merken
Sport

Ein ungerechtes Bürokratiemonster?

Die Millionen im Spitzensport werden künftig verstärkt anhand einer Experten-Analyse vergeben. Das sorgt für Unbehagen.

Startet für den Deutschen Leichtathletik-Verband, den Sieger der Potenzialanalyse –, enttäuschte aber bei Olympia: Speerwerfer Johannes Vetter, hier nach seinem Istaf-Sieg am Sonntag vor einer Woche.
Startet für den Deutschen Leichtathletik-Verband, den Sieger der Potenzialanalyse –, enttäuschte aber bei Olympia: Speerwerfer Johannes Vetter, hier nach seinem Istaf-Sieg am Sonntag vor einer Woche. © dpa/Andreas Gora

Von Christian Hollmann, Lars Reinefeld und Claas Hennig

Berlin. Im verschärften Wettlauf um die Fördermillionen hat die deutsche Leichtathletik die besten Chancen, für die Basketballer sieht es schlecht aus. In der Bewertung von Strukturen und Erfolgschancen, die bei der Vergabe der Bundesmittel künftig stärker Einfluss haben wird, erhielt der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) am Montag im Abschlussbericht einer Expertenkommission die besten Noten. Schon am Dienstag wird die sogenannte Potenzialanalyse (Potas) Basis für Verhandlungen des Bundesinnenministeriums und des Deutschen Olympischen Sportbunds mit den Sommersportverbänden über Zuschüsse von38 Millionen Euro sein.

Anzeige
Wer kennt diesen Ort?
Wer kennt diesen Ort?

Jetzt an unserer Umfrage teilnehmen, 4 kurze Fragen beantworten und mit etwas Glück exklusive Preise gewinnen.

Während auch der Tischtennis-Bund und die Reiterliche Vereinigung ein besonders gutes Zeugnis erhielten, finden sich neben dem Deutschen Basketball Bund (DBB) auch der Fechter-Bund und die Taekwondo Union am Ende des Feldes wieder. „Die Ergebnisse sind nicht ganz so überraschend“, sagte der DOSB-Leistungssportvorstand Dirk Schimmelpfennig bei der Potas-Präsentation in Berlin. Im Dachverband hatte es Kritik am Potas-System gegeben. „Es gibt Dinge, die man im Sport nicht berechnen kann, sonst gäbe es keine Sportwetten“, warnte auch Schimmelpfennig.

Vor zwei Wochen präsentierte Ingo Weiss (l,), der Präsident des Deutschen Basketball Bunds, den neuen Bundestrainer Gordon Herbert (M.) gemeinsam mit Armin Andres, Vizepräsident. Nun hat Weiss aber alles andere als Grund zur Freude.
Vor zwei Wochen präsentierte Ingo Weiss (l,), der Präsident des Deutschen Basketball Bunds, den neuen Bundestrainer Gordon Herbert (M.) gemeinsam mit Armin Andres, Vizepräsident. Nun hat Weiss aber alles andere als Grund zur Freude. © dpa

DBB-Chef Ingo Weiss hält die Bewertung sogar für unfair. „Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses wissenschaftliche System den Mannschaftssportarten nicht gerecht wird“, sagte Weiss, der auch Sprecher der DOSB-Spitzenverbände ist. Er setzt nun darauf, dass die Förderkommission erkenne, „dass es beim Basketball anders läuft als in dieser Analyse dargestellt“, und dem DBB keine Mittel streicht.

Das Bundesinnenministerium machte jedoch deutlich, dass Potas künftig maßgebliche Grundlage für die Verteilung der Gelder sein wird. „Die Spreizung wird zunehmen, was Zuwächse und Verluste anbelangt“, sagte Staatssekretär Markus Kerber. Die Zuteilung der Fördermillionen müsse sich stärker an messbaren Erfolgspotenzialen ausrichten. Bislang habe es ein „weitgehend unstrukturiertes Fördersystem“ gegeben.

