serien. 2016 gelang dem Italiener in einem umgerüsteten BMW M6 GT3 sogar ein Sieg beim Saisonfinale der italienischen GT-Meisterschaft. Zu diesem Zeitpunkt war Zanardi bereits viermaliger Paralympics-Sieger mit dem Handbike. Mit einem eigens konstruierten Bike trat er auch im Triathlon beim legendären Iron Man auf Hawaii an.

Weiterführende Artikel

Der Lausitzring - fast immer zwei Nummern zu groß

Der Lausitzring - fast immer zwei Nummern zu groß

Die Rennstrecke ist doppelt so groß wie das Fürstentum Monaco und die größte Sport- und Eventstätte in Ostdeutschland. Stars haben hier ihre Spuren hinterlassen.

Besser ohne Beine

Besser ohne Beine

Sein Leben, sagt Alessandro Zanardi, ist ein Rennauto. Durch den Horror-Crash auf dem Lausitzring habe sich lediglich die Farbe des Wagens geändert.

Zanardi feiert DTM-Debüt

Zanardi feiert DTM-Debüt

Der seit seinem Unfall 2001 am Lausitzring beinamputierte Italiener fährt bei der doppelten Premiere der Serie in Misano.

Mehr noch als die Medaillen und die Siege zählte der Wille: Der BMW-Markenbotschafter wurde mit seinem Lebensmut zum Vorbild für viele behinderte Menschen. „Ich hätte wohl ein anderes Leben gehabt, aber vielleicht nicht so ein glückliches“, sagte Zanardi auf die Frage, ob er tauschen würde, wenn er den Unfall rückgängig machen könnte: „Ich bin ein behinderter Mann, aber ich fühle mich nicht eingeschränkt, weil ich genau die Dinge machen kann, die ich möchte.“ In Italien bekam Zanardi eine eigene Fernseh-Show, gründete selbst die Zanardi-Stiftung.

Nach dem zweiten Unglück vor einem Jahr bleibt Zanardi aber seinem Lebensmotto treu: „Solange du Träume hast, du Dinge erledigen musst, bist du glücklich. Verändere deine Niederlagen in deine Chancen.“ (sid, dpa)

Mehr zum Thema Sport