Das Ziel der Politik ist nach den Enttäuschungen bei Olympia in Tokio mehr denn je klar. „Wir hätten gern noch mehr erfolgreiche deutsche Athletinnen und Athleten, weil das Vorbilder sind“, sagte Kerber. Bei den Sommerspielen in Japan hatte das deutsche Team mit 37 Medaillen, davon zehn goldenen, das schwächste Resultat seit der Wiedervereinigung erreicht. Auch der Potas-Sieger DLV hatte mit einmal Gold durch Weitspringerin Malaika Mihambo und zweimal Silber die Erwartungen klar verfehlt.

Die Potas-Kommission war 2017 vom damaligen Innenminister Thomas de Maiziére berufen worden. Der CDU-Politiker hatte zuvor „mindestens ein Drittel mehr Medaillen“ als Gegenleistung für die Fördermittel angemahnt. Im Zuge der Spitzensport-Reform werden die Gelder stärker anhand von Erfolgserwartungen und Medaillenchancen verteilt. In die Analyse fließen die sportlichen Bilanzen bei wichtigen Wettbewerben einschließlich Olympia, der Blick auf die Kaderathleten und Talente, die Trainingsmethodik und wissenschaftliche Begleitung sowie die Bewertung der Strukturen der Verbände ein.

Man wolle „das Momentum wieder umdrehen“, sagte Kommissionschef Professor Urs Granacher. Seit Barcelona 1992 sei die Medaillenausbeute bei Olympia konstant rückgängig. Verbände mit einer schwächeren Potas-Gesamtnote würden sowohl bei ihren Strukturen wie auch bei den Erfolgsnachweisen Defizite zeigen. Basketball-Chef Weiss konterte, durch den Viertelfinal-Einzug des Männer-Teams bei Olympia habe man die Zielvorgabe „übererfüllt“. Schwächen weist der DBB laut Potas aber vor allem bei den neuen Sportarten 3x3-Basketball und bei den Frauen auf.

Grundsätzlich ermittelten die Fachleute aus Sportwissenschaft und Praxis Schwächen vor allem bei den Mannschaftssportarten, die im Vergleich zu den Individual-Sportarten im Schnitt deutlich schlechtere Noten erhalten haben. Leichtathletik-Generaldirektor Cheick-Idriss Gonschinska warnte indes vor voreiligen Rückschlüssen: „Die Sportarten sind aufgrund ihrer teilweise völlig unterschiedlichen Wettbewerbssituationen, Anforderungen und Bedarfe nur bedingt linear vergleichbar.“

Weiterführende Artikel

Olympia – sind wir stark genug?

Olympia – sind wir stark genug?

Die Spiele in Tokio sind anders. Sieger und Verlierer gibt es dennoch. Fragen an Ulf Tippelt, Direktor der deutschen Medaillenschmiede IAT in Leipzig.

„Verkalkuliert“ mit dem Wunderland DDR

„Verkalkuliert“ mit dem Wunderland DDR

Die Wiedervereinigung weckte auch die Erwartung, Deutschland werde Nummer eins in der Sport-Welt – für den obersten Funktionär eine „Milchmädchenrechnung“.

Erst grausame Gespräche, jetzt mehr Geld

Erst grausame Gespräche, jetzt mehr Geld

Die Spitzensportreform nimmt nun endlich Konturen an. Der deutsche Sport soll wesentlich mehr Fördergeld bekommen.

Drohung nach der Krisensitzung

Drohung nach der Krisensitzung

Der deutsche Leistungssport soll reformiert werden. Doch jetzt drohen die Pläne an der Finanzierung zu scheitern.

Einen schnellen Aufschwung in Form eines Medaillenregens bei Olympia 2024 in Paris könne man durch Sportreform und Potas allein nicht erwarten, mahnte DOSB-Funktionär Schimmelpfennig. Die angestrebte Offensive bei Nachwuchsgewinnung und Talent-Entwicklung werde eher in Richtung Los Angeles 2028 und Brisbane 2032 Früchte tragen können. (dpa)

Mehr zum Thema Sport